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Wenn die Katze kräht

Wenn die Katze kräht

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Astrid Nischkauer liest „Ganz schön frech“ von Markus Köhle


Möchte man eine Zusammenfassung des ganzen Gedichtbands Ganz schön frech von Markus Köhle in einigen wenigen Worten, so genügt es, die Kapitelüberschriften heranzuziehen: voll frech, voll bunt, voll schön und ganz schön anders. 

Das Gedicht 
Der Gedichte
Dem Gedicht
Nicht zu trauen

Unerwartete Reime erwarten uns an nahezu jedem Versende, reimen sich doch selbst Arien auf Aquarien und Sicherheitslücken auf Hängebrücken. Frau und Herr Tier sind die eigentlichen Protagonisten der Gedichte, jedem Vers sein Tier, dachte sich Markus Köhle wohl. Neben Tieren geht es auch um Essen, Berufe, die eigenen Befindlichkeiten, einen Kuhbus und eine Gummiband, oder auch um „Alltag pur rund um die Uhr“. Es wird in den Gedichten viel (v)erklärt und viel vermischt, bis uns Die, Der und Das und Wie, Wo und Wer durcheinandergeraten. Bevor sich aber alles zu drehen beginnt und uns schwindelig wird,  können wir uns zum Glück gerade noch in einer Wortbackstube mit Silbensemmeln, Wortwecken und Satzgebäck stärken.

© Copyright Luftschacht

Denn Stärkung haben wir mehr als nötig, gilt es doch im weiteren Verlauf des Bandes mit Bindestrich-Wortmonstern zu kämpfen und nicht über Verwortungen zu stolpern. Auf unserem Weg durchs Buch von Reim zu Reim hüpfend begegnen uns viele Reim- und Rätseltiere und ein ganzer Mischtierzoo, von Kuhu, über Pandackel, Delphinguin, Lamabarsch, bis hin zu Kobratte, Igelse, Schakalb, Schweinhorn und Huhnd, der das letzte Wort hat. 

Wir ahnen es schon, Ganz schön frech, der Titel des Gedichtbandes ist Programm und so gibt es selbstverfrechlich auch ein Ganz-schön-frech-Gedicht:

Du freches Extrawurstiküsschen
Du freches Aus-der-Reihe-Tänzchen
Du freches Mir-doch-Egalchen

Dieser Band zeigt uns: Gedichte müssen nicht weh tun, sondern können auch Spaß und Freude machen und ja, es darf gelacht werden, in diesem Fall am besten laut und ausgiebig und im Kreise seiner Lieben (Familie, also „Mama-Papa-Oma-Opa-ich“, „Onkel-Tanten“, und Freunde). Der Untertitel „52 Gedichte für die ganze Familie“, sagt uns zum einen, dass wir langsam lesend mit einem Gedicht pro Woche ein ganzes Jahr an diesem Buch lesen würden. Und zum anderen, dass es ein Buch ist, das gerne gemeinsam gelesen wird. Gedichte, die auch für Kinder geeignet sind, aber ebenso für dich und mich, für Freunde und Verwandte, Schlotterroboter, Gelbschnäbel, Rülpselefanten, und ganz besonders für Regenpfützenhüpferinnen und Regenpfützenhüpfer. 

Markus Reimfroh (Köhle) tritt uns mit diesen Gedichten als eine erwachsene, männliche Pippi-Langstrumpf mit Brille und ohne Zöpfe entgegen und erklärt uns frechfröhlich seine kunterbunte Welt, die eben „ganz schön anders“ ist, wie auch die der Pippi Langstrumpf ganz schön anders ist („2 x 3 macht 4 – / widdewiddewitt und 3 macht 9e! / Ich mach‘ mir die Welt – widdewidde wie sie mir gefällt …“ wäre auch ein gutes Motto für dieses Buch). Markus Köhles Logik ist dabei ebenso verquer wie überzeugend: „Cornflakes sind gesunde Chips“, „Und spuckt ein Pferd, ist’s wohl ein Lama“, „Der Kabelsalat wird mit Livemusik angemacht“, oder „Der Mond ist ein Käse aus dem Milchstraßenland“, wären nur einige Beispiele.

„Ich will mit Silben pinseln und mit Lauten malen“ heißt es in einem Gedicht und genau das macht Markus Köhle auch. Es wird lustig drauflosgereimt, dass die Balken sich biegen und ohne Rücksicht auf Verluste. Manchmal hat man den Eindruck, dass die Sprache sich reimend selbstständig macht und gleich einer vom Dichter versehentlich losgetretenen Wortlawine von selbst ins Tal hinunter donnert: 

Wenn Mücken auf Krücken die Tücken der Lücken beglücken
Wenn Grillen mit Willen zum Drillen ohne Pillen im Stillen chillen

Und so weiter, bis die ganze Reimerei dem Gedicht schlussendlich selbst zu viel wird und es endet mit:

Wenn Olme geschlungen um Holme und Palmen
auf Almen sich mehren, Wörter sich nicht mehr 
wehren und alle Mehrfachreime verehren
Dann ist man froh, wenn sich einmal etwas
nicht reimt

Das Schöne am Buch, insbesondere für Kinder und Junggebliebene, ist, dass es seine Methoden und Strukturen offenlegt. Zu den Methoden gehören u.a. Reime und Komposita, also Wortneuschöpfungen durch die Zusammenfügung zweier Wortteile. Beides ist schnell verstanden und regt Kinder im besten Fall zu eigenen Sprachspielereien auch über das Buch hinaus an. Besonders nachvollziehbare Strukturen haben zum Beispiel das Gedicht „Alltag pur rund um die Uhr“, das 24h eines ganz (un-)gewöhnlichen Tages erzählt und mit dem Aufwachen beginnt (und dann auch wieder endet): „Um sieben werd ich meistens wach / Um acht mach ich schon Krach“. Richtig spannend wird es dann nach elf in der überaus traumreichen Nacht, in der ins Weltall geflogen, Schwarzen Löchern begegnet und mit Außerirdischen Cha-cha-cha getanzt wird. Klare Strukturen entstehen gerade auch durch Wiederholungen, so beispielsweise im Gedicht „Statusmeldung“, dessen Grundstruktur mit wenigen Ausnahmen immer folgendermaßen abläuft: „Manchmal bin ich … / Dann sag ich: …“ Das lädt richtiggehend dazu ein, eigene Statusmeldungen nach diesem Prinzip zu erfinden. Hier noch zwei Beispiele von Markus Köhle, zuerst eine schlecht gelaunte Statusmeldung:

See Also
Cover Sabine Gruber Am besten lebe ich ausgedacht

Manchmal bin ich grantig
Dann sag ich: Grummel-Hummel-Bummel

Und dann eine gut gelaunte:

Manchmal bin ich glücklich
Dann sag ich: Ich hab dich lieb

Markus Köhle ist ein Frohgemüt, das gern ins Clownkostüm schlüpft und lustig drauflosreimend seine Possen reißt. Aber davon sollte man sich nur nicht täuschen lassen, denn des Komikers Kern ist bei all dem Spaß und Humor nämlich immer ein ernst zu nehmender Dichter und Autor. Zwischen all dem Klamauk und den „ganz schön frechen“ Frechdachsgedichten verbergen sich auch „voll schöne“ und gute Gedichte. Das wohl „schönste“ der Gedichte ist dabei sehr leicht als solches zu erkennen, trägt es doch den passenden Titel „Voll schön“: 

Begleitet werden die Gedichte von Illustrationen von Robert Göschl. Diese illustrieren nicht nur, sondern kommentieren auch und treten in einen Dialog, mitunter sogar in ein Streitgespräch mit den Gedichten. Sie stehen diesen in Punkto Frechheit in nichts nach und widersprechen ihnen mit Vorliebe. Und wir merken, beide hatten gleichermaßen Spaß daran, an diesem Buch zu arbeiten. Daher macht es auch wirklich große Freude, es zu lesen und über Wort und Bild zu lachen. 

Markus Köhle: ganz schön frech, Luftschacht Verlag, Wien, 2019. 88 Seiten.

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