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Zwischen Himmel und Meer

Zwischen Himmel und Meer

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Alexander Peer liest den Gedichtband Von der Zärtlichkeit der Wörter von Christine Haidegger


Es ist die Größe des Einfachen, die diese Gedichte zusammenhält. Unprätentiös und mit klaren Bildern werden Naturbeobachtungen mit existenziellen Themen verknüpft. Die in den Wirren des Zweiten Kriegs geborene Christine Haidegger verweist zwar auf erfahrene Verluste durch die Zeit der Nationalsozialisten und den von ihnen verursachten Verheerungen. Das Echo des Krieges jedoch mischt sich in einen vielstimmigen Chor. Wollte man die Gedichte umstellen und ihnen die entscheidenden Motive entlocken, dann müsste man Begriffe wie Grenze, Himmel, Nacht, Meer, Schnee, Bäume und immer wieder Tod attestieren. Aber es ist nicht das Anliegen der Lyrik auf diese Weise schubladisiert zu werden, sondern es zeigt sich vielmehr die drängende Wiederkehr der Schreibanlässe. Was bewegt zum Schreiben? Welcher Text wiederum löst welche Bewegung aus? 

Den Orten auf der Spur

Wenn es im Gedicht “Wir beugen” heißt, “Die sternenlose Nacht / verschmilzt mit dem Meer / und wir treiben hinaus”, dann ist die Bewegung gleichzeitig eine ins Meer und eine ins Dunkel. So wird die Naturerfahrung zur durchdringenden körperlichen und auch geistigen Erfahrung der Entgrenzung. Geographisch verorten lassen sich viele dieser Arbeiten, manche verweisen darauf explizit im Titel. Sie sind vor allem der prägenden Region in Christine Haideggers Kindheit auf der Spur – dem Salzkammergut. Im gleichnamigen Gedicht heißt es: 

© Copyright Poesiegalerie

Irgendwo
ist immer ein See
wo noch Fischerboote
silberne Kielwellen ziehn 
und in dem sich die Berge spiegeln 
in denen oft Salz schläft 
und keltischer Schmuck.

Ernst nicht ohne Humor

Man kann diese Zusammenfassung ganz gut in einem Reiseführer abdrucken, denn poetischer als manche Tourismustexte ist dieser konzentrierte Text allemal und leistet doch einen einprägsamen Anschauungsunterricht darüber, was einen im Salzkammergut erwartet.Wenn auch der Ton überwiegend ein ernst beschreibender ist, so verzichtet der Band nicht völlig auf zärtlichen, doppeldeutigen Humor: “Der Herbst / blättert / schon in den Bäumen.” Es soll ja die Zärtlichkeit der Wörter beschworen werden, der Titel erweist sich durchaus als programmatisch. Manchmal zeigen die Wörter, wie viel Kraft sie besitzen und ferner auszulösen imstande sind, selbst in einem ganz stillen Moment: 

Die Häuser 
ducken sich 
an der Dorfstraße 

Eine Woge von Abendrot 
schlägt an die Mauern.

Als wollte man Beobachtungen spürbar machen und als würde dieses Zurückzucken vor dem Abendrot für eine leichte innere Begleitung beim Lesen sorgen. 

Vögel als Motiv

Ein besonders starkes Gedicht ist “Vogelkaskaden”. Der Rausch des Schwarms und die Bewegung der Vögel imitiert der Text eindringlich – auch wenn er nicht wie in der konkreten Poesie diese Bewegung textlich visualisiert, so schafft er sie motivisch. Die Wirkung auf den Beobachter ist expressionistisch überhöht und zeigt ein Ausgeliefertsein, das zugleich als beglückend und bedrohlich empfunden wird. Es ist durchaus so, dass sich Vögel als bevorzugt behandelt fühlen können in diesem Band. Mehrfach nehmen sie die Hauptrolle ein. Doch manchmal sind sie nur eine Art Präludium für eine ganz andere Einsicht. In “Krähennester” heißt es:

See Also
Räume erkunden

Durchsichtig
stehen die Bäume im Winter
gegen den Himmel
wie fremde Schriftzeichen. 

Lesen im Buch der Natur

So lassen sich diese Naturgedichte deuten als Versuch die Erde zu decodieren. Ihre geheimen Botschaften zu enträtseln, um sich auf ihrer Oberfläche hoffentlich besser zurechtfinden. Wäre da nicht der Tod, der in den letzten vierzehn Gedichten das zentrale Motiv darstellt. Das ist vielleicht doch etwas zu viel an verengter Aufmerksamkeit. Wenn auch die Verbindungen hier unterschiedlich sind, andere Zugänge gesucht werden. Die Wahl auf eine solche Armee des Todes beschwert den Band über Gebühr. Das letzte Gedicht jedoch stellt sich mit einer versöhnlichen Souveränität dem Unvermeidlichen, die beispielgebend sein sollte (jedenfalls für mich):

Mein Tod
kommt nachts 
schließt sanft 
die Augen 
die soviel Jahre 
gesehn haben 
dass du mich liebst.

Christine Haidegger: Von der Zärtlichkeit der Wörter. Otto Müller Verlag, Salzburg, 2020, 72 Seiten; Euro 19,00

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