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Miniaturen mit epischem Echo

Miniaturen mit epischem Echo

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Alexander Peer liest Klaus Merz’ Noch Licht im Haus


Lyrikbände sind immer öfter Sammlungen unterschiedlicher Textarten. Sie gruppieren zudem manchmal Arbeiten aus verschiedenen Phasen. Oft vereinen sie deshalb scheinbar Unvereinbares. Dieses Vorgehen trifft auch auf Klaus Merz’ neuen Band zu. Noch Licht im Haus ist ein wehmütiger Titel. Obwohl sich hier einer der Einsicht versichert, dass der Geist leuchtet, so genügt das Wort „noch“, um zu wissen, dass die verbliebene Brenndauer dieser poetischen Glühbirne bescheiden zu sein droht.

Das ist allzu verständlich. Schließlich ist Merz 1945 in Aarau geboren. Zwar weiß niemand, ob und wie viele Bücher er noch verfassen wird können, aber dieses hohe Alter ist unvermeidbar mit der dräuenden Ahnung verbunden, dieses könnte das letzte sein. Zugleich schwingt eine Selbstironie mit, nicht nur im Titel, auch einzelne Texte des Bandes führen scherzhafte und milde melancholische Salti vor, mit welchen dem Unausweichlichen akrobatisch ausgewichen wird. Zumindest gedanklich.

Cover © Haymon

Lyrische Prosa und prosaische Lyrik

Der vielfach übersetzte und mehrmals ausgezeichnete Schweizer versammelt auf den ersten Blick voneinander komplett separierte Textpakete. Die Überschriften der insgesamt sechs Kapitel lauten: „Am Schauplatz I“, „Aus Hannover“, „Zwischenstand (1767/2022)“, „Stimmen von nebenan“, „Aus Bildern gelesen“ sowie „Am Schauplatz II“. Kapitel zwei und vier beinhalten Prosaminiaturen. Auch die Lyrik ist eine über weite Strecken erzählende. Wiederkehrende Motive sind dabei die Beziehung zur bildenden Kunst wie zum Schreiben. Die Verzahnung beider Disziplinen zeigt sich an einigen Passagen und animiert dazu, in diesen Motiven die konzeptionelle Verbundenheit des gesamten Bandes zu erkennen.

Museum III

Die Hand entzieht sich
der Schrift, die Bilder
verschließen sich.

Bis ein blinder Fleck
unverwechselbar
zu uns spricht.

Das spendet auch jenen Hoffnung, die an einer Schreibblockade leiden. Mit dem Schreiben öffnet sich die Wahrnehmung und wird mit Bildern gespeist – es ist ein Hin und Her. Fehlt das allerdings, dann braucht es eine Irritation. Der blinde Fleck ist eben keiner mehr, wenn er sich bemerkbar macht. Visuelles löst Sprachliches aus und umgekehrt. Hier werden Metapher und Buchstäblichkeit eins, denn die Blindheit meint nicht nur das geistige Unvermögen oder die vorbildliche Leistung des Verdrängens, welches die Metapher „blinder Fleck“ bedeutet. Ist der Fleck aber außerhalb des Sichtfeldes, muss er erst wieder in den Bannkreis des Beobachtens geraten – er kann so ganz unmetaphorisch ein blinder Fleck sein. Wird er begriffen oder sichtbar, entfaltet sich ein neues Schreiben. Die wiederkehrende Befragung der Rolle des Schreibens findet sich sowohl in nachdenklicher wie kabarettistischer Betonung.

Auf dem Luftweg

Ein Leben lang
schrieb er sich Boden
unter die Füße.

Dann legte er den Stift
beiseite und überließ sich,
die Arme ausgebreitet,
dem freien Fall.

Welche Rolle spielt die Literatur, wenn es darum geht, Pläne zu verwirklichen? Hier ist ganz offensichtlich ein Wandel vollzogen. Das Überschreiten der vorgefassten Erwartung und damit auch die Entgrenzung dessen, was die Literatur zu leisten habe, verdeutlichen sich. Es sind eine Reihe von existenzialistischen Befunden, die hier zueinander finden, und alle bekennen auch dies: Noch Licht im Haus!

Spielarten der Obachlosigkeit

Der Atheismus tritt als Filmregisseur auf, der durch Abwesenheit glänzt. In die ewige Frage, ob unser Leben einem Drehbuch unterliegt und ein größerer Produzent die Verantwortung für unser Tun übernimmt, mündet die theologische Spekulation. Für wen spielen wir überhaupt, fragt das nachstehende Gedicht. Aber wir können nicht anders – schließlich läuft die Kamera:

Am Drehort

Schauplatz Leben:
Klappe, die erste!
Und einzige.

Leer dreht
der Regiestuhl neben
der laufenden Kamera.

Diese Strategie der Verbildlichung verfolgen einige Arbeiten. Sie zeigen einerseits eine fatalistische Situation und plädieren gleichzeitig dafür, sich durch die Übertragung in eine andere Bildsprache mit diesen Tatsachen auszusöhnen. Denn die Leistung einer Metapher trägt manchmal auch zur Gewichtsreduktion bei. Die bedrückende Erkenntnis ist so auf eine Diät gesetzt und verliert ein paar Kilogramm ihrer Wucht. Es sind einfache und zugleich starke Bilder, die dafür aufgeboten werden.

Exposé

Auf der Bühne
ein offenes Grab.

Daneben der Eimer für
die nassen Taschentücher.

Der Rest des Abends
ergibt sich von selbst.

Vielleicht hätte man auf die letzten beiden Zeilen verzichten können. Es gibt ein berühmtes Beispiel von Ernest Hemingway für ein Miniatur-Epos: „For sale, baby shoes, never worn.“ Sechs Wörter genügen vollkommen, um eine epische Dimension zu bewirken. Unweigerlich sind wir genötigt, uns zu fragen, was mit dem Baby passiert ist? Wir können gar nicht anders, als etwas Furchtbares zu denken! Da wir es aber nicht wissen, nagt diese mutmaßliche Tragödie noch mehr an uns.

See Also

Obwohl oft Tragisches anklingt, schreibt Merz aber keine Tragödien. Seine Texte wirken ernst, aber nicht aussichtslos. In einigen Gedichten ist dieser Ernst ganz besonders schön, fast umfassend ausgedrückt:

Gezeiten

Wellen verebben am Strand,
die Muschelrücken leuchten.

Und die Stromschläge,
deiner Mutter verabreicht
vor Zeiten, sie branden

gegen die eigene
Schläfenwand.

Eine solche Familienaufstellung bezieht die Natur ein und vermisst das einzelne Leben innerhalb eines größeren Ganzen. So wird eine Beobachtung von beiläufigen Ereignissen zum poetischen Moment, und gleichzeitig verknüpft sich die äußere Natur mit der inneren. Es pocht an den Schläfen in einem gerade richtigen Tempo.

Klaus Merz versammelt unaufdringliche Gedichte, die gerade deshalb wirken. Die Textsammlung „Aus Hannover“ allerdings stört diese Einprägsamkeit, denn diese manchmal doch gewöhnlichen Miniaturen führen eher weg von dieser Schule empfindsamen Beobachtens. Sicherlich ist der Wunsch stark, Texte, an welchen man hängt, veröffentlicht zu sehen und gleichzeitig zu wissen, dass es keine andere Form für derart kurze Arbeiten gibt. Ich hätte sie nicht in den Band genommen, zu sehr lenken sie ab vom Schönen und Überraschenden. Vor allem, da hier eschatologische und ontologische Ideen ineinander greifen und so schlicht wie wahr unsere Existenz vermessen:

Dreifelderwirtschaft

Am Anfang das Wort.
Dann sein behutsames
Ausbuchstabieren. Lesend.
Schreibend. Schweigend.
Zwischen Sehnsucht und
Erinnerung das zarte Grau
des brachen Tages.

Womöglich bitte ich die mir Nachfolgenden, diesen Text als meine Grabinschrift zu verwenden. Sind wir Schreibenden nicht alle angesprochen in diesem Befund? Das Feld, das wir bestellen, scheint manchmal wenig Früchte zu versprechen. Doch wir bleiben dabei, es zu beackern. Eventuell müssen wir dann – wie Merz mit dem Zitieren der Nabokov-Autobiografie („Erinnerung, sprich“, 1951) in dem titelgebenden Gedicht, das sich um die geistige Einheit sorgt – klar erkennen, dass wir die Früchte schon während des Säens geerntet haben und nicht erst später:

Noch Licht im Haus

Sah ihn durchs Fenster,
den hageren Mann,
er stand vor seinen Bücher-
regalen. Als stünde er
vor einer Urnenwand:

Sprich, Erinnerung, sprich!

Klaus Merz: Noch Licht im Haus. Haymon Verlag, Innsbruck, 2023. 112 Seiten. Euro 22,90

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