Alexander Kluy liest Stefan Heyers Das Alphabet von Deleuze & Guattari

Gilles Deleuze (1925–1995). Félix Guattari (1930–1992). Zwei „wilde“ französische Denker, der eine Philosoph, der andere Psychoanalytiker. Einst waren sie, neben Generationsgenossen wie Michel Foucault und Jean Baudrillard, Stars der französischen und der westeuropäischen Intellektuellenszene, heute allerdings marginalisiert und kanonisch aussortiert.
Cover © Passagen Verlag
Erfolg und Experimente
Mit ihrem Band „Anti-Ödipus“ (in Frankreich 1972 erschienen und in deutscher Übersetzung 1974 vorliegend und ein Frontalangriff auf Freuds Theorie-Galionsfigur) und mit „Tausend Plateaus“ (1980) legten Deleuze und Guattari komplexe Werke vor. Letzteres brauchte bis zur deutschen Ausgabe zwölf Jahre. Es erschien dann, wohl auch auf Grund des Umfangs von 716 Seiten, in einem damals in Berlin, heute in Leipzig beheimateten, für reichlich lieblos produzierte Bücher bekannten Kleinstverlag, Merve. Die beiden Bücher verkauften sich trotz des eminent anspruchsvollen Inhalts vor allem in der akademischen Welt sehr gut. „Anti-Ödipus“ lag 1977, nach drei Jahren, schon in der 18. (!) Auflage vor. Jedoch konnte naturgemäß nie verifiziert werden, wie viele tatsächlich die extrem assoziative, atemlos provozierende Tiefenanalyse bis zur letzten Seite, der Seite 544, durchlasen.
„Wir lesen und schreiben nicht mehr in der herkömmlichen Weise“, verkündeten einst apodiktisch Deleuze, Professor für Philosophie in Vincennes bei Paris, und der Psychoanalytiker Guattari, „es gibt keinen Tod des Buchs, sondern eine neue Art zu lesen. In einem Buch gibt’s nichts zu verstehen, aber viel, dessen man sich bedienen kann. Nichts zu interpretieren und zu bedeuten, aber viel, womit man experimentieren kann.“
Wahnsinn und Kreativität
Das Autorenduo schüttelte Freud’sche Theorien wild durch. Wahnsinn galt ihnen, darin dem Zeitgeist der 1960er und der 1970er Jahre entsprechend, als Freiheit einerseits und andererseits als Befreiung vom Kapitalismus. Wer verrückt sei, der sei kreativ. Oberster Agent der Freiheit, das sei der Schizophrene und qua solcher Zuschreibung und Statuserhebung ein revolutionäres Subjekt. Deleuze/Guattari reduzierten ihre Thesen auf eine triadische Essenz: Das Unbewusste arbeite wie eine Fabrik und nicht wie ein Theater; Wahngebilde gebe es überall auf der Welt und in der Historie und seien sie nicht spezifisch einer Familie eigen; und es gebe eine Universalgeschichte, aber diese sei eine Geschichte der Kontingenz, also des Zufalls.
Was hat all das, was einem philosophisch interessierten Publikum, auch und erst recht bei aktuellen Studentinnen und Studenten, in den letzten 25 Jahren kaum mehr erinnerlich ist, mit einem Gedichtband von heute zu tun? Die kürzeste Nussschalen-Antwort lautet: alles.
Denn Stefan Heyer betitelte seine neue Veröffentlichung „Das Alphabet von Deleuze & Guattari“. Darin experimentiert er, er zeigt sich als kreativ, als formbefreit, und nicht selten taucht auch Kontingentes auf, Nicht-Kongruentes.
Dabei sind in korrekter grammatikalischer ABC-Reihung die Poeme aufgefädelt. Der Band setzt ein mit „affekt, der“, „andere, der“ und „atlas, der“, geht dann über „gefüge, das“ und „immanenz, die“ bis zu „vernunft, die“ und der Schluss-Trias „x(kantische), das“, „zaudern, das“ und „zickzack, das“.
Kunst und Welt
Der in Augsburg in Bayerisch-Schwaben lebende Heyer publizierte vor einem Vierteljahrhundert mit „Deleuzes & Guattaris Kunstkonzept“, einen, so der Untertitel des 200 Seiten zählenden Bandes, „Wegweiser durch Tausend Plateaus“. Nachdem er sich in früheren Lyrik-Bänden in der Sonettform ausprobierte („Form und Struktur“, 2023) und in seinem Gedichtband „Resonanzen/Korrespondenzen“ (2019) Kunst und Kunstwerke als Hall-Werke verwendete, dienen nun Worte, Sätze und Hypothesen der beiden Franzosen als Anregungsfunken, aber auf ebenso unorthodoxe Art und Weise, wie ihre eigene Manier einst war. Nämlich eher indirekt, latent, verborgen.
Das ist artistisch und gründet dabei häufiger im ganz Konkreten, in weltlichen Zusammenhängen, Aus- und Anblicken denn in Theoretischem. Nicht selten vollzieht sich eine lustvolle Abkehr hin zu reinem Leben:
(…) mücken tanzen vor freude. zartlila erblüht der lavendel. die nächte kurz. später gehen wir den regenbogen suchen. (…)
Wer ob bestimmter Assoziationen erst also erschauerte, mit trockenen Konstrukten konfrontiert zu werden, dem sei gesagt: Heyers überaus lesenswerte wie gelungene, ansprechende wie gebildete Lyrik ist nichts davon. Sie nimmt Philosophie gerade einmal, und das ganz leicht, als Sprungbrett, als Trampolin – und trennt sich rasch von anspruchsvollen hyperakademischen Denkgebäuden. Deleuze und Guattari: ein Palimpsest. Vielmehr ist das rhythmisierte Poesie, menschlich und den Menschen zugewandt, lebendig, melodisch, mit feinem Gehör austariert und mit einprägsam sensuellen Bildfindungen:
(…) orangen schälen im winter der schnee kratzt am küchenfenster (…)
Kunstvoll klingt alles zickzackartig aus, und das dreifach: im Titel des Finalpoems, in der typografischen Anordnung und in der inneren Bewegung des Gedichts. „nicht gerade verlaufen die / frontlinien“, heißt es da. Doch: „am / ende ist doch alles am ende.“
Und der Anfangssechziger Stefan Heyer erinnert sich, ach, in den allerletzten Zeilen:
früher hast du zigarettenpapier in jeder tasche gehabt, doch deine lippen küssen jetzt viel süßer / das omega kommt nicht vor. zettels traum ausgeträumt. ausgeträumt.
Stefan Heyer: Das Alphabet von Deleuze & Guattari. Passagen, Wien, 2025. 80 Seiten. 11,– Euro

