Now Reading
Wacher Blick auf die Welt

Wacher Blick auf die Welt

Logo Besprechung

Klaus Ebner liest Ursula Krechels „Die da“


Vor Kurzem erhielt Ursula Krechel den Georg-Büchner-Preis 2025, und zwar für eine Romantrilogie. Die Autorin ist auch Lyrikerin, und für den Verlag Jung und Jung wählte sie Gedichte aus, die unter dem Titel Die da erschienen sind. Dabei handelt es sich um eine Neuausgabe des bereits 2013 erschienenen Buches.

Cover ©Jung und Jung

Ursula Krechel wurde 1947 in Trier geboren und lebt in Berlin. Sie studierte Germanistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte in Köln. Sie war Theaterdramaturgin und ist seit den frühen 1970er Jahren freie Schriftstellerin. Sie lehrte Literatur in verschiedenen Ländern, unter anderem hielt sie 1989–90 Poetik-Vorlesungen an der Universität Wien. Krechel veröffentlichte Romane, Erzählungen, Essays, Theaterstücke, Hörspiele und Lyrik.

Wie in der Prosa – die Jury des Büchner-Preises weist auf eine „große Erzählung der Vertreibung und Verfolgung von Juden und Sinti“ hin und die „Rückkehr in ein Deutschland, in dem das Exil in die Erfahrungen von Fremdheit und Nicht-Zugehörigkeit mündet“ – zieht sich auch durch Krechels Lyrik ein Faden der politischen Stellungnahme und des Engagements: eine littérature engagée ganz im Sinne Jean-Paul Sartres. Schon der Beginn des ersten Gedichts, „Veränderungen in der Chronologie“, stellt dies klar; zudem lief mir beim Lesen dieser Zeilen ein Schauer über den Rücken, da sie ungeheuer aktuell wirken, obwohl Krechel sie vor 2013 und somit vor der ersten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump geschrieben haben muss:

War nicht die Straße
zuerst frei für alle?
Immer enger der Kreis
immer windiger die Ausflucht.
Eines ergibt nicht mehr das andere
im Gebirge Orkanböen.
So viel Zeit zur Unwahrheit
zwischen der Nacht und dem Morgen.
(…)

Die Formulierungen sind nicht immer leicht zugänglich, sondern erschließen sich dann beim zweiten Lesen, doch es wird rasch klar, dass die Autorin einen überaus wachen und kritischen Blick auf die Welt hat.

Schwere Themen

Ein Spiel mit der Sprache finden wir in „Gerechtigkeit der Grammatik“. Ursula Krechel hinterfragt Formulierungen und bestimmte Begriffe, die zwar völlig alltäglich sind, aber, wenn sie wörtlich genommen werden, zu kuriosen Einsichten führen. Da heißt es etwa „Sollen die Frauen Lebkuchenherzen unter ihren Blusen tragen?“, „Wer jagte den Elefanten aus dem Porzellanladen?“, „Wem gingen alle Konjunktionen verloren / blumige Appositionen dazu?“ oder: „Wer spannte den Objekten ihr Subjekt aus / das blinde Entsetzen der Einäugigen / streute Salz in die Wunden / kehrte den Schnee vom vergangenen Jahr / auf die Beete mit Keimlingen?“.

Begriffe und Redewendungen in ungewohnter Weise zu verwenden ist ein Merkmal von Krechels Lyrik. So auch im Gedicht „Es ist mir, als kennte ich diese Züge“, in dem ich Bezüge auf das langjährige Flüchtlingsdrama im Mittelmeer erkenne:

Augentropfen, Mundpfropfen
Schweig still, du Mund, geknebelter
Worte machen dich wund.
Augen haben nah am Wasser gebaut
Salzwasser tropft in den Mund.
Der Schiffseigner war ein Betrüger
Der rostige Kahn schlägt leck
Mit Leibern, Koffern, Fässern
Gequollene Gesichter obenauf
Im Wasser treiben Schuhe. Es fehlen
Die Füße, die Papiere, Bekenntnisse
Aus still geschrienem Mund.

Ursula Krechels Themen sind ernst. Es geht um „schwarze Tage“, um Ereignisse der jüngeren Zeitgeschichte, und wenn es heißt „verwestes Fleisch hängt in den Bäumen“ oder „Blutleere im Gehirn“, dann sollten Leser*innen vielleicht nicht zartbesaitet sein, auch wenn die Autorin dann fast beschwichtigend fragt: „Genügt, was nicht genügt, was bleibt?“

Das Gedicht „Parole Echtzeit“ startet mit einer Anspielung auf Paul Celans Todesfuge:

Der Tod ist kein Meister.
Er hat seine Geschichte vergessen.
(…)

Die Rede ist von militärischer Ordnung und Uniformen, die sich wohl nicht nur auf Soldaten beziehen. „Tod heißt Zielgenauigkeit im Fadenkreuz“, folgert die Autorin. Es geht um Panzersperren und Minenteppiche und natürlich um die Sprache, die von Autokraten – heute auch unter Zuhilfenahme der sozialen Medien – missbraucht und zu propagandistischen Zwecken eingesetzt wird. Im selben Gedicht lesen wir:

(…)
Hitzeschilde, chirurgische Schnitte, faules Gewebe
Sprach jemand vom Krebsgeschwür der Menschheit?
Wer ermannt sich zu schneiden?
In welchem Organ und wie rasch?
(…)

Betroffen macht der Vers „Betroffenheit klingt schon wie Besoffenheit“ in seiner Schlichtheit, und dass Gasmasken und Heldentenöre gegenüberstehen, Sprengkopf, Gas und Milzbrand genannt werden und alles in einem „blutverkrusteten Schleudersitz“ kulminiert, gibt mindestens zu denken.

See Also

Ursula Krechels Lyrik ist für mein Empfinden eher „dunkel“. Zwar kunstvoll geschmiedet, mit überraschenden Wörtern und sozusagen auseinandergenommenen Redewendungen, aber stets mit einem schweren oder schwermütigen Unterton. Sogar das Gedicht „Die Liebenden“, das mich an Bertolt Brechts gleichnamiges Gedicht erinnert, hat nichts von dessen zeitloser Emotion, sondern zeigt das Auseinandergehen der Liebenden, ihre Entfernung, das Alleingelassenwerden und die Reduktion des Kontaktes auf ephemere und bedeutungslose Telefonate.

Lustvolle Sprache

Das Spiel mit den Wörtern ist essenziell. Ursula Krechel versteht es meisterhaft, die ernsten Inhalte in eine raffinierte, fein ziselierte und stets für Überraschungen gute lyrische Sprache zu setzen. Die Autorin arbeitet mit freien Rhythmen. Manche, kurze Gedichte bestehen aus einer einzigen Strophe, andere weisen mehrere auf. Satzzeichen werden weitgehend entsprechend den orthografischen Regeln verwendet; lediglich am Versende kommen keine Beistriche vor. Fast alle Texte bestehen aus vollständigen Sätzen. Nur bei einer geringeren Anzahl von Gedichten werden auch im Versinneren einzelne Kommata und vor allem die Punkte am Textende ausgespart.

Ursula Krechel hält an der alten Rechtschreibung fest, die sich folglich durch das ganze Buch zieht. Das wirkt heutzutage für viele bereits ungewohnt, doch in der Regel fällt das nur auf, wenn ein scharfes ß an einer Stelle steht, die heute mit Doppel-ss geschrieben wird, z.B. in „Mundtot“: „Daß alles Bekannte schon bekannt sei. / Daß Ruhe herrscht (…)“.

Inhaltliche und formale Anspielungen an Autor*innen oder literarische Werke fallen wiederholt. Manchmal ist dies eindeutig, weil es dezidiert genannt wird, so im Titel „Bei Eichendorff“. Zitate werden in den Anmerkungen am Ende des Buches ausgewiesen. Bei manchen Texten findet sich ein Kommentar der Autorin, und zum eben Genannten passt die folgende Anmerkung sehr gut: „Jeder Künstler, nicht nur die Dichter, hält sich im Spannungsfeld zwischen Tradition und dem Noch-Nicht, dem von ihm zu Leistenden, auf und muß diese Dichotomie aushalten.“ Allerdings betont Krechel in „Was jeder weiß“: „Die Klassiker sind abgereist.“

Verlag und Autorin sprechen von einer Auswahl aus den „nicht-zyklischen Gedichtbänden“. Diese vermittelt Leser*innen einen wunderbaren Einblick in Krechels lyrisches Werk.


Ursula Krechel: Die da. Ausgewählte GedichteJung und Jung, Salzburg, 2026. 256 Seiten. Euro 28,80

Scroll To Top