Alexander Peer liest Gerald Nigl Liebe Liebesgedichte

Der Titel drängt verschiedene Lesarten auf. Zunächst den Imperativ – du sollst gefälligst Liebesgedichte lieben, wozu denn sonst die ganze Poesie! Oder es ist eine beschreibende Qualität, die einen leicht kindlichen Ton verrät, es sind „liebe“ im Sinne von „liebliche“ Liebesgedichte, nicht ganz ernst zu nehmen, aber gerade deshalb wirken sie, weil sie durch die Hintertüre eintreten möchten und sich nicht mit Pathos überheben.
Cover © fabrik transit
Es könnte aber auch eine Gegenüberstellung sein, hier die Liebe, da die Liebesgedichte, sie können manchmal nahe beieinander sein, manchmal aber füreinander unerreichbar. Von mancher Liebe bleiben später nur Gedichte und im Fall besonders notständiger Liebe will man alles eher als Dichten. Laut Gottfried Benn soll man es dann auch tunlichst lassen, sondern etwa telefonieren.
Doch das ist hier nicht der Fall: Hier wird Liebe vor allem in allen körperlichen Spielformen angepriesen, und sie will in sprachliche Kapriolen verwandelt werden, auch wenn dies mitunter misslingt. Es lässt sich schwer vorstellen, dass diese Gedichte nur Projektionen sein sollen, sie versuchen vielmehr aus dem Moment des Besonderen die Skulptur einer Ekstase zu meißeln – wie beim ballesterischen Torjubel. Das muss nicht immer eine sexuelle Vereinigung sein, aber praktisch immer das Spüren, die Wärme des anderen.
Transit – literarische Transgression
Der im Fasanviertel im dritten Bezirk beheimatete Verlag fabrik.transit zeigt seit Jahren ein Faible für Gedichtbände und Bücher, die sich einer Einordnung entziehen. So ergeht es mir mit Liebe Liebesgedichte. Es muss auch keineswegs ein Buch eingeordnet werden, aber man will doch wissen, woran man ist. Zunächst punktet das Buch mit seinem auffallenden Einband. Azurblau kommt es einem entgegen und lässt einen von mediterraner Leichtigkeit träumen. Es ist ein Bild von Nigl, das dafür herangezogen wurde. Das überrascht wenig, wenn man weiß, dass der der Autor vor allem als Maler tätig ist, aber eben auch gelegentlich literarisch an die Öffentlichkeit tritt. So erschien etwa 2019 in der Edition Art Science mit Im Weidenmass der Zeit mein Unterpfand bereits ein Gedichtband und vor vielen Jahren Die Schalen des Zorns 122 Skizzen 6 Motti ein Roman.
Schon in den Gedichten des Vorgängerbandes zeigt sich etwa eine Vorliebe für den strukturierenden Doppelpunkt. Dieser schafft hier eine Betonung, manchmal eine Gegenüberstellung, immer eine Zäsur. Er fokussiert auf die Verbindung zweier Gedanken oder sinnlicher Phänomene und rückt so manchmal auch Unvereinbares in eine intime Nähe.
Illustrieren lässt sich das etwa an der ersten Strophe dieses Gedichts:
No 059 Verflüchtigung Dein grübchen:süßes nass:getauchtes, butter:weiches hübsches Vollmond-Falten:Lach-Gesicht der Götterfreude Funkenregen im Doppel:Schicht:Herz-Vollbetrieb Von Augenblick zu Augenblick Verflüchtigung! (…)
Der Doppelpunkt in derart inflationärer Weise schafft eine visuell betonte Lyrikerfahrung, allerdings wirkt der Einsatz beliebig und erzielt so kein poetisches Echo. Zuweilen entsteht aber in einer Zusammenführung lautmalerisch-prädikativer Aussagen ein richtig üppiger Wortklecks, wie etwa bei der Interjektion „quietsch:frivol“.
Es passt zum Gestus des Fabulierens, der dieses Buch durchzieht und sich deshalb mitreißen lässt von seiner eigenen Begeisterung. Die so vorangetriebene Atmosphäre einer Huldigung von Priapos und Aphrodite, die offenbar allzeit bereit sind, erzeugt allerdings viel heiße Luft. Doch die unverkrampfte Art, Gedichte nicht als Botschaften oder Rechtfertigungen zu verstehen, sondern eben als Schauplätze von Wort- und Gedankenspielen, lässt diese heiße Luft wieder verwehen.
Recht auf Fruchtgenuss
Es ist gut möglich, dass dieser Band jener ist, der am häufigsten Fruchtgenuss beinhaltet. Ich meine damit das Wort selbst, und auch das, was es bezeichnet. Die Feier des Schäferstündchens kümmert sich wenig um den jeweiligen Tatort.
No 083 Spaß Im Wald ringsum zu ebener Erd Pilze vom Herrn und vom Stein, und dottergelbe üppige Ernte im Korb, auch süße Beeren dabei Ein Schlecken am Wegesrand Ein Schlemmen im Gras Ein Fruchtgenuss 1:1 unverdünnt Ein Fest des Lebens, ein Spaß Wir sind, du, du und ich Freiwaldwildlinge, rote Hasen im Feld und haben mit beiden Händen dem frühen Herbst das frische Laub abgeerntet und ins helle Gras gegriffen Und, du, wir lachten, hüftschwingend beherzt glucksend, rot herzlich und laut Die Pilze vom Herrn und vom Stein, dottergelb blasen andere mit hantigen Noten und Zitros und Dings Zeugs vom Wald ringsum zu ebener Erd zum Geschmacksknopsen-Hallali Und, du, wir lachten, kopfwiegend schelmisch quietschend und laut Ein Schlecken am Wegesrand Ein Schlemmen im Gras Ein Fruchtgenuss 1:1 unverdünnt Ein Fest des Lebens, ein Spaß
Jedes Gedicht trägt im Titel eine Nummer. Es sind in Summe hundert Liebesgedichte. Es liegt in ihrer Natur, dass sie sich motivisch wiederholen, sie streben die unverdünnte Ekstase an und geben sich mit nichts Geringerem zufrieden. Sie vertrauen immer wieder auf ähnliche Bilder und provozieren Zustände der Auflösung. Man sollte sie deshalb dosiert lesen, sonst mästet man sich selbst zu sehr mit Euphorie, die zuweilen schal ist. Zumal das Gegenüber nicht wirklich fassbar ist und auch das lyrische Ich allzu gerne flunkert.
Lesenswert sind hingegen jene Texte, die sich auf eine einfache Situation einlassen und ihr den Raum geben, den sie benötigt:
No 023 Milchstraßennah Wir Tagelöhner, du und ich, von unserer Sprache Redefluss kullern wir Buch um Buch in unsern Büchern Versemass eilend ohne Weile rennend zwischen Zeilen in der Furt der dunklen Beistrichschatten bis wir leiber:forsch huckepack in süß duftender Ermattung hinterrücks des Löffels Stellung uns bedienen und milchstraßennah des Atems Ströme lachend machen
Die Erotik des Lesens, die sich in einer vertrauten Position der Körper wiederfindet, lässt einen Querverbindungen entdecken, die in anderen Gedichten leider zu bescheiden zu finden sind. Auch die phonetische Qualität dieses Gedichts sticht heraus.
Zu viele Wörter vertreiben den Sinn
Für einen Maler ist es verzeihlich, Farben zu beschwören. Doch in manchen Gedichten – allen voran in „No 035 Blau“ – sehe ich vor lauter Farbe kein Gedicht mehr. Natürlich ist die Deklination einer Farbe wie Blau in allen Varianten ein Jux, der aus Übermut entsteht. Doch beim Lesen verliert sich diese Lust durch ein Zuviel an Benennungen, es bleibt dann wenig mehr als die Idee der Begeisterung übrig. Mitunter bewirkt das Aufzählen des Gleichen bloße Redundanz und trägt nicht zum nuancierten Wahrnehmen bei:
No 028 Furchen der Erinnerung (…) Unbeschwerter Flug der leichten Feder, Looping, Salto, Kreisel, trudeln, zittern, beben, zotteln, flirren, schweben, all die feine Znöfflichkeit des schönen Lebens! (…)
Ein Gedicht sollte keine Schreibübung sein und ein Neologismus muss sich bewähren, um Sinn zu schaffen und nicht bloße Aufmerksamkeit!
Doch es ist wohl im Sinne des übermütigen Sexus, dieses Treiben zu entfachen. Vor allem dann, wenn diese Gedichte auch für Liebende in reiferem Alter gedacht, gemalt und geschrieben sind. Mehrmals findet sich die Formel „50/60+“ in diesen Texten, damit ist gleich eine Zielgruppe entsprechend hervorgehoben. Es ist wichtig, ein Plädoyer für die Sexualität in die Literatur zu holen und dabei niemanden alterstechnisch auszugrenzen.
Es steckt ein Schalk in Gerald Nigl, der sich nicht bändigen lassen möchte, und sich nicht kümmert um formale Zweifel und poetische Selbstkritik. Musikalisch und metaphorisch überzeugend gelungen sind nur wenige Gedichte des Bandes. Hier ist eines herausgepickt, das im Geiste eines Dionysos-Dithyrambus so manche griechische oder auch Weinviertler Abendstimmung treffend rahmen kann – wohl auch deshalb, weil psychoaktive Substanzen die Entgrenzung emotional und poetologisch rechtfertigen und zur Transgression entscheidend beitragen:
No 064 Abdrift in Verzettelung Im Gewächshaus, fahnverhangen nymphoner Leib-Ereignung, lachen, Spaß, ein Lustvergnügen wo ein schäbig schläfrig Bluesgesang voll Quersinn zeitumpflügte Haschisch- Träume, wo Zitronenspalten sich entfalten, um zu entknoten, frei, ganz ohne Noten, der Gedanken- Labyrinthen-Lauf, wo in meinem Zeitgeschlängle inwärts hausen Rauschgestalten, Trolle, Wichte, Tölpel-Fratzen, schwarze und auch tote Katzen, wo stupid an jeder Stelle dumpfe Mäuler Unsinn plärren, quäken, jaulen, meckern, zetern, ächzen, schluchzen, nörgeln, maulen und auf’s Gradewohl flennen, greinen, winseln, knurren, kreischen, brüllen, weinen, dies und jenes tun in einem fort, aus der alten Stimmungsbucht Unsinnstand hinausposaunen undsoweiter undsofort … Schäbig schläfrig auf die Schnelle kopfkehrtumgedacht gar wenig helle hab’ ich zwischenzeitlich nun ganz vergessen was zu tun war, was hier und jetzt noch immer schwätzt, war gänzlich unter- oder überschätzt Bin nun Abdrift in Verzettelung
Gerald Nigl: Liebe Liebesgedichte. fabrik.transit, Wien, 2026. 138 Seiten. Euro 22,–

