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Günstige Intelligenz: Poesie und KI

Günstige Intelligenz: Poesie und KI

jörg piringer Porträt

Mit „günstige intelligenz – hybride poetik und poetologie“ ist im Herbst 2022 nach „datenpoesie“ 2018 das zweite Buch von Jörg Piringer im Ritter Verlag erschienen. Darin stellt der Autor, Medienkünstler, Programmierer poetischer Software und Musiker (u. a. Gründungsmitlied des Vegetable Orchestras) das künstliche neuronale Netzwerk GPT 3 (Generative Pretrained Transformer 3) des US-amerikanischen Forschungslabors für künstliche Intelligenz OpenAI auf den poetischen Prüfstand. Um sein sprachkreatives Potential zu ergründen, trainierte Jörg Piringer das Netzwerk vor allem mit Neologismen und Wortspielen, etwa Portmanteauwörtern wie „schriftstehler“ und „netschuldigung“ und erteilte ihm Textgenerierungsaufträge, die vom Glückskeksspruch bis zum Gedicht reichen. Die Ergebnisse sind eingebettet in Reflexionen zu KI-generierten Texten und ihren Auswirkungen auf die Begriffe Autor*innenschaft, Kreativität, Literaturbetrieb und Gesellschaft, wodurch eine erste „hybride poetik und poetologie“ entsteht:

hybride poetik

vielleicht ist das hier auch der versuch
der erste versuch
meines wissens der allererste versuch
eine poetik hybrider intelligenzen zu schreiben
eine zusammenarbeitspoetik zwischen natürlicher und
künstlicher intelligenz
(...)

(Jörg Piringer, günstige intelligenz, S. 45)

Günter Vallaster befragt Jörg Piringer, derzeit Stipendiat der Kone Foundation in der Saari Residence in Mynämäki, Südwestfinnland, via E-Mail zum Buch.

Du weilst gerade in Finnland und in einer Gegend, die auf den ersten Blick so gar nichts mit Hightech zu tun zu haben scheint: Meer, Wald, Natur. Was machst du dort und wie wirkt sich dieses Umfeld auf deine künstlerische Arbeit aus?

finnland ist der technik gegenüber doch recht aufgeschlossen. und was grüne technologie betrifft sowieso. das hängt vielleicht auch mit der natur zusammen. woanders konnte aus einem gummistiefelhersteller ein handyproduzent werden? aber generell brauche ich für meine arbeit, wie wahrscheinlich die meisten schreibenden vor allem eines: ruhe. und die gibt es hier. die themen finde ich sowieso und die sind auch hier präsent: künstliche intelligenz, klimawandel, sozialer wandel aufgrund von oder mit technik, etc.

© Jussi Virkkumaa/Saari Residence

Doch zu deiner Neuerscheinung „günstige intelligenz“: Während dein erstes Buch unter dem von dir geprägten Begriff „Datenpoesie“ ein breites Spektrum deiner langjährigen künstlerischen Auseinandersetzung mit Programmiersprachen und Cyberspace entfaltet, das u. a. Sound Poetry, Visual Poetry, Code Poetry und auch schon neuronale Netzwerke umfasst, konzentriert sich dein neues Buch auf den Bereich der sogenannten künstlichen Intelligenz. Setzen künstliche Neuronen, Sprachmodelle und Deep Learning den State of the Art, an dem bis auf Weiteres kein Weg vorbeiführt?

im moment sind diese technologien in aller munde, was denke ich vor allem daran liegt, dass im moment recht spektakuläre erfolge damit erzielt werden. die zugrundeliegenden konzepte sind schon ziemlich alt, allerdings stehen erst jetzt die rechenleistung und die sprachcorpora zur verfügung, um diese erfolgversprechend zu nutzen. das hat wiederum die forschung beflügelt. allerdings kann sich das wie viele trends in der informationstechnologie auch schnell wieder ändern. wer weiss, was in zwei jahren die startup-szene antreiben wird?

Dein Buch ist randvoll mit hochinteressanten Tests und poetischen Versuchanordnungen mit sehr aufschlussreich und auch unterhaltsam zu lesenden Ergebnissen. So hast du etwa gemäß den „Stilübungen (Exercices de style)“ von Raymond Queneau aus dem Jahr 1947 die KI eine Reihe unterschiedlicher Textsorten erstellen lassen, und zwar aus einem KI-generierten Ausgangsgedicht, das mit „bussardschwadron“ auch einen von der KI gefundenen Neologismus auf Basis deines Neologismen-Korpus enthält:

Ein Gedicht:
„Als ich von Düsseldorf nach Köln zog
da konnten sie mich nicht mehr stoppen
Die bussardschwadron 
saß mit den andren da und wartete
und ich muß sagen
in Köln hatten sie einen größeren Erfolg.
Ich hatte die Bewohner im Griff
und dann ging alles sehr schnell.
Denn ich machte alle ernst.“
Schreibe __________darüber.

(Jörg Piringer, günstige intelligenz, S. 86. Texte der KI sind im Buch zur klaren Unterscheidung in anderer Schriftart gehalten.)

Welches Ergebnis des „Schreibe“-Auftrags hat dich am meisten überrascht, welches hast du erwartet?

ganz allgemein hat mich das sprachverständnis des systems überrascht. wie stilsicher es in vielen fällen war. die schlechten ergebnisse hab ich nicht in das buch aufgenommen. ich hätte aber erwartet, dass die maschine nur in ausnahmefällen interessante ergebnisse erzeugt. noch dazu, wo mein ausgangsgedicht schon recht obskur ist. bei queneau ist es ja ein ziemlich banaler plot, der abgewandelt wird, das wäre für eine künstliche intelligenz vielleicht eine leichtere aufgabe.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit KI? Ist sie mehr wie ein Werkzeug, ein Organon, mit dem von Platon bis Ludwig Wittgenstein oft Sprache und Wort verglichen wurden, eher wie ein Haustier, etwa ein Ernst Jandl’scher „ottos mops“ oder ein Papagei Friedrich in Thomas Bernhards Stück „Immanuel Kant“ oder wie ein menschlicher Autor, eine menschliche Autorin?

ich denke, das hängt davon ab, wie man das system verwendet oder einsetzen will. in meinem fall war es ein werkzeug, mit dem ich oulipotische aufgaben lösen wollte. ich denke, man könnte das auch in richtung „haustier“ einsetzen, allerdings wäre da eine andere bedienung vonnöten. vielleicht geht die unlängst veröffentlichte variante von GPT-3 namens Chat-GPT mehr in diese richtung. mit einer menschlichen autor*innenperson hat das kaum etwas zu tun. dazu versteht das system zu wenig von der welt. es kann mit sprache umgehen. von der wirklichen welt versteht es fast nichts.

Können KI-produzierte Texte, in weiterer Folge KI-Poesie nur Imitationen und Reproduktionen menschlicher Texte sein und sind „KI-eigene“ Stilmittel wie etwa Überaffirmation (z. B. durch extensive Serialisierung) oder syntaktische Vereinfachung eigentlich lediglich Unzulänglichkeiten und Fehler (Glitches) des Programms?

auch das hängt wiederum teilweise von der bedienung ab. bei ziemlich normalen anfragen produziert das system banale poesie mit vielen klischees und wenig überraschungsmomenten. wenn wie in meinem fall das programm an den rand des wahrscheinlich geplanten einsatzgebietes gelangt, wird es interessant.

ich würde diese ergebnisse eher als feature denn als fehler bezeichnen, aber wahrscheinlich sind die schöpfer*innen des systems da anderer ansicht.

Ein künstliches neuronales Netzwerk ist auf ein Textkorpus angewiesen, mit dem es trainiert wird. Welche Folgen ergeben sich daraus für das Urheberrecht und den Werkschutz menschlicher Werke?

das ist eine gute frage, auf die ich im moment keine antwort kenne. da es allerdings nicht so ist, dass das netzwerk nur textbausteine kopiert, sondern der texterzeugungsprozess eher dem allmählichen verfassen eines textes wie beim menschen ähnelt, glaube ich nicht, dass eine urheberrechtsverletzung leicht nachweisbar sein wird.

In „günstige intelligenz“ bietest du auch einen sehr interessanten Überblick über die Geschichte der Wortkombinatorik und Textautomation. Darin thematisierst du beispielsweise den Plan des katalanischen Missionars Ramon Llull aus dem 13. Jh. zu einer Maschine zur Beantwortung religiöser Fragen, die letztlich der Missionierung dienen sollte oder aus der mechanik- und automationsaffinen Barockzeit den von Llull, aber auch der Kabbala inspirierten Entwurf von Georg Friedrich Harsdörffer zu einer Maschine, die wiederum „explizit zur hilfe bei der dichtkunst“ (günstige intelligenz, S. 151) gedacht war. Wie sind der KI-Einsatz und die heutige KI-Poesie im Spannungsfeld zwischen Manipulation und Erweiterung der Ausdrucksmittel zu sehen? Bringt KI eine Neubewertung der Dichtkunst mit sich?

ich denke, dass jede neue technologie die literatur und im speziellen die dichtkunst verändert hat. schrift, buchdruck, schreibmaschine, radio und tonbandrekorder sind nur ein paar beispiele. und so wird es auch mit künstlicher intelligenz sein. wie diese neubewertung aussehen wird, kann ich nicht sagen, ich glaube allerdings nicht, dass dichtung dadurch obsolet werden wird. auch solche nicht, bei der keine maschine mitgeschrieben hat.

„das neuronale netz fühlt nicht / es hat keine emotionen“ konstatierst du auf S. 184 und machst sehr interessante strukturelle Ähnlichkeiten der KI-Poesie mit den Werken der mit Schizophrenie diagnostizierten Patient*innen im psychiatrischen Krankenhaus, heute Art/Brut Center Gugging aus, die der Psychiater Leo Navratil Gedichte schrieben ließ und von denen Ernst Herbeck und Edmund Mach auch breitere Anerkennung als Dichter fanden. Während bei psychischen Erkrankungen Emotionen verflacht sein können, fehlen sie der KI überhaupt. Ist die KI daher bei aller zunehmender Sprachmächtigkeit nie wirklich in der Lage, Literatur und Poesie zu kreieren, die Menschen erreicht? Trotz mächtiger Schachcomputer werden ja auch immer noch Schachweltmeisterschaften ausgespielt.

schach ist ein spiel, das zwar sehr viele, aber doch eine endliche anzahl an spielzügen hat. sprache und dichtung sind allerdings prinzipiell unendlich. ich denke, schach wird noch gespielt und geschätzt, weil es von menschen gespielt wird. auch ein auto ist schneller als ein läufer und dennoch gibt es laufwettbewerbe.

ich kann mir gut vorstellen, dass irgendwann einmal ein ki-gedicht einen lyrikwettbewerb gewinnt. manche von den maschinentexten weisen eine erstaunliche orginalität auf, die zumindest mich erreicht. ob das gewinnen eines wettbewerbs ein qualitätsmerkmal ist, würde ich mich aber auch nicht zu sagen getrauen.

Sind die emotionalen Defizite der KI ein kaum wettzumachender Mangel gegenüber menschlicher Literatur oder können sie auch als Ausdrucksmittel genutzt werden, um einer gefühlsfeindlichen Welt einen Spiegel vorzuhalten?

ich meine gar nicht, dass die fehlende emotionalität in den ki-texten unbedingt erkennbar ist. bei menschen nehme ich einfach an, dass sie emotionen besitzen. bei körperlosen maschinen bin ich hingegen sicher, dass sie emotionlos sind. daher: vielleicht…

See Also

Im Schlussteil des Buches entwirfst du eine Fülle an utopischen und dystopischen Szenarien für das literarische Schreiben und die Poesie angesichts der KI („die zukunft der literarischen intelligenzen“, S. 194 ff.). Sie reichen von „jeder mensch kann schriftstellerin werden / dazu ist nur die erwerbung einer poesie-intelligenz notwendig“ (S. 194) – die Rechnung mit den Kosten für die Rechenzeit der KI für die KI-Texte in „günstige intelligenz“, $ 5,60, ist auf S. 11 abgedruckt – bis zum Ende aller künstlichen Intelligenzen, weil keine Maschinen mehr gebaut werden können. Wohin könnte die Reise am ehesten gehen? Welche Entwicklungen zeichnen sich am deutlichsten ab?

im buch sind viele möglichkeiten angeführt, die meisten davon übertrieben und absurd. einige sind auch von der maschine selbst erfunden. ich wollte bewusst alles offen halten, weil es mir um das weiterdenken geht. denn ich glaube, dass bei aller faszination intensives nachdenken darüber wichtig ist, um diese technologie sozial verträglich zu halten und sie gegebenenfalls zu regulieren. denn es ist ja keineswegs so, dass diese systeme aus reinem forscherdrang oder gar altruismus entwickelt werden. da stecken wirtschaftliche interessen dahinter, die, wie wir wissen, nicht immer das beste in gesellschaften bewirken.

ich denke, dass es zu einer gewissen normalisierung dieser technologien kommen wird. in bestimmten bereichen wie chatbots, werbung, einfachen zeitungsmeldungen etc. werden maschinen eingesetzt werden, um geld zu sparen. maschinelle übersetzung wird für gebrauchstexte standard werden.

im literarischen bereich wird es vielleicht systeme geben, die genre-texte automatisch oder halbautomatisch erstellen können. das grosse komplett autonome originäre maschinen-buch wird allerdings nicht so bald erscheinen.

aber ich kann mich natürlich irren. wie schon so oft.

Du beschäftigst dich schon seit den 90er-Jahren mit Möglichkeiten, die IT poetisch zu erschließen. Wie siehst du die Entwicklungen im Rückblick auch im Vergleich mit deinen damaligen Erwartungen und wie stehst du zum Begriff „postdigital“, der bereits Ende der 90er-Jahre durch den Komponisten elektronischer Musik Kim Cascone, dann u. a. auch durch den Literaturwissenschafter und Kurator Friedrich W. Block ausgerufen wurde?

in den 90ern war alles noch sehr neu. ich hab wie die meisten damit herumgespielt und verschiedenste dinge ausprobiert. jetzt sind das netz und digitale technologie fixe bestandteile unseres lebens. der künstlerische umgang und die kritik daran sind auf einer vollkommen anderen ebene angesiedelt. fragen der kommerzialität, der nachhaltigkeit, des klimawandels, der machtverhältnisse etc. stellten sich noch nicht in diesem ausmass wie heute. insofern leben wir in einer postdigitalen welt. der begriff digital ist fast bedeutungslos geworden, da alle digitale werkzeuge verwenden.

Du kuratierst gemeinsam mit wechselstrom (Renate Pittroff & Christoph Theiler) und mir auch das Festival „räume für notizen“, das mit Performances am 30.01.23 in der Alten Schmiede und am 31.01.23 zur Vernissage der Ausstellung in der Kunsttankstelle Ottakring mit Finissage-Performances am 11.02.23 bereits zum fünften Mal transmediale Poesie aus aller Welt präsentiert. Der thematische Schwerpunkt der kommenden Ausgabe ist „Algorithmus“. Was erwartet das Publikum?

wie auch bei den vorangegangenen ausgaben des festivals wird „räume für notizen“ 2023 künstlerinnen und künstler mit sehr unterschiedlichen herangehensweisen zusammenführen. das thema „algorithmus“ ist wie bei den algorithmen, die unser verhalten im netz steuern sollen, manchmal deutlicher manchmal weniger deutlich zu erkennen und reicht von der beschäftigung mit der poesie der sozialen netze, über neuronale gedichte bis zu expressiver lautpoesie.

darüberhinaus wird es wie immer eine ausstellung geben mit werken konkreter, elektronischer, visueller und trans/anti-disziplinärer poesie.

Flyermotiv: Jörg Piringer

Vielen Dank für das Gespräch!

Jörg Piringer: günstige intelligenz – hybride poetik und poetologie. Ritter Verlag, Klagenfurt/Graz/Wien 2022. 208 Seiten. Euro 27,-

Hinweis: Di, 07.02.2023, 19.00 Uhr, Alte Schmiede:
Poesie der Netzwerke: Jörg Piringer, günstige intelligenz (Ritter Verlag) & Natalie Deewan, Lucida Console – ein Translatorium Maximum (Klever Verlag). Moderation: Annalena Stabauer

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