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Alles, was dazwischen liegt

Alles, was dazwischen liegt

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Klaus Ebner liest Elisa Asenbaums interirdisch


Bei der Edition fabrik.transit erschien der Gedichtband „interirdisch“ von Elisa Asenbaum. Ein Buch mit hartem Einband, das nicht nur Lyrik enthält, sondern auch eine Reihe von Fotoarbeiten, die ebenfalls von der Autorin-Künstlerin beigesteuert wurden. Diese Arbeiten und das Coverbild verraten gleich, dass die Texte – nicht nur, aber auch – etwas mit Weltraum und Planeten zu tun haben, worauf auch der Titel hinweist.

Cover © Edition fabrik.transit

Cover Asenbaum Elisa interirdisch

„interirdisch“ deutet ein Zwischen an, das wir materiell im die Planeten umgebenden Raum sowie auf molekularer Ebene und im übertragenen Sinn im Umfeld „zwischen“-menschlicher Gefühle verorten können. Das Zwischen steht auch für Übergänge: gemäß dem Titel „interirdisch“ von einer Erde zur anderen, von einer Welt zur anderen – Übergänge, in denen es eine Menge zu entdecken gibt.

Elisa Asenbaum, geb. 1959 in Wien, firmiert als Autorin und Künstlerin sowie als Kuratorin des „Projektraums G.A.S.-station Berlin – Tankstelle für Kunst und Impuls“, den sie mitbegründet hat. Sie arbeitet medienübergreifend mit Wort und Bild, in Malerei und Grafik, Foto und Video. Außerdem initiierte sie Raum- und Klanginstallationen. Eindrucksvoll manifestiert sich das Zusammenspiel von literarischer Sprache und fotografischen Arbeiten im vorliegenden Lyrikband.

Die Gedichtfolge wird unterbrochen von kosmologisch-wissenschaftlichen oder philosophischen Texteinschüben, für die Elisa Asenbaum und Harald Hofer gemeinsam verantwortlich zeichnen. Teilweise enthalten die Einschübe Zitate oder bestehen gänzlich daraus. Im Grunde stellen diese Texte Einleitungen zu einer bestimmten Thematik dar, präsentieren eine wissenschaftliche Hypothese oder Erkenntnis; dies ist der Ausgangspunkt der folgenden Gedichte, welche darauf referenzieren, Wörter oder Wortbrocken aufnehmen und diese im Vers weiterentwickeln. Dabei spielen Assoziationen, Homophonie und sogar Reime eine Rolle. Nach einer kurzen Abhandlung über die Sternentstehung heißt es etwa im Gedicht „Werdestrom“:

(…)
kontrahieren es im Kühl
klüftend klumpt der Stoff

Wasser_Stoff

kondensiert zu etwas
was sich rund entzündet
Lichtzeit bündelt
schleicht weicht
um sich reicht
im Frequenzbereich

Von Herbert J. Wimmer stammt das Vorwort, welches das ästhetische Konzept des Buches treffend skizziert und insbesondere auf die zahlreichen wortspielerischen Formulierungen Bezug nimmt, die sich bereits im obigen Beispiel zeigen.

Logische Schlussfolgerungen

Die Lichtgeschwindigkeit gilt als die höchste erreichbare Geschwindigkeit im Universum. Das resultiert aus mehreren Faktoren, die wissenschaftlich gut fundiert sind. Trotzdem werden Überlegungen angestellt, ob es möglich sein könnte, diese Grenze zu überschreiten – und das ist keineswegs nur eine Angelegenheit der Science-Fiction.

In einem der Einschübe kommt die Autorin zum logischen Schluss, dass, wenn es möglich wäre, Signale mit einer höheren Geschwindigkeit zu verschicken, diese in die Vergangenheit reichten. Das Warum ist einfach erklärt: Wenn wir über unsere Teleskope eine Galaxie beobachten, die zwei Millionen Lichtjahre entfernt ist, bedeutet das, wir sehen, wie diese Galaxie vor zwei Millionen Jahren ausgesehen hat, weil ihr Licht diese Zeit benötigte, um zu uns zu gelangen. Schicken wir also ein Signal zurück, das schneller ist als Licht, dann erreicht es diese Galaxie, von uns aus gesehen, in der Vergangenheit. Das führt zu einem Zeitparadoxon, mit dem viele Science-Fiction-Autor*innen einfallsreich spielen.

Elisa Asenbaum schreibt dazu unter dem Titel „Eigenzeit als Eigenschaft“:

nichts ist schneller als Licht
sagt der freie Wille
die Zelle wird zur Zeile
extrahirnt den Widerspruch
verwildert sich als Ich

angehaftet an der Zelle
rillt drillt die Welt

Haltewunsch und dagewesen
geborgen ward der Wurm
und niemand schrie

es hallte wallte zeitversetzt
der Wandel war im Handel
Eigenzeit als Eigenschaft
Haltewunsch und kein zurück!

Wortassoziationen, Klangparallelismus, Neologismen; der „Wurm“ erinnert ans hypothetische Wurmloch, die paradoxale Verwirklichung einer Theorie resultiert in der wohl logischen Erkenntnis, dass es im Fall des Falles kein Zurück geben kann.

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Lexikalisches Feuerwerk

Die Autorin arbeitet grundsätzlich mit freien Rhythmen. Die meisten Verse wirken sehr melodiös, und dazu tragen auch versteckte, aber gewollte Reime bei; nicht nur die klassischen Endreime, sondern auch Stabreime und gleich klingende Wörter, die vielleicht semantisch gar nichts miteinander zu tun haben, aber durch ihre Symbiose neue Bezüge schaffen und die Gedanken in eine andere Richtung locken. Das Spiel mit der Sprache ist allgegenwärtig:

Raum raumet
Licht lichtet
Zeit zeitet
Wolke wolket
Luft luftet
Wasser wassert
Zunge zunget
Sehnsucht sehnsuchtet 
(…)

So auch die gelegentliche Aufspaltung von Komposita, die jedem Wortteil eine eigene, womöglich ursprüngliche Bedeutung zuordnet. Manche Komposita werden sogar optisch getrennt – wir finden Schreibungen wie „Orch_Idee“, „ex_pandiert“ oder „All_gemein_selbst_verständlichkeit“. Im Textfluss können sich Leser*innen oft des Eindrucks kaum erwehren, dass hier ein Wort das andere ergibt, dass die Gedanken einander antreiben und, auf einer „interirdischen“ Forschungsreise, zu Neuem finden. Im Gedicht „Grundsatz“ heißt es:

saß der Satz am Grund
am Abgrund der einen Frage
die man sich am Ende zu stellen hat
ohne Gewähr drückte der Meister ab
pflanzt sich die Formation selbständig fort
ist eine Aufsitzerpflanze geworden
die zu wenig verwurzelt in Grund und Boden
Luftwurzeln geschlagen hatte
um an das Wasser
an den Saft des Lebens heranzukommen

Die Übergänge von einem Wort zum anderen, von einem Zustand zum nächsten beanspruchen Zeit vom Publikum, weil die lexikalischen Kombinationen in der Regel ungewohnt sind. Manche kommen so überraschend daher, dass es leicht überlesen werden kann, wenn sich ein Wort bloß durch einen einzigen Buchstaben von einem anderen unterscheidet – da sollte man bei der Lektüre sehr sorgfältig vorgehen! Leser*innen sind gut beraten, sich diese Zeit zu gönnen, mit Muße in die Gedichte einzutauchen, etwaige Grenzen der Gewohnheit, die in unseren Köpfen existieren, einmal hintanzustellen und die Wirksamkeit der Worte sich entfalten zu lassen. Als geradezu emblematisch empfinde ich die folgende Passage:

Umwandung und Umwandlung
geistig zu zerschneiden
zu unterscheiden
ist anders
als zwei Spalten einer frischen Orange
denn die hat natürlich gewachsene Trennwände

In diesem Sinne sollte Elisa Asenbaums Buch „interirdisch“ gelesen und, mit Bezug auf die Fotoarbeiten, betrachtet werden.


Elisa Asenbaum: interirdisch. Edition fabrik.transit , Wien 2023. 124 Seiten. Euro 20,–

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