Eva H.D.
TEMAGAMI SUNSET FAR FROM HOME I closed my eyes and saw Temagami as though it had been waiting for me, slow as its sunsets, patient as the dark sea stare of its rubberlipped moose; and the low hum of nightfall, bassline to the solo of a billion high virtuosic stars. How does this hope thrum in you – oh, and why? It glories in its thousand scars; sudden beauty in the blood like cesium, its unholy surfacings: I did not know these waters lived in me, dark lesion of June lake, ache of chances hope forgot. The dead stars, howls of light resurrected. Dead love fights for breath when least expected. SONNENUNTERGANG AM TEMAGAMI, FERN VON ZUHAUS Ich schloss die Augen und sah den Temagami als hätte er auf mich gewartet, träge wie Sonnen an ihm sinken, geduldig wie Elche dort mit gummi- haften Lippen, ihr dunkler Meerblick; das Summen der Dämmerung eine Bassline zum Solo hochvirtuoser Sterne, unabzählbar, Milliarden. Wie summt diese Hoffnung in dir – oh, und warum? Sie schwelgt in tausend Narben; plötzliche Schönheit, die wie Cäsium im Blut unheilvoll aufscheint: Ich wusste nicht, dass diese Wasser in mir leben, im See ein dunkler Bruch Tränen von Chancen, die ich zu träumen vergaß. Die toten Sterne, heulend, wiedergehn als Licht. Tote Liebe schnappt nach Luft wie aus dem Nichts.
Dieses Gedicht der kanadischen Lyrikerin Eva H.D. schließt gleichsam selbst die Augen und taucht in die Atmosphäre am Temagami, einem immens weitläufigen See in Kanada, um bei diesem Eintauchen funkelnde Sprachkleinode in Form von Bildern, Vergleichen, Metaphern ans Licht zu befördern, nicht zuletzt die Erinnerung an eine „tote Liebe“, die „wie aus dem Nichts“ nach Luft schnappt. Als eine solche Meisterin des unerwarteten (Bild-)Moments erweist sich Eva H.D. auch in diesem Gedicht, man wird bei seiner Lektüre gleichsam von innen überrascht:
-Michael Hammerschmid

Eva H.D.: Wenn alle deine Freunde vom Felsen springen. Aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag und Steffen Popp. München: Hanser, S. 106, 107.
Eva H.D. liest am 21.4.26 um 19 Uhr beim Lyrikfestival „Dichterloh“ in der Alten Schmiede

