Katharina Ferner liest Mikael Vogel – Lonely Planet Mensch
„Ich will das Geheimnis nicht wahren, es war nie meins zu wahren. Ich weigere mich, den steifen Patriarchatsanzug zahlloser toter Männer - zu tragen.“

Eine der Besonderheiten von „Lonely Planet Mensch“ sticht einem schon vor dem Öffnen des Buches ins Auge. Es gibt zwei Cover, beide von der Zeichnerin Katia Foquet, die bei genauerem Hinsehen erahnen lassen, dass die beiden Teile des Gedichtbands miteinander korrespondieren, sich darin aber doch unterschiedliche Betrachtungsweisen des Menschseins verbergen.
Cover © Katharina Ferner
Ihre Kunst begleitet uns Seite an Seite, mit Versen, die sich umgehend ins Gedächtnis brennen. „Lonely Planet Mensch“ kann aus verschiedenen Perspektiven gelesen werden: als herzensbrecherische Liebeslyrik, als Familiengeschichte, als ein Nachspüren von Schicksalen, als popkulturelle Fortschreibung, als jenen Gedichtband, den man stets bereit liegen haben sollte, im Fall, dass jemand Zweifel anmeldet, dass Gedichte etwas vom Notwendigsten sind, das wir brauchen.
Ich hatte das Glück, diesen Gedichten schon in ihren Anfängen zu begegnen. Nun, in dieser Kombination zwischen Leben und Tod, Liebe und Schmerz, also den wirklich existenziellen Dingen, entfalten sie ihre ganze Kraft. Gelesen habe ich dieses Buch behutsam, in abgedunkelten, sommerwarmen Räumen, die Hitze vergessen, Bühnenluft geschnuppert und bin dabei immer wieder so richtig wütend und traurig geworden auf die Welt. Und ich wünschte mir, dass viele Menschen diese Texte lesen, damit es ihnen genauso geht.
„Im Hospizflur Weint ein Fremder lange in meinen Armen Nach sechzig Jahren Ehe wird er Witwer. Mir stehe, sagt er, noch viel bevor. Im Zimmer erwähne ich ihn nicht.“
In Liebesgedichten an Pop-Ikonen fließen bekannte Fakten von männlicher Gewalt ein. Es ist ein Anschreiben dagegen, wider die sich wiederholende Geschichte. Ein Aufzeigen patriarchaler Strukturen von der griechischen Mythologie bis heute, anhand von ausgewählten Vertreter*innen. Alle sind mitgedacht, alle sind betroffen, eine selten so klar formulierte Wahrheit.

Der Dialog mit den Frauen spiegelt sich im Dialog mit der Mutter. Trotz vieler offenherziger Wegbegleiter*innen, gerät letztlich auch das Ich in Selbstzweifel über die eigene Männlichkeit, die eigene potenzielle Toxizität und stellt sich die Frage, wie man(n) sich verhalten kann, um nicht in dieselbe Patriachatsfalle zu geraten, wie so viele zuvor.
Die um sich greifende Misogynie, insbesondere auch im künstlerischen Kontext, geht Hand in Hand mit der Misogynie im Alltag einer Frau, die für ein besseres Leben ins Ausland geht. Zu oft ist das Überleben der größte Akt des Widerstands. Manchmal ein späterer Erfolg wie im Fall von Courtney Love, der jedoch nichts von dem, was geschehen ist, verzeihen lässt. An anderer Stelle bleiben lediglich Erinnerungen an Frauen, die ermordet wurden. Hier werden gegen das Vergessen und gegen das Verschweigen Denkmäler geschrieben.
Zu den literarischen Wegbeleiter*innen im Band gehören Fitz (F. Scott Fitzgerald) und Zelda (Fitzgerald), die immer wieder auf- und abtauchen, so wie sie es in ihrem Leben getan haben. Insbesondere Zelda, ihr vielfaches Scheitern wie ein Rausch, manchmal aufgelöst darin. Exzessive Gefühle, Schattenexistenz in aller Blüte, trotz aller Smartheit. Wieder ein Beispiel für Unterdrückung, von den Höhen und Tiefen des Lebens, einer Achterbahnfahrt. Um es erträglicher zu machen die Zuhilfenahme von Rauschmitteln, Tabletten. Suizidversuche. Der Spiegel liegt im Ich: Suizid als mögliche Lösung gegen die eigenen Zweifel. Später Morphium als Schmerzstiller für die Mutter im Hospiz. Wie nah alles beieinander liegt, wie verflochten wir sind, lässt uns keines dieser Gedichte vergessen. Welche Verantwortung wir füreinander haben. Für Mensch und Tier, was im Fall von Mikael Vogel nicht ausblenden darf. Nach seinem letzten Gedichtband „Dodos auf der Flucht“ (2018, Verlagshaus Berlin).
„Bei eurer ersten Begegnung Kam Zelda dir sturzbetrunken entgegengetorkelt - Das überwandst du nie! dass sie diesen Esprit bewiesen hatte Und nicht du, alter Sportgrätsche!“
„Lonely Planet Mensch“ ist auch ein Zeitdokument, eine Verortung in unsicheren Gefügen. Ein Aufbrechen des Innersten steckt in diesen Zeilen. Mikael Vogel ist hier auf mehreren Ebenen etwas gelungen, nicht zuletzt ein Plädoyer für die Menschlichkeit. Vorsicht, Verletzungsgefahr!
Mikael Vogel – Lonely Planet Mensch, Verlagshaus Berlin, 2026

