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ihr weichen kantigen spitzen kuriosen fremden nahen worte

ihr weichen kantigen spitzen kuriosen fremden nahen worte

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Astrid Nischkauer liest Atemraub von Kirstin Schwab


Cover Schwab Atemraub

Atemraub lautet der Titel des bei Keiper erschienenen Gedichtbandes von Kirstin Schwab. Die Stärke ihrer Dichtung liegt gerade in ihrer Dichtheit. Schreiben wird bei ihr zu einer schweren körperlichen Arbeit und die Dichterin wird darin zum „Worthauer“, der gleich einem Bildhauer aus Worten Formen herausschlägt. 

vor sich alle Worte
und eines noch weg
und noch eines und mehr
zuletzt ein Loch
ein Umriss 
Umrandung mit Ausschnitt

Ziel des Ganzen ist nicht mehr oder weniger als „das eigentlich nicht / zu Sagende“ zu sagen, oder sichtbar werden zu lassen. So konzise jedes einzelne Gedicht sprachlich um Knapp-heit und Präzision ringt, so kunter-bunt zusammenge-sammelt wirkt der Gedichtband inhaltlich als Ganzes. Ob man das jedoch als Stärke oder als Schwäche ansieht, liegt ganz im Auge des Betrachters, der Betrachterin.

© Copyright Edition Keiper

Der rote Faden, der alles zusammenhält, ist dabei das Ich. Schreibt man sich alleine alle ersten Zeilen aus den Gedichten heraus, in denen das Wort „ich“ auftaucht, so kommt eine beachtlich lange Liste zustande. Worte wie „mich“, „mir“ oder „mein“, welche auch einen Ich-Bezug darstellen, sind dabei aber noch gar nicht berücksichtigt:

ich will dich nicht festschreiben
und da sehe ich
möcht ich
ich
ich kann nicht neben dir
ich entferne
traf ich
ich und
ich sitze bei der
ich schaue in den Rückspiegel
bis ich
heute bin ich
ich nehme mir
ich dachte immer
dir spende ich
ich habe Angst
gestern stand ich oben
ich lege

Das Ich fungiert damit als Ausgangspunkt, Dreh- und Angelpunkt für die Gedichte.

Atemraub lautet der Titel des Bandes und er lässt sich zum einen auf die Vergänglichkeit und den Tod beziehen. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit taucht in und zwischen den Zeilen der Gedichte immer wieder auf, besonders im letzten Kapitel, vom Zeitfleisch. Zum anderen kann man Atemraub aber auch auf die Liebe beziehen, die einem metaphorisch den Atem rauben kann. Der Liebe wird im Band ein ganzes Kapitel mit dem Titel Liebesdichte gewidmet. Liebesdichte, wohlgemerkt, und nicht Liebesgedichte, womit wir wieder bei der Dichte als zentraler Eigenschaft der Gedichte von Kirstin Schwab angelangt wären. Aber beginnen wir den Band erst einmal von vorne zu lesen. Im ersten Kapitel, ihr weichen kantigen spitzen kuriosen fremden nahen Worte, geht es um die Liebe zu den Worten und der Sprache. Worte sind dabei, wie bereits gesagt, zum einen Material, das vom „Worthauer“ bearbeitet wird. Zum anderen sind Worte aber auch etwas, worin man Geborgenheit findet, beispielsweise werden die aneinandergereihten „Worte dieser Welt“ zu einem warmen Wortschal, in den man sich einwickeln könnte. Der Drang zu Dichtheit und Knappheit geht einher mit einer Pointiertheit, die uns aus Aphorismus und Witz vertraut ist. Atemraub enthält damit auch einige Gedichte zum Schmunzeln, wie das, in dem uns ein Fisch mit Regenschirm begegnet, welcher einfach „ein reines Accessoire / der Poesie“ sei. Wobei mit dem Accessoire nicht allein der Regenschirm, sondern auch der Fisch mit Regenschirm gemeint sein könnte. Einem Gedicht über den Dadaismus („Ceci n’est pas un poème“) wird eines mit Ernst Jandl-Bezug gegenüber gestellt („Jandl’sche Listen“), was insofern gut passt, als für Ernst Jandl und seine Generation der Dadaismus ein wichtiger Anknüpfungspunkt für das eigene Schreiben war. 

Im zweiten Kapitel, Liebesdichte, wird es „atemnah / blicknah“. Liebeskummer und Liebesglück wechseln sich in den Gedichten ab, wobei die „Problematik / des Binnen-reims“ schon einmal in einem Gedicht auf eine „betonte / Herzmuskelschwäche“ treffen kann:

das Herz auf der Zunge
in deinem Ohr
zähle ich 
Hebungen und Senkungen

Kirstin Schwab zeigt auch in diesem Kapitel eine Vorliebe für sehr schlichte Kürzestgedichte, die alles mit nur sehr wenigen Worten sagen:

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du bist 
die Hälfte
meines
Lebensdialogs

In ich lebe im wilden Eigenstand, dem nächsten Kapitel, geht es um den eigenen Körper, das Theater, oder auch ums Altern. Theater ist insofern naheliegend, als Kirstin Schwab selbst Schauspielerin ist. Ein Gedicht sticht dabei für mich aus diesem Kapitel besonders heraus, und zwar „Nestroys Tod“. Es geht darin um eine Preisver-leihung, bei der die beste Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnet wird. Der Titel lässt an den Nestroypreis, einen Wiener Theaterpreis denken. Im Gedicht nimmt ein Ich an dieser Preisverleihung teil und sitzt im Publikum, kann aber weder applau-dieren, noch aufspringen um Bravo zu rufen, weil – und das ist der Grund warum ich an diesem Gedicht hängen geblieben bin – in eben diesem Moment gerade eine Fliege am Revers stirbt:

ich sitze bei der
Preisverleihung
und an meinem Revers
endet eine Fliege
nein
sie beginnt zu enden
es ist der runde warme Kampf
des Todes

Warum horche ich auf, wenn es um den Tod einer Fliege geht? Weil niemand geringerer als Marguerite Duras den Tod einer Fliege als ein mehr als würdiges Thema für die Literatur erachtet hat und in Écrire viele Seiten lang über den Tod einer gewöhnlichen Fliege nachdenkt, dem sie zwanzig Jahre zuvor beigewohnt hatte: „La mort d’une mouche, c’est la mort.“ (Der Tod einer Fliege ist der Tod an sich)

Das vierte und letzte Kapitel, vom Zeitfleisch, handelt dann von der Angst vor der eigenen Vergänglichkeit, der Blick richtet sich aber auch auf die Mitmenschen. Zum Schluss häufen sich dann religiöse Motive, wenn aus Papier ein Himmel-und-Hölle-Spiel gefaltet wird, der Umriss eines Kreuzes an der Wand eines jüdischen Friedhofs bemerkt wird, Konklave um ein Herz abgehalten wird, eine an den Spiegel gelegte Hand zu Dürers betenden Händen wird und ein Beichtstuhl sündig im Walde steht. Am Ende heißt es dann naheliegender Weise auch: auf ins Paradies!

ins Paradies

schnell
wir müssen los
den langen Weg nehmen

Kirstin Schwab: Atemraub. Keiper Lyrik Band 20, Graz: Edition Keiper, 2019. 116 Seiten.

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