Jelena Dabic liest Chris Lauers Ortsauflösung

Der Name Chris Lauer dürfte der aufmerksamen Lyrikleserin, dem bestinformierten Lyrikleser schon einmal untergekommen sein. Bei der Rezensentin ist das der Fall. Und es kann vermutet werden, dass die junge Autorin, die aus Luxemburg stammt und in Freiburg studiert hat, sehr bald noch deutlich mehr Lesenden ein Begriff sein wird. Nach dem aktuellen Band beim Limbus Verlag kann darüber eigentlich kein Zweifel bestehen.
Cover © Limbus Lyrik
Lauers Erstling ist ebenfalls bei Limbus erschienen: Gut verräumte Sternschnuppen (2023); und sein Titel gibt schon ein wenig von Lauers Poetik preis. Ortsauflösungen ist aber auch ein sehr gut gewählter Titel, spielen doch verschiedenste Orte und die dort angestellten Beobachtungen durch ein äußerst aufmerksames und oft kritisches lyrisches Ich die zentrale Rolle in diesen Gedichten. Nicht zufällig tragen mehrere Texte Titel, die einen Ort bezeichnen oder andeuten: „Tiergehege“, „Naherholungsgebiet“, „Museum“, „Elsass“ oder „Franzosenviertel“. Besonders in der ersten Hälfte des Bandes fällt auf, dass ebendiese Orte – ob explizit genannt oder nicht – oft von vielen Personen bevölkert sind. Dürfte dies damit zusammenhängen, dass Chris Lauer neben Germanistik auch Soziologie studiert hat? Hier beobachtet jemand, allein oder in Gesellschaft, andere Leute, und das nicht selten kritisch oder mit leisem Spott. Dieser kann jeden treffen; einmal sind es beispielsweise Menschen mit einer altersunabhängigen Schrulligkeit:
Eine Ehefrau sammelt Fliegenpilze im Wald, Keiner fragt, warum. Ihre Freundin Ängstigt ihre Tochter, sagt: Die Maulwurfshügel Im Garten, mein Schatz, sind die Höcker Verscharrter Dromedare.
Spöttische Beobachterin
Selbstverständlich folgt eine surreale Verfremdung jeder scheinbar alltäglichen Situation auf dem Fuß: „Von dem Zwischenziel aus erreicht / Man fußläufig einen anderen Planeten.“ Auch die super-effiziente Do-it-yourself-Mentalität, edles Bio-Essen, bestimmte Jugendkulturen und der Umgang mit erneuerbaren Energien bekommen verlässlich ihr Fett ab; zuweilen scheint hier schon zu viel Spott auf. Kompensiert wird das alles jedoch mit sehr feinen Verschlüsselungen, Verrätselungen, surrealen Momenten, versteckten Hinweisen (auf einen Mord etwa oder eine Zigarettenmarke). Lauer versteht es ausgezeichnet, die beobachteten Szenen (und Menschen) gewissermaßen lyriktauglich zu verfremden, aus den Beobachtungen überhaupt erst lyrische Szenen zu zaubern.
Während es im ersten Drittel der Texte fast schon zu sehr um Menschen und Menschengemachtes geht, findet die Autorin später zu mehr Ruhe, Naturbetrachtung und Kontemplation – den Motiven, die sich auch der Lyrikkenner des 21. Jahrhunderts bewusst wie unbewusst wünscht. Das Gedicht „Herkunft“ ist ein treffendes Beispiel:
Strichelnder Hagel. Ein sich entlang Der Schädelnaht des Rieds Häutender Atem, Ein verlang- Samter Puls, der in die Erde sickert. Über dem Wanderpfad Das wehende Skelett eines Blatts: Blaupause eines Ameisenhügels, In die Wolken gebaut.
Solche hochpoetischen bis melancholischen Miniaturen über stille Landschaften oder verlassen wirkende Ecken einer Stadt gehören zu den stärksten Texten des Bandes – wobei der Band an starken, hochartifiziellen Texten reich ist und man jene, die nicht so gelungen sind, an den Fingern einer Hand abzählen kann. Selbstverständlich sind auch die Gedichte mit der Natur als Betrachtungsobjekt ebenso meisterhaft verschlüsselt und voller interessanter, eigenwilliger bis gewagter Metaphern. Auffällig ist im Übrigen, dass – auf den ganzen Band verteilt – gewisse Motive und Settings wiederholt vorkommen und für die Autorin offenbar von Bedeutung sind: zoologische Gärten, überhaupt die Tierwelt („Tiergehege“), Medizin, insbesondere die Reproduktionsmedizin („Oozyten“) sowie Naturwissenschaften und ihre Begriffe allgemein, etwa Astronomie und die Raumfahrt („Kurztrip“). Immer wieder baut Lauer Wort- und Begriffsspielereien in diese ebenso originellen wie gegenwartskritischen Texte ein.
Ein Feuerwerk an Einfällen
Als eigene Kategorie ist eine Reihe von Langzeilengedichten etwa in der Mitte des Bandes auszumachen, die wohl auch die größte Aufmerksamkeit beim Lesen erfordern. In manchen dieser Texte arbeitet die Autorin mit Alliterationen oder spielt mit dem Gleichklang semantisch unterschiedlicher Wörter; auch sonst spielt sie sehr gerne mit Begriffen und ihrer Verwendung in jeweils unterschiedlichen Kontexten. Auch hier reicht die Palette der Motive von (manchmal düsteren) Stadtlandschaften bis hin zum Weltraum, Schlagwörter wie Klimawandel und Bienensterben kommen in realer, noch öfter aber in spöttischer Nennung mehrfach zur Sprache. Auch in diesen eventuell als Erzählgedichte zu bezeichnenden Texten sind immer wieder bizarre Szenerien zu finden: Es können Momente einer seltsamen Zweisamkeit sein oder eine rätselhafte, unbegreifliche Winterstimmung, meist mit Menschen, die surreale Handlungen vollführen.
Schließlich sind noch Gedichte zur erwähnen, die offenbar auf Schreib-Residencies entstanden sind (in Senegal oder irgendwo an einer mediterranen Küste) und das poetische Schreiben selbst thematisieren, etwa die Suche nach Metaphern und lyrischen Bildern, auf die sich zwei Schreibende gemeinsam machen. Selbst hier kann es die findige Autorin nicht lassen, einen spöttischen Ton anzuschlagen. Und damit sind noch nicht alle Kategorien dieses eigentlich recht umfangreichen Bandes genannt, zumal sich diese hochkomplexen Texte jeder oberflächlichen oder schnellen Lektüre konsequent verweigern.
Christ Lauers Lyrik ist ein Feuerwerk an Einfällen, ihre Texte überraschen immer wieder aufs Neue und verstehen es da und dort auch zu provozieren. Von dieser Autorin wird in den nächsten Jahren noch viel zu hören sein.
Chris Lauer: Ortsauflösung. Gedichte. Limbus, Innsbruck – Wien, 2026. 96 Seiten. Euro 15,-

