Angelika Reitzer
Wahrnehmung, Anschauung, relative Dauer dunkel ists, hier wohnt keiner mehr der Dichter ist ausgezogen das Mädchen schleicht um das verfallende Häuschen lässt sich nieder unter kiffenden Vögeln, Krähen vielleicht die nichts gemein haben außer jung zu sein dass sie eine Schreibende werden will, mit allem Zweifeln sich aufmachen wird ist gewiss hier, in der Nachlässigkeit des unbeleuchteten Parks wer will das wissen? jahrelang hält sie das Maul dann rettet sie sich hinaus in einer Geschichte nenne ich einen Buben, der sich der Besitzerin gegenüber verteidigt er habe das Fahrrad nicht gestohlen, sondern seinem Freund abgekauft sie ist ganz heiß, als sie ihn erwischt heißt Kolleritsch, der Kleine, in meiner Geschichte nenne ich einen Zwölfjährigen Benjamin K. du hast mich antelefoniert in Sachen Anschauung, Wahrnehmung beim ersten Mal war ich in Fischland/Darß/Zingst am Übergang vom Fischland zum Darß und im falschen Heft im anderen Land mit Dichterinnen oder werdenden Ds später wolltest du wissen woher meine Sprache überhaupt kommen konnte da kanntest du die Eltern schon, die Mutter du warst so alt wie mein Vater der sagte aber nie zu mir: es ist gut was du tust mach dringend weiter der rief nie an um nachzufragen schreibst du wohl? du am Telefon Rheinsberg oder Wien, dazwischen Montpellier und Marseille könnte sein, wenn ich unterwegs bin und schreibe. Was für ein Erlebnis willst, dass ich weiterschreibe welches Buch ich vom Nachttisch nehme um es den ganzen Tag nicht mehr aus der Hand zu legen (Jahrestage, Johnson) ob ich mich vom Geliebten hinausscheuen lasse in den Tag oder die Nacht, ist egal, sagt deine Stimme die etwas mit dem Ort meines Herkommens zu tun hat wenn ich immer weiterschreibe du erreichst mich in Rom wo ich gerade denke das ist also die Struktur und dass es doch sehr viel ist wir reden über den Fisch in meinem Bauch über die gruselige Stimmung in und um Sant’Agnese fuori le mura aber kaum mache ich eine Pause bist du weg nach Hause gegangen vielleicht das Plätschern des Wassers, jetzt sind die anderen Jugendliche sie unterhalten sich in der Nähe, Zwitschern, Autos braune Blätter aus dem Nachbargarten, die über die Wiese rascheln darüber und über die waghalsigen Anfänge oder Versuche zwischen Graz und Uerikon wollte ich ein Gedicht schreiben, ähnlich vielleicht jenem das von den Pflasterern in Granada ausgegangen ist ein Gedicht für Fredy, der lange Zeit der einzige denkbare Grund dafür war ein Gedicht über die Dauer jener erlaubten Identität, wie du gesagt hast das Gedicht wirft Licht auf die Dinge hebt sie heraus rettet

Von Angelika Reitzer erschien zuletzt : Blauzeug, Gedichte, Limbus Verlag 2025, 96 Seiten. Euro 15,–
Cover © Limbus Lyrik
