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Kampf/Ansage

Kampf/Ansage

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Isabella Feimer liest meine Faust von Sibylla Vričić Hausmann


Es ist Februar, ein kalter Tag, der vieles ausschließt. Einer, als säße man in einer Schneekugel gefangen. Kein Schnee fällt, egal, wie heftig an der Kugel gerüttelt und geschüttelt wird. Und dick ist das Glas und auch erdrückend.
Mit den Stunden hinter Glas wächst die Unruhe und ein Verlangen nach einem Mehr, einer Weite. Einer, die an solchen Tagen gut in Poesie zu finden und aus ihren Zeilen heraus zu lesen ist. Also lese ich.

Also greife ich nach einem Buch, das mir eine Freundin mit den Worten, dass mir diese Gedichte mit Sicherheit gefallen würden, geschenkt hat. Winterwochen lag mir das Buch nah und darauf wartend, dass ich in seine Gedichte lese, aus ihnen zu lesen versuche, Welt und Leben und Spiegel und Kampf/Ansage.
Also lese ich „meine Faust“ von Sibylla Vričić Hausmann. Schon nach den ersten Zeilen weiß ich, Gedichte wie diese brauchen Tage wie diese, Gedichte, die ein Aufbruch sind. Etwas bricht in ihnen, aus und auf, zerbricht und lässt zerbrechen.

Foto © Isabella Feimer

An der Schöpfung selbst angelehnt führen die Gedichte in Geburt, in Leben, in den Tod, sie führen in Übergänge und Überschreitungen und ins Erwachsenwerden und zu Müttern in den Zeilen, dominante Mütter, denen sich das lyrische Ich, wenn es sein muss kämpfend, entgegenstellt:

ich wurde einmal geboren, doch ich war meinen Müttern nicht schön
genug für die Liebe. meine Mütter schämten sich meiner. sie fürchteten 
um meine Zukunft. ohne Schönheit könnte meine Zukunft nicht schön sein. 

Mütter also. Das wiederkehrende Motiv des Gedichtbandes, das für mehr als nur die Mutter steht. Mütter steht für eine ganze Gesellschaft, für Generationen, die vor dieser waren. Für Gutes wie für Schlechtes, für alles, was in einer Erwartung liegt: „bei meiner Geburt kam ich meinen Müttern entgegen / flieg, du bist unsere Hände, sagten sie. und sahen mir nach, mit all ihren Augen.“

So wie der Plural Mütter eine Besonderheit des Bandes ist, ist es auch die Darstellung der Natur als etwas, das sich mit Kultur und Gesellschaft verbinden will und sich nicht in eine strikte Gegenposition begibt. Wobei, Kampfansage ist der Wunsch nach dieser Verbindlichkeit und Verflechtung dann schon, wie mir folgende Zeilen zeigen:

… meinen Fuß platziere ich auf einer Wurzel
möge sie in die Tiefe greifen mit heimlicher Leuchtkraft

meine steilen Ufer schütteln Küssende ab, um sie zu ertränken

in geträumten Städten löse ich Fesseln, hinterlasse Zinken, korrekte
und irreführende
…
natürlich bin ich enttäuscht von mir.

Sibylla Vričić Hausmanns Zeilen streben nach Verflechtung, nach der Einheit, die eine Unmöglichkeit ist. Sie warten darauf, dass sich die „guten Zeichen häufen“, um das Unmögliche möglich zu machen. Sie sagen:

See Also

„die Blätter rumoren in ihren Trieben
ergeben neue Realitäten. täglich.“

Neue Realitäten, genau wie es der Text aus sich selbst sagt, sind es, die wir im Lesen und Wiederlesen der Gedichte erfahren. Ein Aufwachen in Realitäten, deren Schöpfung nur die Poesie vermag. Es sind Fragen, die sich mit keiner Antwort zufriedengeben: „in mir ein Hunger oder ein Aufruhr“; es sind Fragen, die eine weitere Frage zur Folge haben, und jede weitere Frage führt in eine neue Realität:

sind zwei sich umarmende Körper
eine Verbindung? sind sie eine Faust? ich mache das Licht an
lösche es aus, nichts vermengt sich. letztendlich

stimmt es froh, zu wachsen
stimmt es ungläubig gegenüber dem Winter.

Sibylla Vričić Hausmann hat mit „meine Faust“ einen außergewöhnlichen Band geschaffen, etwas, bei dessen Beschreibung mir mitunter die Worte fehlen. Ich denke, es steht doch alles in den Zeilen, was braucht es denn mehr? Alles ist in diesen Zeilen drinnen. Poesie, die am „drinnensten“ ist, also, in der Essenz, in einer (Wort)Schöpfung, im Gegenüber, das die Seiten haben, blättert man vor und zurück und wieder in Momente nach dem Mütter/Leib, nach der angestrebten Verflechtung von Mensch und Welt – „ich verstehe den einzelnen Grashalm, aber nicht das Dorf“ – und Welt und Wunden und dieser anderen Welt, der geschriebenen:

ein Erdzauber zog dich ans Taglicht

du kennst mein Interieur,
rücktest in mir die Möbel

Und Liebe hält diese Welt und für sie kämpfend zusammen, und ein Verlangen treibt sie an. Und dann bricht etwas, aus und auf, zerbricht. Das Glas der Schneekugel. Selbst im Wiederlesen bricht es auseinander. April ist es, ein kalter Tag, der weit verschlossen ist. Einer, der erneut nach einer Kampf-Ansage ruft, nach Leben, wie es in dieser Poesie zu finden ist.


Cover Sibylla Vricic Hausmann meine Faust

Sibylla Vričić Hausmann: meine Faust. Gedichte. kookbooks Verlag 2022, 80 Seiten, Euro 24,-

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