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Zur zweiten Ausgabe des Jahrbuchs österreichischer Lyrik

Zur zweiten Ausgabe des Jahrbuchs österreichischer Lyrik

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Timo Brandt liest das in der Edition Melos erschienene
Jahrbuch österreichischer Lyrik 2020/21


Zum zweiten Mal also hat Alexandra Bernhardt das Jahrbuch österreichischer Lyrik herausgegeben, diesmal erschienen in der neu gegründeten Edition Melos, die sich generell der Förderung der österreichischen Gegenwartslyrik verschrieben hat (erschienen sind bereits sieben eigenständige Titel in der „Reihe vers libre“).

Lyrikanthologien sind ja immer so eine Sache: ohne Schwerpunkt (thematisch oder anders geartet) sind sie oft eine ziemlich zerfaserte Angelegenheit. Dieser Problematik hat man beim Jahrbuch der Lyrik (das jährlich bei Schöffling & Co. erscheint) beizukommen versucht, indem man dem dauerhaften Herausgeber Christoph Buchwald (ab 2022 wird es Matthias Kniep sein) für jede Ausgabe jeweils eine*n Lyriker*in als Mitherausgeber*in zur Seite stellte.

© Copyright Edition Melos

Etwas Ähnliches würde ich auch der Herausgeberin Alexandra Bernhardt für die Zukunft empfehlen (vielleicht könnte man auch immer eine*n junge*n Autor*in mit ins Boot holen, damit die Anthologie nicht ausschließlich ein Medium für eingesessene Autor*innen wird). Denn bei einer einzelnen Herausgeberin liegt es natürlich nah, dass man der Auswahl Geschmacks- und Werturteile unterstellt, die auf diese eine Person zurückgeführt werden können, was wenig wünschenswert ist.

In jedem Fall muss das Profil dieser Anthologie noch geschärft werden, wenn sie je eine Publikation von Bedeutung werden und nicht zum Gästebuch verkommen will, in der sich nach Belieben alle mit Österreich verbandelten Autor*innen, die wollen (und geladen werden), eintragen können. Wobei, vielleicht will die Anthologie genau das sein, hat sonst keine Ambitionen.

Wenn ich die Namenliste der Autor*innen überfliege, fällt mir zuerst auf, wer alles fehlt. Und bei der Lektüre dann, wie unterschiedlich die Qualität der Texte ist. Es ist zwar nicht so, dass es viele wirklich schlechte Text gibt. Aber doch viele Texte, die sich neben einem elaborierten Gedicht mehr wie eine lässliche Spielerei, eine Fingerübung, eine Vorstufe zu einem Gedicht ausnehmen.

Ich bin, glaube ich, bekannt als jemand, der sehr vielen unterschiedlichen Texten etwas abgewinnen kann und doch war die Lektüre des Jahrbuchs für mich eine enervierende Angelegenheit. Denn so erfreulich Vielfalt ist, man kann nicht einfach Unterschiedlichstes zusammenwerfen, ohne Dramaturgie oder zumindest den Hauch einer kuratorischen Überlegung, und das dann Vielfalt nennen. Man muss dann eher von Beliebigkeit sprechen.

Und diese Beliebigkeit streicht bei manchen Texten leider auch eher die negativen Aspekte heraus, wenn sie beispielsweise neben einem Gedicht stehen, das, weil es anders arbeitet/funktioniert, im Vergleich durchdachter oder gelungener erscheint. Gleiches gilt für die Tonalität. So störte mich etwa bei vielen Gedichten im Jahrbuch ein Hang zur Befindlichkeit – aber eben nur, weil dieser Hang im Kontrast zu anderen Texten besonders hervorstach. Selbst leicht willkürlich anmutende Einteilungen, wie sie beispielsweise in der Anthologie Aus Mangel an Beweisen (Wunderhorn, 2018) vorgenommen wurden, hätten diesen Effekt sicherlich ein bisschen abgeschwächt. 

Abseits dieser kuratorischen Punkte ist mir an den Texten der teilweise starke Zug zur Einkehr aufgefallen. Womit ich meine: sie weisen eher nach innen als nach außen. Man könnte jetzt spekulieren, dass dies mit der Pandemie und dem Auf-sich-selbst-zurückgeworfen-Sein zusammenhängt, was durchaus auch sein mag. Aber ich würde es eher als einen weiteren Indikator für die eher durchwachsene Qualität mancher Texte sehen (Nochmal: es geht dabei nicht um Werturteile nach der Art: dies ist ein gutes Gedicht und dies ist ein schlechtes, das sind Geschmacksurteile, sondern um die Frage: wie elaboriert, durchdacht, reflektiert ist ein Gedicht).

Gemeint ist damit: Vielen Gedichten sehe ich an, dass sich die Autor*innen wohl nicht viel mit (progressiver) Gegenwartslyrik auseinandergesetzt haben. Sie vermögen zwar (und das durchaus auch nicht schlecht) auszudrücken, was sie bewegt (und darum soll es bei Lyrik auch gehen, keine Frage), aber sie sind nicht mit dem vertraut, was in den letzten zwanzig Jahren auf dem Gebiet des lyrischen Ausdrucks/Verfahrens passiert ist. Diese Auseinandersetzung ist nicht notwendig, um gute Gedichte zu schreiben, aber schon, um Gedichte auf Höhe der Zeit zu schreiben. Gedichte also, die sich auch aus der eigenen Befindlichkeit, den eigenen Vorstellungen hinausbewegen können.

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Ob das individuell von Belang ist, sei dahingestellt. Jede*r Dichter*in versucht in ihren*seinen Texten die richtigen Worte für etwas zu finden und es sollte letztlich darum gehen, ob die Texte das, was sie auszudrücken beabsichtigten, auszudrücken vermögen, und nicht darum, ob sie nicht vielleicht lieber etwas ganz anderes hätten versuchen sollen auszudrücken. Aber trotzdem bleibt der Eindruck, dass nicht viele Texte in der Anthologie einen erfolgreich involvieren und/oder über sich selbst hinausweisen.

Selbstverständlich gibt es auch einige Highlights, einige Texte, die meine Kritikpunkte beiseite fegen. Und es gibt einige Lyriker*innen, auf die man sich halt verlassen kann, wie beispielsweise Monika Rinck, Thomas Ballhausen, Sandra Hubinger, Helwig Brunner, Daniela Chana, Raoul Eisele, Monika Vasik und andere. Und ein paar Autor*innen habe ich auch zum ersten Mal für mich entdeckt, wie Patricia Brooks, Hermann Niklas, Veronika Zorn, Andreas Pavlic u.a.

Insofern will ich, ohne meine Kritikpunkte zurückzunehmen, versöhnlich schließen mit den Worten: Anthologien sind immer ein bisschen wie Archäologie: Schätze auszugraben klingt erstmal cool, es ist aber dann in der Praxis eine mitunter mühsame Angelegenheit. Wen die Mühsal nicht schreckt und die Schätze locken, der wird hoffentlich eh zu solchen Anthologien greifen.

Jahrbuch österreichischer Lyrik 2020/21. Herausgegeben von Alexandra Bernhardt. Edition Melos, Wien 2021. 300 Seiten. Euro 24,-

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