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Laufrad im Ohr

Laufrad im Ohr

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Nicole Streitler-Kastberger liest Ines OppitzKartenhausleben

Cover von  Ines Oppitz Kartenhausleben

Ines Oppitz ist in Wels geboren und arbeitet im Bereich Literaturvermittlung und kreatives Schreiben. Sie hat bereits fünf Publikationen vorgelegt, zuletzt den Gedichtband „ein schwebendes Verfahren“ (2013). Jetzt ist in der Edition Nikra ihr neuer Gedichtband „Kartenhausleben“ erschienen. Schon der Titel ist sehr ansprechend. Das Leben wird von Oppitz als etwas Fragiles und Instabiles betrachtet und als solches in den Gedichten erkundet. Die Texte des Bandes sind größtenteils in freien Versen verfasst, hier und da mischt sich ein Haiku dazwischen, das bleibt aber die Ausnahme.

Sprachlich einfach und doch auch sprachspielerisch


Der Band ist in vier Abschnitte unterteilt: „… und wieder das namenlose suchen“, „… die versiegenden wörter beatmen“, „… unter einem himmel“ und „… stimmengestöber“. Die Interpunktion in diesen Titeln wirkt seltsam, sie verweist aber schlicht darauf, dass diese Zwischentitel allesamt Zitate aus einem in dem folgenden Abschnitt enthaltenen Gedicht sind. Immer wieder wird bei Oppitz das Schreiben selbstreflexiv. So im einleitenden Gedicht, das sinnigerweise den Titel „vom anfang“ trägt und mit der Frage schließt: „weiß/der anfang/vom/anfang“. Gerne bedient sich die Dichterin dabei Permutationen, Wörter werden platziert und wieder umgestellt, sodass sich eine Sinnverschiebung ergibt: „es / fängt / an“ wird zu „so fängt / es / an“. Sprache wird dabei von Oppitz auch als etwas Fremdes empfunden, das sich die Dichterin erst zu eigen machen muss:

das eigene 

und jenes 
das mich 
nicht kennt

Diese Zeilen sind von einer für Oppitz durchaus charakteristischen Einfachheit, die aber, wenn man genauer hinsieht, auch von Metaphern und neuen Bildern durchsetzt ist. Im Gedicht „dichten“ rekurriert sie in autoreferentieller Weise auf dieses Thema: „für / den mond / brauchst du / immer / eine metapher“, heißt es da, „ein ähnlich / unähnliches / bild“. Für den Mond könne man etwa schreiben: „frucht/die orangentief/leuchtet“. Solche Bilder sind jedoch nur sparsam gesetzt in dem Band, so etwa, wenn vom „laufrad im ohr“ die Rede ist oder von der „klimazone des schreibens“, vom „zikadencrescendo“ oder vom „möwenlachen“, vom „abschiedsrot der sonne“ oder vom „nachtbunte[n] haus“. Auch ganze Verse sind metaphorisch strukturiert, etwa folgender: „nebel / schminkt / den garten / auf halbmast“, oder folgender: „regen und / wind / setzen zeilen / in die luft“. Doch immer wirkt diese metaphorische Rede motiviert, sie ist kein bloßer Schmuck, sondern verleiht dem Gesagten eine neue Form und gewissermaßen eine Tiefenstruktur.

Das Leben, ein Kartenhaus


Im titelgebenden Gedicht „kartenhausleben“, das auch eine solche Metapher ist, wird die Fragilität des Lebens („bis es / zerfällt“), aber auch die Schwierigkeit, dafür Worte zu finden, thematisiert: „wieder / ein wort / erfinden“.

Wiederholt sind Szenen des Endes imaginiert, der Zerfall der Welt im Anthropozän, so etwa im Gedicht „spät“:

wenn 
der wahre 
der einzige ruf
im fahrtwind verwischt

wenn 
der trost
der bäume
im vorbeiwehen
verblasst 

das kreisen
des bussards
erstarrt

und 
nichts mehr
nach heu
riecht 

nach 
welcher ernte
bückst du 
dich dann

In einem anderen Gedicht, „wie denn“, ist gar von der „weltagonie“ die rede:

wie denn
inmitten 
der weltagonie 

wie denn
den tag
einfach so 

wie denn 
einfach so 
den tag 

zum fliegen 
bringen 
wie denn

Auch die Pandemie wird thematisiert, so im Gedicht „pandemisch“:

See Also
Cover jaschke wie nie danach

es 
kam über uns 
kam über die welt
tief in die welt

so klein
wurden
die tage

so groß 
und 
so anders

Auch hier wieder die Frage nach der Sprache für so epochale Ereignisse:

finde worte
sagte er 
für diese zeit
finde zeichen
finde 
einen einzigen 
roten faden 

Besonders kondensiert erscheint die Rede von der Endzeit im Gedicht „flut“: „entrissen / das / haus“ und „horizonte / ertrinken / wachsen // saugen / uns / ab“. Im Gedicht „haiku“, das auch ein Beispiel für die Originalität der Oppitz’schen Bilder ist, wird die apokalyptische Rede auf das Ich rückbezogen: „kleiner vogel tod / deine schattenschwinge steht / ratlos über mir“.

Der schöne Gedichtband, der eine Erkundung der menschlichen Existenz vornimmt, weist leider einige editorische Mängel auf. So wechseln die Schriftgrößen, und die Kursivsetzung wirkt an mancher Stelle unmotiviert. Das tut der Wirkung der Texte aber zum Glück keinen Abbruch.


Ines Oppitz: Kartenhausleben. Gedichte. Edition Nikra, Baden/Obermallebarn, 2022. 74 Seiten. Euro 12,–.

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