Stefan Schmitzer liest Lydia Haiders Näher zu thee, hehr Beidltum (Österreich)

Im Februar ist im Kölner Verlag parasitenpresse ein Bändchen erschienen, das ein (laut Eigenbezeichnung) Lehrgedicht der umtriebigen Theaterautorin Lydia Haider nebst dazugehöriger Handreichung in Form eines Essays von der Literaturwissenschaftlerin Judith Goetz enthält.
Cover © Parasitenpresse
Der vollständige Titel des Gedichts lautet Näher zu thee, hehr Beidltum (Österreich) / Closer to thou als Gott. Mein Geheul im 3/4-Takt., und es beginnt an beiden Enden des Buches, das somit keine Vorder- oder Rückseite hat, sondern nur zwei unterschiedlich gestaltete, zueinander verkehrte Vorderseiten (der erwähnte Essay befindet sich dann in der Buchmitte). Egal also, dürfen wir denken, wie wir das Buch (bzw. das Land) drehen und wenden – wir finden uns stets wieder am Anfang des verheißenen Beidltums, mit diesem Vorsatz:
Jaaaa! Jawohl! [ein Stöhn/Schrei vgl. Laibach: Geburt einer Nation] Das Beidltum nimmt Überhand in Österland. Der Rechte Gott macht Überhand durch Österland. Dem Schwachsinn reißts die Überhand auf Österland. So lass mich noch viel näher hin zu thee. So lass mich doch viel closer auf to thou. Mich ruft es hin und drängt es ganz als Sau. Mich rufts ins Reich rein gleich dir fettem Vieh. Jaaaa! Jawohl! [ein Stöhn/Schrei vgl. Laibach: Geburt einer Nation]
Das darauf folgende Gedicht – geschrieben, wie uns Goetz’ Essay beauskunftet, zu einem Zeitpunkt, da noch nicht klar war, ob nach dem Ende der Regierung Karl Nehammer nicht vielleicht doch die Machtergreifung des Möchtegern-Volkskanzlers Herbert Kickl bevorsteht –, es bietet, was der Titel verheißt: eine um salonfähige Sprache und sauber gearbeitete Details gänzlich unbekümmerte (mit Sigi Maron gesprochen, eine „in der Sprache der Beherrschten, nicht der Herrschenden“ abgefasste), harsche, klarsichtige und überaus lustige Revue der österreichischen Spielart jener patriarchalischen, gewaltförmigen Strukturen sowie Lebens- und Denkweisen, die bekanntermaßen das Nährsubstrat des Faschismus ausbilden. Klaus Theweleit spricht z. B. vom „Körperpanzer soldatischer Männer“.
Phallokratie
Die anscheinende (augenscheinliche? nur scheinbare?) Bereitschaft der Bevölkerungsmehrheit zum Pogrom wie zur besoffen-weinerlichen Verhaberung und zur autoritären Täter-Opfer-Umkehr – Haider bildet sie ab, indem sie sie, und mit ihr Österreich, ausgesucht „tiaf“ (d.h. einerseits „Niveau verweigernd“, andererseits „abgründig“), als einen Männerbund besingt, als narzisstisch um sich selbst (oder eben ihr dauer-erigiertes Ich-Ideal, den Führer) kreisende Phallokratie:
Hosanna in der Hose geht das weiter bergwärts auf Bergpredigt von recht rechten Beidln. Geht das weiter bergwärts so hoch hinauf und singt sich siegessiechend und singt und singt so schön. Sing dir zu im Hirn ist Österreich drin. Wink dir zu im Hirn ist Österreich drin Ganz vorn dabei: recht rechte Beidln im Wichs. Ganz vorn dabei: recht schöne Beidln in Kutte. Ganz vorn dabei: schön rechte Schwänze im Slimfit. Ganz vorn dabei: schön schöne Pimmel in Tracht. Schau hin auf das schönschwanzige Winkiwinki. Hör hin auf das schwanzschönige Gesinge. We need an all permanent solution to our problem (…)
… und so weiter. Wozu soll zeitgenössische Literatur auch analytisch-vorsichtig vorgehen, wenn das ihr gestellte Problem just nicht die Unerklärlichkeit eines sozialpolitischen/soziosexuellen/sexualpolitischen Verhängniszusammenhangs ist, sondern die triumphale Fortexistenz des erschöpfend kritisierten, blank durchschaubaren Unheils und -fugs? Haider führt folgerichtig bloß vor und exerziert durch, was sich der Logik ihres Inhalts (der Phallokratie) und ihres Gestus (des froh-konfrontativen Grölens) gemäß unmittelbar aufdrängt.
Oma, Zahra, Opel Tantra
Dieses sich unmittelbar Aufdrängende ist dabei umfangreicher und bietet uns überraschendere Schauwerte, als der erste grobianisch-freudianische Impuls vielleicht vermuten hätte lassen: Da ist eine Art Typologie der „Austro-Beidln“; da ist auch notwendige Reflexion der Sprecherinnenposition (die sich unter der Hand mehrfach ändert) in Bezug auf eine solche Typologie; dann gibt es die Omas als Garantinnen einer Gegen-Geschichte, eines Österreichs außerhalb des Kults, das sich freilich zu dem Kult irgendwie verhält:
Meine Oma fickt dich so zurück und reißt dir den ganzen Geschlechtsapparat heraus dabei du Ei und läuft damit eine Ehrenrunde nackt ums Haus. Meine Oma reißt jeden tag einen Apparat aus und kommt auf einen geistgeilen und sehr gerechten Schnitt im Herausreißen der Beidl aus den Beidln einen Durchschnitt wie echten Großschnitt im Jahr.
Ferner tritt prominent auf: ein „Zahratustra“, der so heißt, weil er sich bei der Modekette Zahraeinen „Blaser“ kauft, bzw. wird er dann in seinem „Opel Tantra“ von einem Beifahrer begleitet, der sich als „Blaser“ betätigt, woraufhin, nun ja:
Jetzt fahren wir auf das Ende hin die Wand ist mir zu leicht. (…) Hast du die weich Leich gesehen da im zerschossenen Opel Tantra die Leich des Zahratustra (…)
Das ist dann freilich nur das Ende jenes einen konkreten „Slimfit“-Exemplars, nicht des Texts. Der geht noch ein paar Wendungen weiter. Was von ihm hängen bleiben wird, ist, wie er die Möglichkeit intelligent vorführt, in einer verrohten, verengten („pun not intended“) Diskursform des Dissens zu markieren, und mithin auch abbildet, wie weit (und eben nicht weiter) ein so geäußerter Dissens kommt.
Haiders Text ist schließlich, natürlich, auch kathartisch, insofern sie die „Beidln“ eben „Beidln“ nennt und ihren recht rohen Spaß mit ihnen treibt, uns zur Erbauung und Belehrung – zu einem historischen Zeitpunkt, wo just diejenigen unter den „Beidln“, die durchaus wissen, was sie sind, wieder einmal entschieden zu viel Selbstvertrauen vor sich her tragen („pun intended“).
Lydia Haider: Näher zu thee, hehr Beidltum (Österreich) / Closer to thou als Gott. Parasitenpresse, Köln, 2025. 80 Seiten. Euro 12,–

