Andreas Unterweger
Gnomonik der Jetztzeit An Wintermorgen, wenn die Straßenbahnen um ihre Oberleitung blaue Funken sprühen wie Flammenspitzen auf Orangenschalen auf ihrem scharfen Ritt durch die Geschichte der Kultur am Ende all dieser Jahrhunderte (es sei eine italienische Stadt, steht heute im Führer, früher feierte er sie als deutsche) wandert die Kaufmannschaft der Drogenesser die auf dem Platz (einst Adolf-Hitler-Platz) Tag für Tag ihre Morgensprache hält wie ein hundertfüßiger, aber einziger Schatten der Schatten, mag sein, eines alten Uhrturms der sich weder wegsprengen lässt noch deportieren noch wegsperren hinter einem romantischen Garten aus Lorbeerbäumchen oder Stacheldraht nach den Gesetzen, die bereits Vitruvius in seinem siebenten Band beschrieb mit der Sonne. Um acht noch vor dem Supermarkt wo ihn das Blaulicht eines Streifenwagens um neun für zehn bange Minuten lang so gut wie fast verblassen lässt erreicht unser Gnomon aus Drogengnomen um elf vor zwölf schon den Zenit der Macht in dieser Stadt, den Knast von einst (das Rathaus), dem Markt schräg gegenüber, der in Minusgraden versunken längst Vergangenheit ist. Du musst nur immer nach den erfrorensten, den mit den finstersten Schatten aller Zeiten vollgepumpten Gesichtern suchen in der Menge an Licht, das alles besser macht, worauf es scheint, oder zumindest besser sichtbar auch die Gnomonik hier auf diesem Platz auf dem vor gar nicht allzu langer Zeit unter der Herrschaft ganz derselben Gesetze der Physik noch der Schandesel stand auf den man Tag für Tag die ärmsten Teufel setzte auf deren Füße man Gewichte hängte an die sich wiederum Passanten hängten auf dass es sich so deutsch wie möglich ritt hier auf dem Platz, unserem Platz für alle in dieser einst sehr italienischen, noch früher slawischen, ja, irgendwann dazwischen womöglich sogar einmal jüdischen Stadt wenn du wissen willst, wie spät es ist

Zuletzt erschien von Andreas Unterweger Haus ohne Türen. Gedichte. Graz u. Wien: Droschl Verlag 2025, 128 Seiten, Euro 21,-
Cover © Droschl Verlag
