Udo Kawasser liest Dagmar Leupolds Small Talk

Ein Buch ist eine Einladung an die Leser*innen, an der Hand des Autors oder der Autorin auf eine Reise zu gehen, und in potenzierter Weise gilt das auch für Gedichtbände, in denen, Konzept hin oder her, jedes Gedicht seine eigenen Wege geht. Zu sehen, wohin uns so ein Text schon nach wenigen Zeilen- und Gedankensprüngen führt und vor allem, wie er das macht, gehört zum Genuss des Lyriklesens.
Cover © Jung und Jung
Auf dem Titelblatt des neuen Bandes der bei München lebenden Schriftstellerin Dagmar Leupold zieht sich von oben bis unten in versetzten Großbuchstaben der Titel Small Talk über eine Geländekarte mit Höhenlinien. Das Bild suggeriert also die Kartierung eines Territoriums, und sobald man in das Buch hineinzulesen beginnt, bestätigt sich der Eindruck, dass es um eine Art poetische Vermessung des Alltags über das Jahr geht. Doch besteht Small Talk im herkömmlichen Sinne nicht gerade darin, keine territorialen Ansprüche zu stellen und die Demarkationslinien zwischen Personen nur kurzfristig minimal und gleichsam versuchsweise und widerrufbar zu Kommunikationszwecken zu überschreiten?
Rehablitation eines Begriffs
Leupold wäre keine Dichterin, wenn Sie dem übelbeleumundeten Wort keine neue Bedeutung abgewinnen oder es sogar rehabilitieren könnte. Wendet man das Buch, so verspricht der Verlagstext auf der Rückseite Gedichte, die „eine Sprache für unsere Ohnmacht finden, die politische Wetterlage der Gegenwart zu fassen“, und das tun sie tatsächlich. Die rosaroten Lettern des dort abgedruckten Gedichts „Nachbarn“ bzw. der rosa eingefärbte Buchrücken setzen das ironische Spiel mit dem Titel grafisch fort.
Dass es in den Texten selbst aber überhaupt nicht so ironisch zugeht, dafür sorgen gleich die rezeptionsleitenden Eingangszitate. Das erste von Kafka aus seinen Tagebüchern von 1914 bis 1923 thematisiert die Ausweglosigkeit des eigenen Tuns unter jeglichen Bedingungen: „Im Frieden kommst Du nicht vorwärts, im Krieg verblutest Du“. Das des italienischen Dichters Sandro Penna, der ein Freund Umberto Sabas und Pier Paolo Pasolinis war, skizziert einen möglichen Fluchtweg aus dem Dilemma: „Sein wollt’ ich im Schlaf / mittendrin im süßen Lärm des Lebens.“
Damit sind schon die drei Fragezeichen skizziert, zwischen denen die Gedichte Leupolds oszillieren: Wie mit dem Bewusstsein eines barbarischen Angriffskrieges in Europa umgehen, wenn man/frau in einem vom direkten Krieg verschonten Land lebt und dort sein eigenes Leben mit wachen Augen und Ohren, aber auch mit Empathie nachgeht, und zwar, ohne das große Unrecht, das geschieht, ohne den Schmerz der anderen zu verraten und selbst in wohlfeilen Zynismus oder Katastrophismus einzustimmen?
Die siebzigjährige Leupold ist bei uns vor allem als Romanautorin bekannt, war sie doch in den letzten Jahren dreimal mit den bei Jung und Jung erschienen Romanen Unter der Hand (2013), Die Witwen (2016) und Dagegen die Elefanten!(2022) für den deutschen Buchpreis nominiert bzw. steht sie heuer mit dem neuen Roman Muttermale auf der Liste des Bayerischen Buchpreises. Doch Leupold ist auch Lyrikerin und publizierte früher Gedichtbände mit vielversprechenden Titeln wie Die Lust der Frauen auf Seite 13 (1994) und Byrons Feldbett (2001), die beide bei Fischer erschienen, als sich der Verlag noch eine ernstzunehmende zeitgenössische Lyrikschiene leistete. Nun legt die Autorin nach bald einem Vierteljahrhundert einen stimmigen Gedichtband beim Verlag Jung und Jung vor, der auch für eine sorgfältige und ansprechende Herstellung gesorgt hat.
Die Sprache des Krieges
Das Ungeheure wird gleich im ersten Gedicht „Lautschrift: Krieg“ evoziert, das in der Wahrnehmung des lyrischen Ichs eigentlich zu einem sofortigen Innehalten der ganzen Weltmechanik führen müsste:
Dass überhaupt die Sonne noch antritt und
der Mond – und pünktlich die neuen
Wunden bescheint
Während den leuchtenden Himmelskörpern die Eigenschaft „unbestechliche[r] Protokollanten“ zuerkannt wird, verfallen die „berufenen Heiler / und Akrobaten / Advokaten des Worts“ (womit wohl die politischen Kommentatoren und Welterklärer gemeint sind) der „Skepsis“. Und so öffnet Leupold mit diesen Zeilen den Raum, in dem sich die Dichterin selbst zu bewegen versucht. Und zwar in dem vom nicht allzu fernen Krieg infizierten Alltag. Leupold spürt in ihren Versen nach, wie die Tatsache des Kriegs das Bewusstsein und die Wahrnehmung verändert.
Dabei kommt sie schon im zweiten Gedicht des Bands und später im Buch wiederholt auf das Wettergeschehen zurück. Der Titel macht nicht viel Federlesen und deklariert kurz und bündig: „Sturm“. In seinen Zeilen zanken sich die „Wolken / Rabenschwestern (…) um den Horizont“ und „verleiden der Sonne / den Untergang // hinter Kampfspuren/ krepiert der Tag“.
Die Sprache des Kriegs sickert überall ein, wobei sich die Medien, die sozialen wie die traditionellen, als die großen Infiltrierer erweisen. Die Medien profitieren von der ubiquitären Präsenz des Unheils: „Krieg wird hier großgeschrieben: in den Jet– / Streams am enthofften Himmel“. An diesen ersten beiden Zeilen des Gedichts „Blattschuss“ zeigt Leupold auf, was Lyrik als überkomplexes Sprachgebilde zu leisten imstande ist. Nicht nur wird die Verkaufslogik von Medien (Only bad news are good news!) zur Sprache gebracht, das Kriegsgeschehen selbst wird als atmosphärische Angelegenheit erfasst und die globale Hoffnungslosigkeit (am „enthofften Himmel“) konstatiert.
Der bewusste Zeilensprung nach „Jet–“ lädt die Leser*innen dazu ein, das Wort „Streams“ auch im medientechnischen Sinn zu denken. Hier setzt Leupold das differenzierte, konzentrierte und abwägende Sprechen dem verkaufsheischenden Mediensprech entgegen. Der Titel selbst zeugt wiederum von einem doppelsinnigen Gebrauch durch die Autorin. Ursprünglich wird in der Jägersprache ja mit einem Blattschuss der tödlich wirkende Schuss in die Herz- und Lungengegend des gejagten Wilds bezeichnet. Dass die Sprach-„Schüsse“ aus den Zeitungsblättern ebenfalls fatale Konsequenzen haben können, schwingt in diesem Titel offen mit.
Kontexte und Leerstellen
Leupold hat über den Band verteilt Spuren gelegt, wie sie das eigene Schreiben im Kontext einer aufgeheizten Öffentlichkeit versteht. Denn jedes Schreiben, sofern es sich ernst nimmt, entwirft implizit einen utopischen Horizont, auf den es sich zubewegt. Eine explizite Annäherung an diesen Ort des Schreibens, der auch ein Ort des nicht kommerzialisierten Austausches ist, formuliert sie in „Kontaktanzeige“:
Windgezeugt will ich sein und dort Wurzeln schlagen, wo der Sturm entschied zu verstummen. Die Lunge ohne Brustton. Meine Muttersprache, kein Vaterland – stattdessen frei ausgesätes Alphabet, das sich um keine Währung schert. Nicht kaufen will ich, sondern tauschen.
Die Gedichte schöpfen immer wieder aus Alltagsbeobachtungen, zufälligen Momenten der Begegnung, die im schreibenden Bedenken etwas Sinnfälliges gewinnen. So wenn im Gedicht „Lektion“ die „Schnäbel / die wie Säbel klirren / beim Zusammenstoß“ im „Pas de deux zweier Schwäne“ ihren zwiespältigen Charakter offenbaren und die eigene Liebeserfahrung aufrufen, die immer wieder als Thema im Buch wiederkehrt:
Zum Verwechseln ähnlich sehen sich Balzen und Bedrohen. Warum bloß überrascht mich das so?
An dieser Stelle zeigt sich exemplarisch die große Fähigkeit von Literatur, im Text immer wieder Leerstellen zu öffnen, die die Leser*innen dann mit ihren eigenen Erfahrungen und Gefühlen ausfüllen können. Leerstellen bilden in literarischen Gebilden gleichsam Lichtungen des Denkens und Empfindens, von denen Wege in die Freiheit ergebnisoffener Reflexion führen.
Gedichte sind gesamtgesellschaftlich gesehen unüberbietbar hochkonzentrierte Reflexionsmedien, die jenseits des wissenschaftlich-akademischen Diskurses mit Präzision das Ephimere und höchst Subjektive unseres In-der-Welt-Seins zur Sprache zu bringen, aber auf eine Art und Weise, die uns miteinander im Gespräch halten kann, sofern wir noch verstehen, uns auf diese Art der Kommunikation einzulassen. Aber auch dem täglich praktizierten Small Talk wird, wie eingangs schon angeklungen, von der Autorin ein Wert zugesprochen, der in Krisenzeiten nicht unterschätzt werden sollte.
Small Talk Wir tauschen Sätze wie Münzen, schon abgegriffen und noch genauso viel wert von Mund zu Mund gereicht, Erholung beim Geprägten. Zungenschonung – das Gewetzte ausgesetzt.
Im Small Talk schweigen die Waffen
Im Small Talk schweigen die Waffen, sind keine Zuspitzungen erlaubt. Gesucht und gefordert ist im gesellschaftlichen Umgang die kleine, wenn auch vorgeprägte Münze des Verbindenden. Dass sie „von Mund zu Mund / gereicht“ wird wie der Atem bei der Wiederbelebung bei Herzstillstand, weist nur auf die Dringlichkeit und eminente Bedeutung dieser Kommunikationsform hin. Ein Jahr lang war wohl, wie verschiedene Bemerkungen im Band suggerieren, die projektierte Entstehungsdauer des Gedichtbands, der immer wieder auch Hinweise auf das voranschreitende Jahr enthält.
Die „Bilanz“ nach Jahresablauf, wie sie in einem der letzten, mit „Herbst“ betitelten Texte genannt wird, „fällt metallisch aus“. Es scheint zu den Grundlagen von Leupolds Schreiben zu gehören, dass es nicht ohne einen Ausblick auf einen utopischen Horizont auskommt. Denn nach der ernüchternden Feststellung an dieser Stelle greift das Gedicht auf das Grimm’sche Märchen vom Froschkönig oder dem eisernen Heinrich zurück, um seine Hoffnung zu formulieren. Der treue Diener Heinrich hatte ja nach der Verwandlung seines Herrn in einen Frosch aus Kummer drei Eisengurte um sein Herz gelegt, um es vor dem Zerspringen zu bewahren:
Hätte Heinrich doch recht! Und es brächen die Eisenbande um unsere Herzen statt Krieg. Aus.
Das ersehnte „Aus“ für alle Konflikte, die in der Welt schwelen und ausgetragen werden, bleibt die Utopie, an der wir Menschen weiterarbeiten müssen, sollten wir nicht an uns selbst scheitern wollen. Auch wenn wir als Einzelne nur in den seltensten Fällen an Hebeln sitzen, an denen sich Großes Bewirken lässt.
Dagmar Leupold führt uns in ihren gut 120 Gedichten vor, wie ein achtsames Begegnen mit der Welt aussehen kann, wie sich ein sensibles Alltagsbewusstsein auf der Höhe der einstürmenden Katastrophen führen lässt, ohne sich zu verschließen und ohne zu verhärten. Das ist im Weltmaßstab vielleicht nicht viel, aber in Millionen Menschen multipliziert ließe sich damit die Welt bewegen.
Dagmar Leupold: Small Talk. Gedichte. Jung und Jung, Salzburg, 2025. 128 Seiten, Euro 22,–

