Now Reading
déjà-vu und zeitpfeil – echoverhältnisse

déjà-vu und zeitpfeil – echoverhältnisse

Logo Besprechung

Herbert J. Wimmer liest Heike Fiedlers – Tu es! hier


der august 2025 findet entweder im schattigen zuhause oder beim kaffeetrinken z.b. im pizzastandl fuchs&schaden statt, inmitten von pflanzen (wuchernde aloe-stauden, bougainvillea, hibiskus, geranien), büchern und herumhängenden, herumstehenden bildern und textangeboten.

mit vergnügen lese ich in sich mehrsprachige gedichte, wie sie heike fiedler in ihrem buch „Tu es! hier“ versammelt.

hauptsächlich in deutsch, französisch, schwyzerdütsch und englisch, mit italienischen und griechischen einsprengseln durchsetzt, öffnen sich mir meist gedichtartige, manchmal auch prosaformatierte texte, in denen alles fliesst, was sprache ist, denn poesie kann in allen kunstformen sich entfalten, auch in allen anwendungsformen, sei es nun durch lektüre oder in den performativen disziplinen, durch sprechen, arrangieren, in musikalischen und oder bildnerischen, audiovisuellen realisierungen.

heike fiedler ist eine in düsseldorf aufgewachsene dichterin, performerin und concept-artistin, die schon lange in genf lebt und arbeitet.

was mich bei ihren arbeiten besonders freut: einerseits sind sie offen für alles, was an sprachlichen und intersprachlichen einfällen und einklängen der autorin ins bewusstsein gerät, andrerseits wirken ihre texte durch ein stets waches formbewusstsein, sie sind mit dem vergnügen an bestimmtheit und präzision ins weisse der papierenen seiten gesetzt, spielen mit nähe und distanz zwischen den wörtern und begriffen, aussagen – auch politischer art – blitzen auf und akzentuieren die lustvollen eigenbewegungen der sprache im gebrauch.

SOS
crique croque
frontal die Brandung,
Kontext Mittelmeer, 
ihnen immer
auf den Versen,
die Fänger von
Frontex“
(seite 32)

zwischen den sprechgedichten und sprachskripturalitäten tauchen immer wieder erstaunliche weiterschreibungen einer performance von martina abramović auf, „Counting the rice“, die 2014 im centre d’art contemporain in genf stattgefunden hat. zahlen und zählen, reiskörner, linsen und wörter, linkerhand und rechterhand, sammeln und schreiben, gleichzeitig beschreibend und das beschriebene ausführend, entsteht eine sehr gegenwärtige form einer novelle, die sich aus ihrem schreibensbeschreiben speist – und letzten endes zahlenreihen produziert, die mich dazu einladen, meinem zählzwang nachzugeben und die wörterkörner der einzelnen absätze nachzuzählen; ich werde performiert, während ich den performancetext lese – ein schönes erlebnis – „counting the words“.

verkürzt gesagt, kann man behaupten, sprache ist echo, immer schon, seit dem ersten – zwischenmenschlichen – gebrauch, ein echo, das an komplextität stetig zunimmt, von jedem sprech- und sprachakt zum nächsten. aus den echos fallen die referenzen, in heike fiedlers buch zb. erscheint unvermutet „mon mot für Franz Mon“ – inhalt wird nicht verraten – einen dichter der moderne und der konkreten poesie, der für viele autor*innen vor jahrzehnten eine wesentliche anregung war, und das nicht nur als leidenschaftlicher mitorganisator des „bielefelder colloquium neue poesie“, das fünfundzwanzig jahre lang (zwischen 1977 und 2002) die unterschiedlichsten experimentell arbeitenden dichterinnen und dichter zu fachgesprächen und öffentlichen lesefesten versammelt hatte.

See Also

zwischen kaffee und aufbruch lesen sich texte in mich ein, in denen ich mich finde und wiederfinde:

n _ ts
ich
im Raum da-
zwischen
performe
„nichts“

dieses Wort

das buch schliessen, aufstehen und fuchs&schaden verlassen, ist auch eine performance.

postskript

einen sommer später sehe ich im wiener metrokino pedro almodóvars neusten film – amargo navidad – als film eine sehr informationsreiche masterclass für jedefrau/jedermann/jede-they über das drehbuchspiel mit dramatischen situationen und – vor allem – über abfolge, rhythmen, climax- und anticlimax-dynamiken und rhythmen – da fällt mir bei neuerlicher lektüre heike fiedlers titelwort „textproduktionswahrnehmungsgefügenerinnerungsmechanismus“ (seite 97) auf und wieder ein – ein kompostium, das vorauseilend beschreibt, was almodóvars film ver-an-schau-licht, das stetige ineinandergleiten von film und poesie hört niemals auf, und gedächtnis allgemein macht den zeitpfeil sichtbar, spürbar.


HEIKE FIEDLER – Tu es! hier – Gedichte und Sprechtexte, edition spoken script, der gesunde menschenversand, luzern 2022

Scroll To Top