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Die Möbiusschleife des Daseins weiterdrehen

Die Möbiusschleife des Daseins weiterdrehen

Michael Hammerschmid liest Kjell Espmarks vintergata. EPIFANIER


Es liegt etwas Entgrenzendes im Ton dieser Gedichte. Etwas sehr Inspiriertes. Etwas, das auf ganz unaufgeregte Weise weit über Grenzen hinausweist. Mindestens über die Grenzen von Raum, Zeit und Sprache selbst, ohne diese aber zurückzulassen im Nirgendwo.

Cover © Michael Hammerschmid

Im Gegenteil, sie nehmen sich dem Nirgendwo an, dem Raum, der Zeit, der Sprache. Ich spreche von den Gedichten Kjell Espmarks. Ich habe sie 2017 beim von der Alten Schmiede ausgerichteten NorDict!-Festival für Dichtung aus Dänemark, Island, Norwegen und Schweden kennengelernt, wo sie der Autor gemeinsam mit seinem Übersetzer Klaus-Jürgen Liedtke vorstellte. Die Gedichte sprachen mich auch deshalb an, weil sie einen intimen Ton trafen, der so gar nichts Anbiederndes hatte. Und sie strahlten etwas Internationales, Freies und Luzides aus, wie ich es in dieser Form in der deutschsprachigen Dichtung nicht kannte. Glücklicherweise konnte ich mir den Band, der beim Festival auflag, sofort mitnehmen: Es hieß: „vintergata EPIFANIER. milchstraße EPIPHANIEN“ (Münster: Kleinheinrich 2011; OA: 2007). Der Kleinheinrich-Verlag ist bekannt für seine sorgfältig gestalteten, oft weißen Bücher mit durchscheinendem Milchpapier als Schutzumschlag. Sagt man aber überhaupt Milchpapier? Oder verwechsle ich gerade Milch mit Papier? Der schwedische Titel „vintergata“ bedeutet wörtlich Milchstraße. Ich aber übersetzte es mir wohl genauso bewusst wie unbewusst als etwas wie Wintergrat oder Winterkrater und stellte mir eine winterliche Straße aus Milch von einer blendenden Helle und Gültigkeit wie die Sterne am Himmel vor. Aber in das Bild mischte sich sofort auch die Dunkelheit von Paul Celans „schwarze Milch der Frühe“. Ich trat also sofort in einen Dialog mit dem Buch, in dem man verschiedenen Stimmen begegnet und für deren Stimmführung Kjell Espmarks Dichtung auch bekannt wurde.

Welche Epiphanien sind aber in diesen Gedichten in Szene gesetzt? Einerseits tritt einem in ihnen eine gelassene, kristallklare Sprache entgegen, in der alles präzise und fein austariert ist. Andererseits ist diese poetisch aufs Höchste gespannt. Dieser Gegensatz ist nicht ohne den Stoff des Gedichtbandes zu denken, der sich aus Momenten des Sterbens, des Endes, des Todes und der mit diesen verbundenen Tabus speist. Die Themen des Bandes berühren zwar, wie man so sagt, die großen Fragen der Existenz. Doch treten sie in den Gedichten nicht groß auf, sondern, wie soll ich sagen, gegenwärtig, situativ und konkret:

Alles gibt es in der Sekunde in der es mich sprengt: 
mein Vater der mich umfaßt und in die Lippe beißt
um nicht in Tränen auszubrechen, 
meine Mutter mit dem Koran als Gesicht 
aber Hände die vor Zweifel zittern, 
meine Freunde die mir die Bombe um die Taille befestigen
und mich mit den Jungfrauen aufziehen 
die sich im Paradies den Platz streitig machen. 
Eben das verschreckt mich ein wenig. 
Verlockender ist da schon der Gedanke
Antwort auf die brennenden Fragen zu erhalten 
die mich stets in der Morgendämmerung heimsuchen. 

Hier aber gibt es kein Paradies und auch keine Antwort. 
Was meinen endlosen Augenblick ausfüllt 
sind die Jungens im Musterungsbüro, 
ihre fahl gewordenen Schreiben, 
ihre fahl gewordenen Armstümpfe
die mich fragend betasten. 

(S. 195)   

In „vintergata / milchstraße“ sprechen die Stimmen der Toten. Eine Sprache für eine Sprengung eines Menschen durch sich selbst oder/und wegen anderer oder durch andere zu finden, ist kaum vorstellbar. Die Stimme des Gedichts geht aber gerade in diesen unmöglichen, kaum ausdrückbaren Moment hinein. Und er zeigt sich dabei vor allem menschlich, ohne dass von der Grausamkeit abgesehen wird. Er bindet das Menschliche und das Unmenschliche vielmehr zusammen, ohne das Zweitere durch das Erstere zu verharmlosen. So benennt er mit klaren Worten, dass hier kein „Paradies und auch keine Antwort“ erreicht wird. Der Augenblick wird vielmehr in der Stimme endlos und dabei endlos drängend und fragend:

Hier aber gibt es kein Paradies und auch keine Antwort. 
Was meinen endlosen Augenblick ausfüllt 
sind die Jungens im Musterungsbüro, 
ihre fahl gewordenen Schreiben, 
ihre fahl gewordenen Armstümpfe
die mich fragend betasten. 

Diese in der zweiten Strophe das Gedicht abschließenden Verse sind von einer Bitterkeit und auch Sinnlichkeit, die in mir ein Schaudern auslösen. Fast bin ich versucht, Aristoteles‘ Idee der Katharsis hier aufzugreifen, und doch widerspricht der Vers gerade der bloß reinigenden Abfuhr von Affekten. Die Affekte bleiben in dem Gedicht vielmehr schwebend und bestehen. Handelt es sich bei diesen Gedichten also vielleicht um Dramen? Die Stimme ist jedenfalls verwickelt in größere und kleinere Zusammenhänge, innere und äußere, die sich aus der Gegenwart von Vater, Mutter, Freunden und den Fragen des Selbst/Mörders selbst ergeben. Wir sind mitten im Raum des gesellschaftspolitischen Desasters, wie es in der jüngeren Geschichte mit Al Kaida, dem Anschlag auf die Twin Towers 2001 in New York und dem Aufstieg des Islamischen Staates weltweit so bedrohlich wurde wie in den fünfzig Jahren davor nicht mehr. Aber das Gedicht blendet in die Halluzinationen eines Moments, ja wohl tatsächlich in so etwas wie eine Epiphanie. Und es behauptet sie, indem sie die Dimensionen des Unmöglichen aufsucht und aufleuchten lässt und die Behauptung verwandelt sich in etwas völlig anderes. Aber in was? Ins Konzentrat und ins Weite vielleicht? 

Der Horizont aller Gedichte des Bandes ist tatsächlich weit. Er umfasst die verschiedensten Zeiten, Orte und Schicksale und er beschränkt sich nicht, sondern blickt noch über sich selbst hinaus. Kjell Espmarks Gedichte könnten vielleicht in diesem Sinne als Wegweiser ins Weite gelesen werden. Denn sie scheinen so weit ins Weite hinaus zu kommen, weil sie sich auf den Moment konzentrieren, auf die Szene, die Widersprüchlichkeiten und konkrete Details dabei verdichten und freistellen. Lassen sich aber das Sterben und der Tod freistellen? Ist (die) Sprache ausreichend, sie zu sagen?

See Also

Ich wollte unsterblich werden 
und die treulosen Götter erhörten mein Gebet. 
Enkel und Ururenkeln 
bin ich ans Grab gefolgt, 
immer stärker gealtert. Jetzt bin ich grau und leicht 
wie ein herabgefallenes Wespennest
von reizbaren Gedanken sirrend. 
Niemand kann sich an mich noch erinnern. 
Jetzt weiß ich: die äußerste Freude
ist es, im Kreis seiner Lieben zu sterben – 
in der Stunde von Krampf und Ersticken 
in ihre tränenden Augen zu fliehen. 

(S. 19) 

Hier gehört die Stimme einem Unsterblichen. Das Gedicht setzt wieder im Unmöglichen an. Dadurch, dass es das Unmögliche in sich aufnimmt oder von ihm ausgeht, scheint es tief, gleichsam wie über deren Rückseite in verschiedene Kulturen und die in ihnen meist verborgenen Grenz-Situationen eintauchen zu können. Woher stammt das Bedürfnis, das Unsterbliche zu denken? Jede Religion bezieht sich darauf. Aber deshalb sind diese Gedichte noch nicht religiös. Sie setzen sich aber mit den beiden Seiten der Existenz auseinander. Mit der sichtbaren, sinnlich-wirklichen und mit der unsichtbaren und imaginierten, undenkbaren, die einerseits als Projektion der einen fungiert (oder aber missbraucht wird), andererseits auf diese zurückwirkt und dabei einen weiten Raum von Beziehungen und Fragen aufmacht. Man könnte vielleicht sagen, der sich aus sich, durch sich und über sich hinaus setzt, sich übersetzt? Der Grat, den die Gedichte gehen, ist dabei ein schmaler. Und trotzdem geht jedes Gedicht über eine Grenze hinaus, und von einem Außerhalb wieder zurück und erweitert so den Raum. Auch die Metaphern gehen einen Grat. Sie berühren nicht zuletzt Wehmut und Trauer, halten aber auch Abstand zu ihnen. Das gehört zur außergewöhnlichen Kunst dieses Gedichtbandes, die Möbiusschleife des Daseins weiterzudrehen in neue Formen. 

Kjell Espmark wurde 1930 geboren. Er debütierte als Dichter 1956 mit Mordet på Benjamin (‚Der Mörder von Benjamin’). Er war ein ausgesprochen vielseitiger Autor und Literaturwissenschaftler. Er veröffentlichte 13 Gedichtbände. In den 1960er Jahren verfasste er vor allem literaturwissenschaftliche Studien, u. a. zu Artur Lundkvist, später u. a. auch zu Tomas Tranströmer und zum Modernismus. 1978 wurde er Literaturprofessor in Stockholm. Anfang der 1980er Jahre wurde er in die Schwedische Akademie gewählt und stand dem Nobelkomitee von 1988 bis 2004 vor. Gegen Ende der 1980er Jahre widmete er sich auch der Prosa. Er veröffentlichte zehn Romane, in den 2000ern auch Kurzgeschichten sowie eine Sammlung von Theaterstücken. Kjell Espmark verstarb 2022 in Stockholm.  


Kjell Espmarks: „vintergata. EPIFANIER. milchstraße EPIPHANIEN“, Kleinheinrich Verlag, Münster, 2011, € 25

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