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Jochen Höller, Erika Kronabitter, Andrea Zámbori

Jochen Höller, Erika Kronabitter, Andrea Zámbori

Jochen Höller Aristoteles Ausschnitt

Günter Vallaster präsentiert drei Positionen aus drei Jahren VISUELLE POESIEGALERIE


Die Möglichkeiten, Sprachkunst und bildende Kunst zu verbinden sowie den visuellen Aspekt der Sprache – die Zeichen und die Schrift – poetisch zu nutzen, sind vielfältig und reichen von der Handschrift bis zu Computerprogrammen. Vielfältig sind auch die Bezeichnungen für diese Form der Dichtung: Text-Bild, Sehtext, intermediale, optische oder visuelle Poesie. Am integrativsten erscheint der Begriff transmediale Poesie, da er auch neuere Entwicklungen wie digitale Poesie und Code Poetry einschließt, beispielhaft repräsentiert in den Werken von Jörg Piringer, sowie die Verbindungen zur Klangkunst, zur Welt der Partituren, wie sie in den Arbeiten des Komponisten Christoph Theiler zum Ausdruck kommen und zur Lautpoesie, heute meist Sound Poetry genannt, wie sie Thomas Havlik in seinen rhythmischen Performances vorführt, in denen er das Asemic Writing (Schreiben mit freier Zeichenfindung und offener Semantik) mit Gesten, Lauten, Worten, Musik und Tanz verbindet. Für die klassische Galeriesituation, in der die Arbeiten als Bilder und Objekte in realen und virtuellen Räumen ausgestellt werden, ist dennoch visuelle Poesie eine zutreffende und nützliche Bezeichnung, die im allgemeinen Sprachgebrauch gut verankert ist. Dass die visuelle Poesie gegenwärtig ein reichhaltiges und lebendiges Schaffen darlegt, zeigt die VISUELLE POESIEGALERIE, die von Beginn an Teil der Poesiegalerie ist. Damit unterstreicht die Poesiegalerie, dass es ihr ein Anliegen ist, dem gesamten Spektrum der avancierten Gegenwartslyrik ein Forum zu bieten. Nachstehend wird aus jedem bisherigen Jahrgang der visuellen Poesiegalerie eine Position vorgestellt:

Jochen Höller beschreitet mit seinen Textcollagen und Buchobjekten einen einzigartigen Weg, auf dem sich aufwändige und langwierige Präzisionsarbeit, die eine ruhige Hand erfordert und kaum Fehler zulässt, produktiv mit dem Spielerischen trifft. Als Ausgangsmaterialien und Gegenstände der künstlerischen Reflexion dienen meist Bücher, die mit der feinen Klinge des Federmessers der Dada-Collage als Objekte veranschaulicht oder als Collagen buchstäblich ins Bild gesetzt werden – Poesie als Bildhauerkunst. 2020 stellte Jochen Höller in der visuellen Poesiegalerie seine 2019 entstandenen Werke „Portrait Aristoteles“ und „Regen“ aus, beide hochfiligrane Letternmosaike, die auf schwarzem Grund aufgebracht räumliche Tiefe erzeugen. Damit zeigt sich auch eine Nähe zur Blackout Poetry, bei der an einem Ausgangstext alles übermalt, meist eingeschwärzt wird, bis auf einige ausgewählte Wörter oder Wortverbindungen, die zusammen ein Gedicht ergeben – Blackout Poetry, die als Cut-out Poetry realisiert wird. „Aristoteles“ stellt ein Porträt des griechischen Universalgelehrten dar, das aus ca. 2000 griechischen Buchstaben aus Aristoteles-Texten erstellt wurde. „Regen“ besteht aus den Buchstaben R, e, g, e, n, die aus verschiedensten Büchern mit „Regen“ im Titel ausgeschnitten wurden und sich im Bild gleichsam schwebend zu einem dichten Tanz der Regentropfen verteilen. Historische Errungenschaften der visuellen Poesie wie die Flächensyntax, die Lücken und Leerräume als Stilmittel und die Neudeutung des Figurengedichts als Spannungsbogen zwischen Text- und Bildanteil, wie sie etwa von Stéphane Mallarmé mit „Un coup de dés“ (1897, dt. „Ein Würfelwurf“) und Guillaume Apollinaire mit „Il pleut“ (dt. „Es regnet“) aus seinen „Calligrammes“ (1918) vorgezeichnet worden waren, werden durch Jochen Höller mehrdimensional in die Gegenwart transponiert und raumsyntaktisch weiterentwickelt.

Jochen Höller Aristoteles
Jochen Höller Regen
Jochen Höller: Portrait Aristoteles und Regen in der visuellen Poesiegalerie 2020. Fotocredit: Günter Vallaster
Jochen Höller Regen Ausschnitt
Jochen Höller: Regen (Detailausschnitt). Fotocredit: Günter Vallaster

Erika Kronabitter ist Autorin und bildende Künstlerin, daher liegt es nahe, dass die visuelle Poesie ein fester Teil ihrer künstlerischen Ausdrucksformen ist. 2019 stellte sie in der visuellen Poesiegalerie Beispiele aus ihrer Werkreihe „my bonnie is over the ocean“ aus. Dabei handelt es sich um Fotografien von Fluchtszenen im Mittelmeer, die mit Versen in Hand- und Druckschrift überschrieben sind, so dass sich Text und Bild durch nahezu wechselseitige Aufhebung noch verstärken. Inspiriert sind sie vom Spiel „Schiffchen versenken“, an das die Bilder von gekenterten und sogar versenkten Booten die Autorin erinnerten. In ihrer weiteren Recherche zeigten sich noch mehr Parallelen zwischen Actionspielen und dem Umgang mit Geflüchteten in der Realität. Im 2018 erschienenen Podium-Porträt Band 99 Erika Kronabitter: Ausgewählte Gedichte. Vorwort: Petra Ganglbauer sind die teilweise den Text-Bildern eingeschriebenen Gedichte zur Serie abgedruckt, zwei Beispiele seien hier in der Zusammenschau mit dem jeweils zugehörigen Text-Bild wiedergegeben:

Master and Commander
ist ein Filmspiel, in dem du deinen Gegner mit Hilfe deiner Kanonen 
zum Sinken bringen musst. 
Spiel Instruktionen: Zum Spielen brauchst du die Pfeiltasten und die Leertaste
Erika Kronabitter schiffe versenken
schiffe versenken

 lässt die schiffe schwimmen
 treiben lässt sie treiben
 auf dem meer ist freiheit
 vor der küste ist freiheit
 nicht nur an unsere küsten grenzt dieses meer.
 was will man mehr?
 an land sichern minister die grenzen
 mit pfeiltaste.
 free download als bildschirmschoner
Battle Ships. Ein Action Spiel
Steure das Schiff durch das Meer, zerstöre feindliche Angreifer und sammle Gold.
Spiel Instruktionen: Pfeiltasten = Schiff steuern
Ctrl = feuern
Schieße alle anderen Piratenschiffe auf den Boden des Ozeans.
Spiel Instruktionen: Steuerung mithilfe der Maus und der Pfeiltasten.
Erika Kronabitter sind es die dinge
sind es die dinge

sind es die dinge die seltsam befremden
sind ohne rahmen.
sind es die überzahlen
sind es die übergriffe
sind augen, die blicke zu boden
blicke zur seite, durch körper hindurch
durchdurchdurchundurch
sind die finger die zeigen

Andrea Zámbori hat ihre künstlerischen Arbeitsschwerpunkte in Grafik, Malerei, Fotografie und Animationsfilm und ist sehr poesieaffin. So erstellte sie bereits Illustrationen zu Lyrik und Prosa von mehreren Autor*innen, u. a. Brigitta Höpler, Adrian Kasnitz, Barbara Rieger und findet auch selbst immer wieder zur Literatur und damit zur visuellen Poesie. Schon in ihrer Studienzeit war sie als Mitwirkende der Edition Direkt Fanzine in der ungarischen Fanzine-Szene aktiv, als künstlerische Werkstoffe für ihre Arbeiten benutzt sie nicht selten einfache Verpackungsmaterialien wie Brottüten oder Getränkekartons. In ihrer bildenden Kunst schafft sie mit genauem Blick für ungewöhnliche Perspektiven, Ausschnitte und Dinge als Wesen sowie viel Sinn für skurrilen Witz und spielerische Freiheit, dazu einem Faible für „Space Oddities“ aller Art originelle Bildwelten, die mit hochpräzisen, filigranen Strichen oft ins Zeichenhafte übergehen: Bilder aus Punkten, Binde- und Gedankenstrichen mit Sujets, darunter vor allem das Herz, die wie Piktogramme geradezu leitmotivisch in Variationen wiederkehren und Texturen bilden.

See Also

Andrea Zámbori Kissenberg
Andrea Zámbori: Kissenberg (In: Andrea Zámbori: Herzbau, edition ch 2014)

2018 stellte sie in der visuellen Poesiegalerie ihre Acryl-Arbeit „Schmerz in Rosa“ aus, die auch ihr Originalbeitrag für die Gruppenausstellung ABGRUND anlässlich der Neueröffnung der Akademie Graz 2017 war und in der Literatur- und Kunstzeitschrift LICHTUNGEN veröffentlicht wurde. Im Zentrum des Text-Bildes stehen die Lettern V und A, wobei unter dem Scheitel des V die Aussprache der Buchstaben in Lautschrift gestempelt ist und einen Schmerzausruf ergibt. Als Wort gelesen lässt sich eine konjugierte Form des Verbs „gehen“ in romanischen Sprachen erkennen, mit dem als Umriss splitterartig angedeuteten Akzent über dem A besonders das portugiesische „vá“ (dt. „los“) oder auch die deutsche Abkürzung für „vor allem“. Das ungarische Suffix „-vá“ ist eine mögliche Entsprechung für die deutsche Präposition „zu“.

Andrea Zámbori Schmerz in Rosa
Andrea Zámbori: Schmerz in Rosa (2017)

Der Schmerz wird mit der an sich positiv besetzten Farbe Rosa zu einem Oxymoron verbunden, als Hinweis darauf, dass Positives, schmerzhaft überaffimiert, stechend wirken und damit ins Negative kippen kann. Die Anordnung der Buchstaben als Spiegelung erinnert an Tal und Berg, Graben und Wall, an Liniendiagramme, besonders Konjunkturkurven, aktuell auch zu Corona-Entwicklungen und nicht zuletzt an Anzeigedisplays von medizinischen Messgeräten in Krankenhäusern, wie etwa Pulsmesser, die das Text-Bild vor allem inspirierten. Zu „Schmerz in Rosa“ gibt es auch einen lyrischen Prosatext von Andrea Zámbori, der in der Anthologie „Schriftlinien. Transmediale Poesie“ (edition ch 2020) vorliegt und folgendermaßen schließt:

Es ist kühl. Es wäre vielleicht besser, wenn ich das Fahrrad nur schieben würde, 
aber ich will schnell zu Hause sein. Jetzt interessieren mich die huschenden 
Soldaten auch nicht, die auf einem roten Pilz mit weißen Flecken rumhüpfen. 
Der böse Fliegenpilz, der irgendwie doch ein beliebtes Motiv der Kinder ist. 
Ein Tabu, ein schönes Lebewesen der Welt. Hier ist ein Hut, hier ist ein Stiel, 
hier ist …….KKRHHHRKKRRHH………………………………ein …. Auto? 

Menschliche Abgründe, bei denen man sich immer nur einen Schritt vor dem Absturz 
befindet. Das ist Schmerz in Rosa pur.
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