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wer merkt sich schon den verlauf einer hügellinie

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Alexander Kluy liest Udo Kawassers Ausgewählte Lyrik. Podium Porträt 134


„luftiger, grün von beiden Hängen herabflutender Mischwald bis ans Ufer, wo die Humusschicht aufklafft, graue Sandsteinbrocken, von Regen und Frost aus den Flanken des Achtals gesprengt. Schutt, Schotter wirr ineinandergestürzt und verkeilt. ein mineralischer Saum, auf dem ich am Wasser Platz finde.“ 

© Podiumliteratur

Das las man 2018 in Udo Kawassers „Ache. Ein Versuch“, dem mittleren Band der sogenannten Wassertrilogie. Und man las in dem schmalen Band auch die skrupulös intellektuelle Frage, die er aus einer ganz plastischen, ganz konkreten Beobachtung ableitete: „jedes Mal zu spät, um den Sprung noch zu erhaschen. ich sehe nur die in alle Richtungen davonrollenden Ringe dort, wo die Forelle, oder war es eine Äsche?, den Spiegel durchbrach. ist es dieser winzige Moment des Zuspätkommens, der die Imagination öffnet, den Raum möglichen Fragens? ist es dieser Bruchteil einer Sekunde, in dem sich in mir das Gefühl ausbreitet, das Wesentliche versäumt zu haben, der mich zum Schreiben führt?“

Elemente und Tanz

In nuce sind in diesen Passagen jene Elemente versammelt, die für Kawassers dichterisches Werk aus zwanzig Jahren elementar sind: Farben und Farbigkeit, Luftigkeit und Komprimiertes, Ordnung und störende Irritationen, Sehen und Reflektieren über emotional Aufgenommenes, Aufgehobenes, Ver- und Gespürtes.

Kawasser lesen, das heißt: eine stets hochtemperierte, melodiöse, tänzerische Lyrik zu lesen. Das führt der Band 134 der Serie „Podium Porträt“ eindrucksvoll vor, deren Bände nicht nur durch ihren so zugänglichen Preis bestechen, sondern auch durch die famose Westentaschengröße, sodass man die Publikation buchstäblich überallhin mitnehmen kann, an die Ache, ins Ried, in Lob- oder nur Au.

Es war eine splendide Idee der Reihen-Herausgeberin Erika Kronabitter, die Auswahl gegen-chronologisch anzulegen. Sie stellte Gedichte zusammen aus Kawassers sechs Gedichtbänden, die er in fünf Verlagen erscheinen ließ. Dieser Porträt-Querschnitt setzt nämlich ein mit den jüngsten, mit dem sehr kunstvollen „mont ventoux“ aus dem Zyklus „leibeigene gedichte (ein kanon)“ (2008) wie mit Auszügen aus „tarquinia“ aus dem Jahr 2024 und geht dann mit Beispielen aus „die blaue reise“ (2020) – merkwürdigerweise in der Bibliografie am Ende des Bandes unterschlagen –, „das moll in den mollusken“ (2018) zeitlich zurück zur „kleinen kubanischen grammatik“ (2012), zu „vom augenrand“ (2011) und dem Debüt „kein mund. mündung“ (2008).  

Rückwärts nach vorn

Das Feinsinnige daran ist, wie auffallend stark sich im Rückwärtskrebsgang die Leichtigkeit, das Air und das Aerophile dieses poetischen Œuvres abzuzeichnen beginnt und sich entwickelt aus artistisch aufregenden Wort- und Bildfindungen in und vor der Natur bis zur Mittelzeit und den Anfängen, in denen sich noch Harsches findet und Hartes, Wortbrüche und zersprengte Bilder.

So gemahnt beispielsweise das Gedicht „pinus nigra“ in seiner imagistischen Dichte und seiner eher schrundigen Diktion an die spätexpressionistisch hitzigen, dabei mediterran leichten Poeme des deutschen Lyrikers (und Pablo-Neruda-Übersetzers) Erich Arendt, der 1984 in Wilhelmshorst starb, dem Ort südlich von Potsdam, in den er 1971 übersiedelt war, im selben Jahr übrigens, in dem der andere, ganz anders temperierte große Naturlyriker Peter Huchel und Wilhelmshorst-Einwohner nach jahrelangen Repressionen des DDR-Regimes endlich in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen durfte:

(…)
aus den schrunden
stäuben die zikaden
ambulare
inmitten geordneter
schräglagen
berstendem wacholder
und rosmarin
(…)

Bei Arendt hieß es etwa in „Hafen Empedokles“ aus seinem Zyklus von Ägäis-Gedichten, die 1967 erschienen (und die heute innerhalb der Edition der Sämtlichen Gedichte die Band-Nummer sechs tragen), ähnlich synästhetisch:

See Also

(…)
Am Hügel, die Steintrommeln
der Säulen rührten sich kaum.
Nur Windschlag der Türen.
Ein Lauschen: Nacht. –
(…)

Sinne und Gefährdungen

Vielleicht wird eines Tages der Untertitel, den Kawasser seinem jüngst erschienenen Band „tarquinia“ mitgab, erhellend über seinem ganzen Werk aufscheinen: „gespräche mit schatten“. Dieses Lang-Poem war ja eine Meditation über Leben und Tod, Unterwelt und Wortkunst, Verhallen, Verschweigen und Auffinden, Philosophisches und zu Bergendes. 

Denn immer wieder sind es Gespräche, ob mit einem Du oder eintretend in ein dialogisches Prinzip oder mit Landschaften. Es sind aber auch verschattete Echokammern der Literatur, die man mit Kawasser lesend durchschreitet, der in Sprache überführte Hall von in den Körper eingeschriebenen Bewegungen wie erfahrener oder ausgelebter Sensualität.

Gespräche mit Schatten heißt aber auch: Schatten werfen, eine Spur hinterlassen, mit Vergänglichkeit ringen, das Plastische, Greifbare, Materielle dem Sterblichen abringen, balancieren zwischen Abgrund und Ewigkeit, zwischen Elegie und dem Genuss des Moments. „wieso müssen wir mit unserem ende / beginnen und weshalb treiben / die blüten wie schiffe auf dem spiegel.“, heißt es in „die blaue reise“. Nicht umsonst fallen Worte wie „Sehnen“ und „Muskeln“ auf, Motorisches also, Bewegliches und Haptisches. Haut etwa taucht auffallend häufig auf, instinktiv Impressionistisches somit, Unverstelltes. 

Dichtung ist hier nicht nur ein Geisteszustand – es ist auch und manches Mal zuvörderst ein Körperzustand. In ihrem Zentrum: das Austarieren von Veränderung und Zeit, die Relation von Freiheit und Ferne, die Balance von Kontemplation und Aufbruch, von Stillestehen und noch stillerem Schauen und anderseits von emotional Soghaftem. Kurz: eine Mischung von Solarem, Sonarem und, dies von immer virulenterer Stärke, Visuellem und Taktilem:

(…)
aufgefächert in den tag
verzweigt in dieses wiegen
zwischen erde und trabant
betrachte ich mein gehirn
als koralle in stein denken
mit einem film aus schleim
und in tentakeln strudeln
(…)

Udo Kawasser: Podium Porträt 134: Udo Kawasser. Ausgewählte Lyrik. Mit einem Vorwort von Helwig Brunner. Hg. von Erika Kronabitter. Podium, Wien, 2025. 64 Seiten. 6,– Euro

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