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Schreiben im Schatten der Machtlosigkeit

Schreiben im Schatten der Machtlosigkeit

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Rhea Krcmárová liest Christopher Schmalls gegenstandslos


„KOMM, ERZÄHL VOM KRIEG, VON DEM DU NICHTS ERZÄHLEN KANNST! KOMM, ERZÄHL VOM KRIEG. SAG NUR ICH DAS VON MIR SELBST? SAG NUR ICH DAS?“

Die ersten Zeilen, die man von Christopher Schmalls Gedichtband liest, stehen nicht im Buchinneren, sondern sind in Blockbuchstaben auf die Rückseite gedruckt. Dicht an dicht über in sich verlaufenden Farbstreifen werfen sie Fragen auf, die sich durch das gesamte Buch ziehen: Bedeutet Schweigen Mittäterschaft? 

Cover © fabrik transit

Ist es die Verantwortung als Dichter, etwas zu sagen und Stellung zu beziehen? Muss Content kreiert werden auf Gedeih und Verderb? 

Der Autor widmet sich diesen Fragen ausführlich und formell divers. Laut Verlag handelt es sich bei gegenstandslos um eine „Sammlung von 77 politischen, philosophischen Gedichten, die in Form und Länge variieren, vom Einzeiler bis zum mehrseitigen Zyklus“. Schmalls Gedichte thematisieren Krieg, Umweltzerstörung, Konsum, Heimat, NS-Zeit, Glaube, Psyche und Identität. 

Christopher Schmall, 1993 in Salzburg geboren (und laut seiner Homepage im Brotberuf Leiter der Mitarbeiterkantine der Salzburger Festspiele), beschreibt das Buch auf seiner Homepage folgendermaßen: „In meinem zweiten Gedichtband werde ich explizit, nehme mir kein Blatt vor den Mund, nenne die Dinge beim Namen. Durchwegs politische und philosophische.“

Gegenstandslos enthält auf 180 Seiten viel, sehr viel: Wortspiele, konkrete Poesie, typographische Experimente, Alliterationen, Listen, Aphorismen, Texte an der Grenze zu Prosa. Das ist ein sehr ambitioniertes Vorhaben, das in sich auch ein Scheitern riskiert, über weite Strecken aber gelingt. Die klein geschriebenen, oft anderen Autorinnen und Autoren gewidmeten Gedichte verzichten großteils auf Satzzeichen, was ihnen in all ihrer Fülle und Diversität etwas Verbindendes gibt.

adern  

„Wenn es
genug ist, Liebling, bin ich dann tot?“
– Brita Steinwendtner

wie viel
blut braucht es, um zu vergessen?
wie viel
vergessen stockt in unserem blut?
wie viel
vergessenes blut schreckt uns
in grund
und boden?

Sehr grob gesagt lassen sich Christopher Schmalls Gedichte in zwei Arten einteilen, kürzere, verknappte und längere, wucherndere. Die knapperen Gedichte wie „adern“ scheinen präziser gearbeitet, umfangen einen einzelnen Gedanken, graben ihn aus und reduzieren ihn auf seine Essenz. Einige der Gedichte lesen sich eher wie Aphorismen. „alle wege führen nach auschwitz“ ist ein wenig platt, „belanglos ist alles, was uns nicht zu interessieren hat“ trägt einen interessanten Gedanken in sich. 

Die Lust an Listen

In Zeiten von Informationsüberfülle und allgemeinem Chaos wächst der Wunsch nach Ordnung, nach Übersicht. Vielleicht war das die Motivation hinter den Listen-Gedichten in gegenstandslos. Diese Aufzähl-Zeilen fangen Gedanken und Aspekte ein, geben ihnen den Anschein einer Ordnung, vielleicht auch etwas wie eine Hierarchie. „23 sätze für wien“ ordnet Zeilen einer Fantasie-Geografie zu, erweitert das Stadtbild um Gedanken und Sätze, die sich den realen Bezirken nicht oder vielleicht doch zuordnen lassen. 

1 erinnern – nicht wehr nicht meniger
2 schlägt ein ins zentrum des zweifels: das glück des
möglichen
3 maria, hilf mir zu tanzen
4 nicht sich kasteien, nicht sich verbieten, nicht sich
richten
5 auch der marder liebt und lacht
6 kündet vom langsamen schälen und schärfen, wer
nächtens fassadenreliefs und zitternden fenstern lauscht
7 im straßennetz eingefangen: lichtlaich, fetzen von
leben
(…)

Im Elfriede Gerstl zugedachten (und vom Vortrag ihres Texts „Ich gebrauche also bin ich – 21 Substitutionen“ inspirierten) Gedicht „heimatlos: 25 einbürgerungen“ arbeitet sich Christopher Schmall am Konzept der Heimat ab, spielt mit Sprüchen und Sprichwörtern, bricht und hinterfragt sie, stellt sie in einen neuen Kontext. 

1 alle heimat ist schwer
2 eine heimat wäscht die andere
3 die heimat heiligt die mittel
4 heimat ist eine brücke
5 heimat verdirbt den charakter
6 die heimat sah in den spiegel und erkannte sich
7 mein name ist heimat, ich weiß von nichts
(…)

Überfülle, ungeordnet

Andere Gedichte verzichten auf den Versuch einer (Ein-)Ordnung, breiten sich über mehrere Seiten aus, wobei bei manchen (wie „durchs Tal (mit Christine Lavant“)) nicht klar ist, ob es sich um ein einziges Gedicht handelt oder um eine Art Zyklus. Viele der langen Gedichte haben etwas Fragementarisches, wirken wie eine Sammlung von Gedanken, Assoziationen. Wollte der Autor damit den mentalen Überflutungszustand der (medialen) Welt durch diese Gedichte abbilden? Zum Teil bekommt man den Eindruck, dass manche Texte zu viel wollen, sie wirken fast wie Gedankensammlungen, die möglichst viele Aspekte einfangen wollen, und weniger wie fertig „Verdichtetes“.

See Also

So enthält das Gedicht „Tag der Fahnen“ auf drei Seiten Wortspiele und Bundeshymnen-Fragmente, Dialektzeilen, Wortvariationsaufzählungen und Bedeutungsverschiebungen und lässt so die Frage zu, ob der Text nicht etwas gewonnen hätte, wenn er nicht in einem großen Stück, sondern als in seine Teile herabgebrochener Zyklus präsentiert worden wäre. Auch andere Gedichte hätten von einer Kürzung bzw. Aufteilung profitieren können. „mutschuld“ wirkt ein wenig zu lang, wie eine Liste an Assoziationen, die dem Autor eingefallen sind. 

Zumindest begnügt Christopher Schmall sich nicht nur damit, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, er sucht auch die Verbindung zum Persönlichen. Ein lyrisches Ich bzw. Du loten in Gedichten wie „herrschaft“ und „das darftst du nicht“ aus, wie das Leben in einer martialisch kapitalistisch-konservativen Gesellschaft sich auf die Psyche des Individuums auswirken kann.

Prinzipiell kann man sagen, dass der Autor sich nicht nur inhaltlich an den von ihm erwähnten Themen abarbeitet, sondern auch formal experimentiert und sich der ungezwungenen, ungezügelten Lust am Sprachspielerischen hingibt. Das funktioniert nicht in jedem Gedicht. Die Phrase „gefickt eingeschädelt“ etwa im ersten Text lässt zumindest ältere Semester an den „Kentucky schreit ficken“-Running-Gag aus der 1990er-Jahre-Show „RTL Samstag Nacht“ denken und nimmt dem sich intensiv mit Ausbeutung auseinandersetzenden Text etwas die Ernsthaftigkeit. Im Christine Lavant gewidmeten Gedicht „durchs Tal“ spießt es sich sprachlich, wenn innerhalb weniger Zeilen betulich-altmodische Worte wie „traulich“ und „knechtschaft“ etwas unmotiviert auf „modegedopt“ und „humankapital“ treffen. In anderen Gedichten wie „katharsis“ funktioniert das sprachlich Überbordende besser, auch weil es konzeptuell eher zum Inhalt passt.

ich gieße november / nicht nur n icht
immer nicht zerrworte schein /
u fer(n)stand / gut möglich / an
fangen verbiegen / in uns / und den
tränen so sehr / mä andern und
strömen mäandern und ströme n / öfter
verlieren / auch ungerühr / t / erb
rechen gedichte / schweigen / dein ende

Anmerkungen, leicht überbordend

Den Gedichten folgt ein zwölfseitiger Anhang („Anmerkungen und Quellenverzeichnis“), in dem Christopher Schmall nicht nur Bezüge und Phrasen einzelner Gedichte erklärt, sondern auch manche Gedichte recht ausführlich kommentiert und erklärt. Zum Teil eröffnen die Erklärungen tiefere Interpretationsräume, bei manchen Gedichten stellt sich aber die Frage, ob sie eine so ausführliche Erläuterung überhaupt brauchen. Etwa wenn der (mit einem Mann verheiratete) Autor die Motivation hinter seinem Gedicht „wertlos“ preisgibt, in dem er sich mit heimischer und weltweiter Homophobie auseinandersetzt. Die menschliche und persönliche Betroffenheit des Autors spürt man aber schon beim Lesen des Gedichts, das keine weitere Ausführung braucht – der Autor kann der Macht seiner Worte, seiner Dichtung vertrauen. 


Christopher Schmall: gegenstandslos. fabrik.transit, Wien, 2025. 172 Seiten, Euro 18,–

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