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Gedicht und Lied

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Klaus Ebner liest Julian Tuwims Akazien


Der von der Theodor Kramer Gesellschaft herausgegebene Gedichtband Akazien von Julian Tuwim ist eine Art Gemeinschaftsprodukt. Der Buchtitel benannte ursprünglich einen ganzen Lyrikband von Tuwim, während das vorliegende Buch nur eine Auswahl daraus enthält, zudem aber auch Gedichte aus anderen Publikationen des Autors, nämlich ZigeunerbibelErinnerungenAlte Briefe und Wort im Blut.

Cover © Theodor Kramer Gesellschaft

Die Auswahl folgt dem Komponisten Mieczysław Weinberg, der sie nämlich vertont hat. Beide, Dichter und Komponist, waren polnische Juden und mussten vor den Nazis fliehen, Tuwim nach Brasilien und in die USA, Weinberg in die Sowjetunion.

Julian Tuwim wurde 1894 im damals russischen Łódź geboren und starb 1953 in Polen, wohin er nach dem Weltkrieg zurückgekehrt war. In der Zwischenkriegszeit betätigte er sich literarisch, gründete die Poetengruppe Skamander, die wichtige Impulse in der polnischen Lyrik setzte, und war Mitbegründer der Vereinigung polnischer Bühnenautoren und -komponisten (ZAiKS) in Warschau. Nach seiner Flucht schrieb er für polnische Exilpublikationen. Nach der Rückkehr nach Polen nahm er den Posten eines Theaterdirektors in Warschau an. Neben seiner lyrischen Produktion, darunter auch Kindergedichten, die sich noch heute in polnischen Schulbüchern finden, übersetzte Tuwim aus dem Russischen, unter anderem Puschkin, Gogol und Pasternak. Der Band Akazien wurde von Alois Woldan ins Deutsche übertragen und erschien zweisprachig.

Mieczysław Weinberg wurde 1919 in Warschau geboren und starb 1996 in Moskau. Er komponierte für Oper und Film, Sinfonien und Streichkonzerte und trat als Pianist auf. Die Oper „Der Idiot“ nach Fjodor M. Dostojewski wurde 2024 bei den Salzburger Festspielen aufgeführt. Dmitri Schostakowitsch war ein wichtiger Förderer und Freund. Die im vorliegenden Buch veröffentlichten Liederzyklen sind Weinbergs Auswahl; er griff sogar vereinzelt aus metrischen Gründen geringfügig in den Text ein. Die Musikwissenschaftlerin und Opernsängerin Alina Mazur geht im Nachwort detailliert auf die Arbeit des Komponisten an Tuwims Gedichten ein.

Anmerkungen zur Lyrik

Die Anfänge sind unpolitisch und reflektieren Themen wie eine unerreichbare oder verlorene Liebe. Solche Gedichte finden Leser*innen im ursprünglichen Zyklus „Akazien“, dessen Auszüge im vorliegenden Buch den ersten Abschnitt bilden. Tuwim schrieb diese Gedichte in den frühen 1920er Jahren, der Liedzyklus Weinbergs ist von 1940. „Ich kann es dir nicht sagen …“ beginnt folgendermaßen:

Ich kann es dir nicht sagen, wie groß mein Schmerz heut ist:
An einem Tag wie heute, da Schnee gefallen ist …

Ich kann es dir nicht sagen, wie sehr ich traurig bin:
Dir kommt das Wort „traurig“ ja gar nicht in den Sinn. 

(…)

Ja, das sind meine Worte, die dich entführen, weit weg …
Vielleicht auch zurückbringen … Der Schneefall hat sich gelegt.

In späteren Zyklen kommen hingegen politische Anspielungen und Kritik an der nationalsozialistischen Ideologie und am herrschenden kommunistischen System zum Tragen. In „Judenbengel“, wo ein jüdisches Kind und sein Beobachter am Fenster beschrieben werden, heißt es:

Singt im Hof unten, ganz in seine Fetzen gedrückt
Ein armer Junge, ein Judenbengel, halb verrückt.

Von den Menschen verstoßen, von Gott verlassen,
Seit ewig vertrieben, kann keinen Gedanken mehr fassen.

(…)

Dann gehen wir wieder, ein jeder, wohin es ihn zieht
Weiter auf seinem Weg, irre geworden im Gemüt.

Und finden nirgends Ruhe und einen sicheren Hafen,
Juden mit ihren Liedern, Verrückte, die sich trafen.

Tuwims Gedichte orientieren sich an traditionellen Formen; dies war ein Merkmal der Skamander-Dichterschule. Viele Zeilen sind endgereimt. In der Übersetzung wird das nicht immer gleichermaßen umgesetzt, und manchmal kommt es im Deutschen zu eher grenzwertig falschen Reimen, die ich im polnischen Original so nicht sehe. Eine 1:1-Übertragung ist bei solchen Gedichten generell schwierig; nicht umsonst gibt es insbesondere zu berühmten klassischen Gedichten, wie etwa Dantes „Commedia“ oder Ovids „Metamorphoses“, auch Prosaübersetzungen, die zwar inhaltlich genau entsprechen, aber keine Rücksicht auf Metrum und Reime nehmen. In „Staruszkowie / Die Alten“ ist die Schwierigkeit der Reim-Übernahme deutlich zu sehen:

Patrzymy sobie na ulicę	        Wir schauen gern auf die Straße hinaus
Przez wpólrozwarte okiennicę.	Durch die Fensterläden in unserem Haus.

W czółka całujem cudze dziatki	Wir sind stets bereit, fremde Kinder zu küssen
I podlewamy w oknach kwiatki.	Und gießen die Blumen in den Fensternischen.

Żyjemy sobie jak Bóg zdarzy.	Wir leben dahin, so wie Gott es wendet
Zrywamy kartki z kalendarzy.	Und reißen die Blätter ab vom Kalender.

Die erste Strophe übernimmt den Reim perfekt. Die zweite verwendet im Deutschen einen aus meiner Sicht kaum mehr kenntlichen falschen Reim, und in der dritten ist überhaupt nur mehr die vorletzte Silbe gleich. Zudem wurde aus der letzten Strophe im Deutschen ein einziger Satz mit Enjambement, parallel zu den ersten beiden Strophen, obwohl im Polnischen zwei klar getrennte Sätze stehen.

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Ein gewisser melancholischer Tonfall zieht sich durch das gesamte Werk. Wörter wie „traurig“, „schluchzen“, „Klagelied“, „Wehmut“ und „Tod“ kommen vielfach vor. Sogar das Gedicht „Humoreske“ nimmt eine kummervolle Wendung, wodurch sich die Frage stellt, ob der Titel ironisch gemeint sein könnte. Die erste Strophe lautet folgendermaßen:

Es schlagen die Uhren, die Uhren schlagen,
Da die Dinge sich nicht aus der Dämmerung wagen
Und die Bilder zu Leben erwachen an den Wänden.
Dumpf schlägt im Gehäuse das Pendel …
Die Spinne dort in der Ecke knüpft ihr Netz,
Es schlagen die Uhren – es wird bald sechs …
Der Tisch ächzt, vom Alter müde, die Kredenz flüstert,
Die Uhren schlagen und im Zimmer wird es düster …

Anmerkungen zur Musik

Weinberg schrieb etwa dreißig Liederzyklen zu Gedichten von polnischen, russischen und jüdischen Autoren. Laut Alina Mazur nehmen die Vertonungen von Julian Tuwims Lyrik eine besondere Rolle ein, da Tuwim der Lieblingsautor des Komponisten war. Die oben angesprochene Schwermut höre ich auch in den Vertonungen. Deren Stil erinnert mich zudem oft an Schostakowitsch, zu dem Weinberg ja eine enge Beziehung unterhielt.

Verstörend und scharf klingt, im Vers und in der Komposition, die kurze „Lorelei“:

Sie steigt aus dem Rhein um Mitternacht
Sieht sich um, ob sie nicht verfolgt wird von den „Geheimen“,
Singt ihr Lied … Hat den Refrain wohl bedacht,
„Heil Heine“ …

Bemerkenswert ist, dass Tuwim keine Zyklen im engeren Sinn veröffentlicht hat, sondern eher Sammel-Gedichtbände. Mieczysław Weinberg griff aus jedem Buch einzelne Texte heraus und gruppierte sie zu jenen Zyklen, die er dann vertonte. Somit sollte auch jede Zusammenstellung als eine Kreation des Komponisten betrachtet werden. Durch seine Hand entstand somit mehr als eine reine Lyrikvertonung.


Julian Tuwim: Akazien. Liederzyklen. Theodor Kramer Gesellschaft, Wien, 2026. 112 Seiten. Euro 18,00

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