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Neue Lyrik in den lichtungen #166

Neue Lyrik in den lichtungen #166

Logo Besprechung I

Udo Kawasser blättert durch die neueste Ausgabe der Grazer Literaturzeitschrift


Ein wesentlicher Beitrag zum zeitgenössischen Dichtungsgeschehen in Österreich wird von den vielen engagierten Literaturzeitschriften im Land geleistet und so wollen wir in loser Reihenfolge immer wieder den poetischen Spürhund von der Leine lassen, um frisch publizierte Lyrik in den verschiedenen Magazinen aufzustöbern. Den Auftakt macht die neueste Ausgabe der Grazer Lichtungen, die 2019 nach der Pensionierung des verdienstvollen Markus Jaroschka von der nun federführenden Andrea Stift-Laube einem geglückten Relaunch unterzogen wurde. Die Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik, die im Augustheft mit einem feinen Lyrikschwerpunkt aus der Region Outaouais (Kanada) aufwartet, wurde etwas verkleinert und damit handlicher, bekam statt dem glänzenden einen matten Umschlag und eine stärkere Verzahnung des Kunstteils mit dem Heftinhalt. Diesmal gestaltet durch die Kooperation des Dichters und Biologen Helwig Brunner mit der Künstlerin Lea Titz anlässlich der Ausstellung „Wer wir sind“ im Universalmuseum Joanneum. Im hinteren Heftteil sind auf schwarzen Seiten Bildblasen aus dem Steinbruch bei Wildon zu sehen, in denen „versteinerte Spuren der subtropischen Urmeersbucht auf die gegenwärtigen Ruderalpflanzen“ treffen, die Landschaft also als „Zeitspeicher“ sichtbar wird.

© Copyright Lichtungen

Auf jeder Doppelseite steigt zumindest eine Textblase aus Brunners Hand auf (siehe auch die Illustration weiter unten), die der neuesten Erdschicht zuzurechnen ist, deren baldiges Ende, wie das der Menschheit insgesamt, aber schon absehbar scheint:

die sprache, das leitfossil des anthropozän,
ist eine dünne schicht, fast verklungen.

Unvermutet: Poesie

„Poesie an unvermuteten Stellen“, so heißt eine lesenswerte Serie, die der frisch gebackene Büchnerpreis-Träger Clemens J. Setz (Gratulation von Seiten der POESIEGALERIE!), nun schon in der 7.Folge betreibt. Darin fahndet er auf Twitter nach poetischen Tweets, die er geistreich und amüsant kommentiert. Diesmal beschäftigt er sich mit den schrägen, von Tippfehlern zusätzlich verfremdeten Statements auf dem „mysteriösen Account“ von @Computerfan 2001. Zwei Kostproben, wobei erstere für Setz ein Beispiel für die Szenenhaftigkeit vieler Tweets ist, die er unter flash fiction subsumiert, und zweitere typisch für die meinungsgesättigte Weltwahrnehmung, die sich in ihnen ausdrückt.

Ich Werde Zeternd In Ein 3 D Gedurucktes Grab Gesenkt Die Gäste Klatschen Für
Jedes Klatschen Kommt Ein Herz - Computer Fan 2001
 
Weine, Vor Dem Blumen Geschäft „Blumen Land“ Und Rufe ”Ein ”Land Sollte“ 
Eigentlich Keine Schließ Zeit Haben“

Spannend wäre auch zu lesen, was Setz zu sagen hätte, wenn er „Poesie an vermuteten Stellen“, also in Gedichtbänden kommentieren würde.

Einen solchen hat die 1991 geborene Mira Magdalena Sickinger, auf die wir im Heft als nächstes stoßen, noch nicht aufzuweisen. Es dürfte bei dem halben Dutzend Gedichten unter dem Titel „MUND UND SAFT“ um eine ihrer ersten literarischen Veröffentlichungen handeln.  Das erste dreiteilige Gedicht, „SONATA MALINA“, reimt in der „exposition“ nicht nur „trotz“ auf „rotz“, sondern thematisiert empfindlich herabgekühlt den Zwiespalt zwischen politischem Anspruch an sich selbst („Griechenland retten“) und dem emotionalen Angesprochensein durchs andere Geschlecht (S.19): 

ein ultrakritischer junger
ohne kohärenz
tangiert deine herzfläche
 
weltschmerz ist es nicht

Auch in „durchführung“ und „reprise“ bleibt die SONATA ernüchternd klar: „schweiß/ bedeutet keine leidenschaft“. Dieser illusionsfreie Satz lässt von der Autorin noch mehr erwarten und man wird auch nicht enttäuscht, hebt doch das Gedicht „PER ERNST, M., scherzoso“ wie folgt an (S.23):

ich möchte Iman sein
aber mein Mercedes ist nicht schwarz

Manchmal läuft die Sprache noch in vorgespurten Bahnen, wie in „M-FNTM, vivace gazioso“, wenn „er“ etwas „gesättigt in erschöpften schlaf“ sinkt oder „den warmen regen der lust“ empfängt. Doch die eigenwilligen Titel, die kleinen handgezeichneten Einsprengsel und oft drastisch zugespitzten Bilder, „übergib dich/ übergib dich in mir/ übergib dich mir“ (SOGNO 99, grave), lassen gespannt auf die weitere Entwicklung der Autorin sein.

Peter Sonnbichler widmet seine titellosen Gedichte dem Unbeachteten und Unscheinbaren, das sich ihm zum Sinnbild, zu Einsichten über das Leben verdichtet. So erkennt das lyrische Ich auf der Rückfahrt im Zug (die desillusionierte Weltsicht der vorangegangenen Autorin schreibt sich hier, wenn auch in einer anderen Tonart, fort), dass es mit dem schlaff und schlampig aufgehängten Mantel am Haken identisch ist (S.27):

da war mir klar: da hängst du
du bist was nach mantel aussieht

Ein starkes Bild, das den „grauen fetzen nichts“ am Gedichtende nicht gebraucht hätte, die Imagination der Leser*innen wurde schon durch die davor zitierte Zeile stark angeregt. Besonders gelungen das Gedicht von der Flucht eines kleinen Berghasen, dem es gelingt, am Ende das Erwartete durch Lautähnlichkeit in Schrecken zu verwandeln (S.28):

(…)
ein friedliches tier auf der flucht
lässt beklemmung zurück
und das weiche fell am hals
verliert sein weiß
und färbt sich
nicht wie rosen
nicht wie die liebe
nicht wie die abendsonne
es färbt sich tot
Seite 111 aus dem Kunstteil des Hefts: Helwig Brunner (Text), Lea Titz (Illustration),
© Copyright Lichtungen

Lyrik aus der Region Ouataouais (Québec)

„Durch Stipendien kommen die Leute zusammen“ könnte man exemplarisch über den Lyrikschwerpunkt mit dem Titel „Du legst deine Nadel auf mein Gammofonherz“ aus der Region Ouataouais sagen. Denn zwei der drei Herausgeber, der Grazer Autor Reinhard Lechner, der auch Redaktionsmitglied der Lichtungen ist, und Michael von Killisch-Horn, der als freier Übersetzer in München lebt, hatten in den vergangenen Jahren zweimonatige Aufenthaltsstipendien des Bayerischen Staatsministeriums in Gatineau, der Hauptstadt der Verwaltungsregion Outauais, die am Ottowa-River genau gegenüber von Ottowa, Kanadas Hauptstadt, liegt. Dort ist nach dem Vorwort der Herausgeber, zu denen sich als dritter der „Doyen der Lyrikszene der Region“, der 1935 geborene Guy Jean gesellt, eine der „lebendigsten Literaturszenen außerhalb Montréals“ beheimatet. Wie stark aber auch in diesen französischsprachigen Teil Kanadas die andere große Landessprache ausstrahlt, zeigt sich gleich im ersten Gedicht der Auswahl von Alexandre Deschênes, dessen Lyrik besonders stark vom Quebécfranzösisch geprägt sei:

Rue Laval
 
Un réverbère qui flashe
sous la lumière
des klaxons sunshines
juste pour le beat
(…)
 
In der Übersetzung von Frank Weigand:
 
Rue Laval
 
Eine Straßenlaterne, die aufblitzt
unter dem Licht
Sunshine-Hupen
bloß für den Beat
(…)

Vom preisgekrönten Guy Jean, der nicht nur als Präsident des regionalen Schriftstellerverbands und Mitglied der Kunstkommission der Stadt Gatineau die Interessen der Literatur vertrat, sondern auch Mitbegründer des Verlags Éditions Neige-Galerie ist, bringt der Schwerpunkt Ausschnitte aus dessen letzten Gedichtband Une fois déjà (Einmal schon) von 2018. Für einen Dichter in den Achtzigern nicht verwunderlich, thematisieren die titellosen Gedichte das eigene literarische Erbe, aber auch die Familiengeschichte bis zurück zu den aus Frankreich stammenden Einwanderern, die als Hugenotten verfolgt wurden. In der Übersetzung von Michael von Killisch-Horn liest sich das so (S.47):

(…)
die Worte der Vorfahren
verstecken sich in den Klageliedern
Trinkliedern  Legenden
stummen Blasphemien.

Resigniert wird festgestellt:

Die Familiengeschichte
geschrieben in unsere Körper
eingeschrieben in unsere neuronalen Schaltkreise
geheim  lässt sich nicht erzählen

Dennoch zielt die poetische Archäologie darauf, mit der eigenen Geschichte ins Einvernehmen zu kommen:

(…)
wer wird die Geheimnisse befreien
damit die Vorfahren endlich
„tot und begraben“ sind
 
sind wir fähig zu erkennen  hinter dem Spiegel
die dunkle  unbewusste Geschichte
und unsere Existenz zu besitzen

Doch der Dichter „weiß nicht wie“ das zu bewerkstelligen ist, das verdeckte Erbe könnte toxisch werden:

Antipersonenminen  explodieren
in den Adern der Urenkel

Eine intensive poetische Erfahrung bietet die Lektüre von Michel Côtés Prosagedichten unter dem Titel „die Wörter so sie sich öffnen“ in der Übersetzung von Birgit Leib, die aus dem Band Le dernier tableau sera rouge (Das letzte Gemälde wird rot sein) von 2014 stammen. Der 81-jährige lehrte chinesisches Denken und Philosophie der Kunst in Montreal und verbindet letztere mit Literatur. Die abgedruckten Texte inszenieren ein intimes Spiel der Imagination mit den Künstlerinnen Pina Bausch, Marguerite Duras und Virginia Woolf wie „in Reichweite der Stimme“ (S.49):

See Also
Cover Mujila Mwanza Fiston Kasala für meinen Kaku (klein)

Ins Unendliche, zu sich selbst, ist es so spät? Auf Fragmenten buchstabiere ich den Tag. Ich suche, was sich entzieht. Das Unvorhersehbare zuerst. Wo bin ich ohne das Privileg des Wegs? In der Nähe des Verlangens habe ich das Gefühl deiner Stimme. Ich werde zwischen den Lauten geboren. Durch deinen Körper, durch deine Finger.

Die Haikus des „Vaters des französischsprachigen Haikus in Kanada“, André Duhaime, sind ebenfalls von Erinnerung und Vergeblichkeit geprägt und zeigen, wie sich in der reduzierten Form des klassischen japanischen 5 – 7 – 5 in die Gegenwart emotionsgeladene Bilder generieren lassen:

novemberhimmel
ein paar pusteblumen
all diese reue

Loïse Lavallée, 1948 geboren, ist mit Liebesgedichten aus dem Band Muscle de l’étreinte von 2014 präsent. Der französische Titel, der auch im Gedicht „Nostalgie“ wiederkehrt, führt bei der Übersetzung in ein Dilemma, denn eigentlich ist damit anatomisch der Sägezahnmuskel gemeint, der beidseitig am Brustkorb ansetzt und dem Oberkörper der Athleten die charakteristische gezahnte Seitenzeichnung verleiht. Der französische Name des Muskels weiß aber nichts von Zähnen, sondern meint mit „étreinte“ die Umarmung, was natürlich viel besser zum Liebesthema passt. Aus diesem Grund hat sich die Übersetzerin wohlweislich gegen die fachsprachlich korrekte Bezeichnung und für den sprechenderen „Muskel der Umarmung“ entschieden. Doch wenn es anschließend heißt, dieser Brustkorbmuskel „umgürtet das Becken der Welt“ (Hervorhebung durch den Verfasser), wird es anatomisch unstimmig und man sähe gern das Original, um nachzusehen, wem das schräge Bild zu verdanken ist, der Dichterin oder der Übersetzerin. Literarisch originell und ergiebig ist, wie jedes Gedicht in zwei Spalten geführt wird, in denen die einzelnen Strophen versetzt zueinander stehen. Zwar können beide Spalten separat gelesen werden, aber das lineare Lesen wird aufgebrochen, es entstehen anregende Irritationen und Querverbindungen wie in „Nostalgie“ (S.59):

Die Gedichte der erfolgreichen Slamerin und Schauspielerin Marjolaine Beauchamps führen uns aus der Frauenperspektive unter die Menschen in die Fallgruben und Untiefen des Zusammenlebens, dabei sind die Texte im Ton direkt, zwischen abstrakten Reflexionsbits und derber Alltagssprache changierend. In „Social anxiety disorder“ (S.85) werden die starrenden Blicke der anderen zum Thema, sie lassen den Wunsch aufkeimen:

Wie gern wäre ich eine von diesen jungen Mädchen
Die zu zweit pissen gehen

Da ist es dann nur konsequent, wenn es in „Stock Market“ (S.87) dann heißt:

Ich entschuldige mich nicht mehr
Wenn ich unglücklich
Neben mir steh
Ein sezierter Körper
Für Biologie
Oder Psychologie
Je nachdem

Wie das eigene Leben mit der urbanen Geografie verbunden ist, erforscht Clara Lagacé, Jahrgang 1993 und damit die jüngste Stimme in diesem Outaouais-Dossier, in „betongedichte“ (S.92):

die geschichte, die im beton steckt
ist schwerlich poetisch

In ihren Texten artikuliert sich ein Leben, das im Ungewissen des Beginnens steckt, das vom Rande kommend nicht weiß, was es erwarten kann oder soll. In „die schöne graue“ (S. 93) bringt sie es so auf den Punkt: „ich bin immer irgendwo dazwischen auf der durchreise in erwartung des wahren anfangs“. 

Und damit haben wir beim Durchblättern weder die Fülle des Ouatauais-Schwerpunkts noch die des ganzen Hefts erschöpft, das noch weitere Gedichte, Prosa und Essays enthält. Am besten das Heft selber kaufen und dem Poetischen auf der Spur bleiben:

Reis Ist Maden
Eier Sind Dicke Kleine Männer
Ein Fleisch ist Ein Schuh
Alles Essen ist nicht gut
- Computer Fan 2001

Das neueste Heft der lichtungen #166 kostet Euro 10,- , ein Jahresabonnement mit vier Ausgaben Euro 29,-.

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