Klaus Ebner liest Peter Pessls Dieser seltsame Salamander Selbst

Ungewöhnlich der Buchtitel: Er deutet auf eher experimentelle Lyrik hin, die im Klagenfurter Ritter Verlag bekanntlich perfekt aufgehoben ist. Leser*innen finden sich in einer ganz eigenen Welt wieder; der Autor arbeitet mit und an der Sprache, und laut Klappentext vertieft er sein bereits in den vorangegangenen Büchern entwickeltes „Programm posthumaner Sprachverwandlung in konsequenter Weise“.
Cover © Ritter Literatur
Daher wohl der titelgebende Salamander, ein Lurch, dem seit der Antike nachgesagt wurde, er könne durch seine Körperkälte Feuer löschen.
Peter Pessl wurde 1963 in Frankfurt am Main geboren und ist in der BRD und in Österreich aufgewachsen. Seit 1984 ist er als freier Autor tätig; er schreibt Lyrik, Prosa und Stücke für Radioproduktionen (ORF). Pessl lebt in Wien sowie als Landmann und Bienenzüchter im Südburgenland.
Dieser seltsame Salamander Selbst führt Peter Pessls lyrisches Schaffen fort. Das Buch erinnert in mehrerlei Hinsicht an Ovids Metamorphosen. Es erzählt von Veränderungen, insbesondere der Sprache, und schafft eine Art mythologische Welt. Die Texte enthalten zahlreiche Wortspiele, Onomatopöien und Wortwiederholungen, es ist eine Welt verblüffender Eigengesetzlichkeit, die von ungewöhnlichen, phantasievollen Wesen bevölkert wird.
Milchmaus min Tümpel Leben will, weit und breit, kein Martermensch sein, kein Marder Mehrer, „was pin ich’n dann?“, (…)
Die Gedichte kommen in freien Rhythmen daher, Satzzeichen werden regelkonform verwendet und erleichtern die sonst nicht gerade einfache Lektüre. Viele Passagen stehen kursiv, manche Strophen oder Zeilen wurden eingerückt. Literarische Bezüge sind meist an der Nennung von Namen oder Werktiteln erkennbar. Manchmal sind in Blockbuchstaben gesetzte Titel vorhanden, und die meisten Gedichte tragen römische Nummern, wodurch sie jeweils als zu einem größeren Zyklus gehörig gekennzeichnet sind. Bisweilen kombiniert ein Text die Nummerierung mit einem Titel.
Die Sprache im Zentrum
Beim allerersten Lesen könnte sich das Gefühl aufdrängen, da hätten sich lauter Tippfehler eingeschlichen. Doch spätestens nach ein paar Worten wird klar, dass die Sprache absichtlich und gezielt verändert wurde und die Gedichte am besten laut gelesen werden sollten. Es gibt Lautmalereien, bewusste Betonungen und wohl auch ein Spiel mit Kindersprache. „JAHREKIRCHE“ beginnt folgendermaßen:
Fellviehschnee, Stiche, alles Ungelück unschneest windplan lose, sagte ich salamanderselbst ja, jajahrnicht, jamiramich jastamm, jeinmoos, neinwind, stillse pelzene Jahre, Jahrekirche einblutend, es ist (ganz) so, sagte Grimm, als fummelten Bienen am Immensee die Mädchenbutter zu Schilfenbrot, Grannen und Schlee, (…)
Weitläufige Assoziationen drängen sich auf, literarische Anspielungen sind fast unmerklich eingebettet. Die Lust am Fabulieren führt zu interessanten Wortschöpfungen. Sie machen die Texte einerseits nicht so leicht verständlich, sorgen jedoch andererseits für eine Tiefe und Vielschichtigkeit, die Leser*innen erst einmal aufblättern und interpretieren müssen.
So ichle schilfhapf habe auck, zwischen windsamen Zweigen und Galgants Sprossen, der Fallsucht mondweis, im Finstern, der Blühsucht korngelb, im Licht, so habe ichlein brühwarm wennig wehnige Ziel, weniger Zerren auch Halm-Zensus Zentaur (der Fraßzeit)
Es liegt auf der Hand, dass Pessls Gedichte aufmerksam gelesen werden müssen, langsam und sorgfältig. Leser*innen sollten sich gewissermaßen in die Sprache fallen lassen, in die Laute, die hier aufgrund der besonderen Orthografie betont und verstärkt werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Texte für Lektorat und Korrektorat der nackte Wahnsinn sind – ohne das Zutun und die Endkontrolle des Autors geht hier vermutlich gar nichts. Das Endprodukt kann sich aber sehen lassen: Ungewöhnliche Formulierungen und Konstruktionen, Phantasiewörter und (bei diesem Dichter einmalige) Neologismen bieten ein weites Feld der Interpretation, sofern man sich freilich darauf einlässt.
Die Welt in der Andeutung
Wiederholt finden sich Prosa-Kommentare auf den Seiten. Hier spricht Pessl von Erinnerungen, von Träumen, die in der Folge zu Gedichten führten, und von Begegnungen, etwa mit Kolleg*innen aus dem Umfeld der Literatur. Auch die ernsten Themen der Weltpolitik werden angesprochen, wenn es etwa heißt: „für das fünfjährige ukrainische Mädchen namens Snegurotschka, ‚Schneeflöckchen‘, verwundet in Krasnodar im März 22, unweit des Wäldchens, in dem mein Vater gekämpft hat im 2. Krieg, und schwerst verwundet, lange dalag in der verschneiten Ebene und ausblutete“. Alle Kommentare liefern ergänzende Informationen und wirken sehr persönlich. Bei der Lektüre hatte ich das Gefühl, der Autor träte mir damit ein Stück näher.
Neben der Arbeit am Wort und generell an der Sprache kommen folglich Anspielungen und Erinnerungen an die Jugend zum Tragen, die der Autor in ländlicher Umgebung verbracht hat. Die weltpolitischen Ereignisse werden geradezu verborgen referenziert. In diesem Zusammenhang waren es primär die oben genannten Erklärungen, die mich beim Lesen auf den richtigen Pfad lotsten.
Der folgende Ausschnitt verweist, wie der im Buch angeschlossene Kommentar verrät, auf einen Dialekt, der laut Pessl heute beinah verschwunden ist, sowie auf einen Text von Friedrich Hölderlin:
Nochengarad, durch gleißen durch beißen, ob ich die Lichtung das Lied-wie-Raum, das Lied ging von Försterdingen, vom Sang und vom Klang, (und) ob ich vom Flüstern Gestaltdüstern der Espen Elblein Esparsetten jetzt, und für immer, Abschied nehmen muss, nich will, nochengarad vopeischeen, norgendanad popeischeen, nich kann, popanadreischeen, im Grund sei das Schluchzen hinterm Fluss der Schluchten das Fauchen (…)
Dieser seltsame Salamander Selbst ist ein ungewöhnliches und sprachgewaltiges Buch. Das macht die Lektüre zwar schwierig, doch wer sich darauf einlässt, kommt auf seine Kosten. Für mich zählt Peter Pessls Lyrikband zu jenen Büchern, mit denen ich mich lange Zeit beschäftigen kann (und möchte). Denn gerade bei mehrmaliger Lektüre gibt es immer wieder Neues zu entdecken: sprachliche Besonderheiten, Anspielungen und inhaltliche Tiefgründigkeiten, die beim vorhergehenden Lesen schlicht übersehen wurden. Daher eine Leseempfehlung für ein ganz besonderes Buch!
Peter Pessl: Dieser seltsame Salamander Selbst. Ritter Literatur, Klagenfurt 2025. 160 Seiten. Euro 19,–

