Erika Wimmer Mazohl liest Eleonore Webers berlin:transitiv

Manchmal sind es die Zufallsfunde, die einen besonders beglücken. Das unscheinbar daherkommende, quadratische Buch im Kleinformat mit dem Titel berlin:transitiv von Eleonore Weber legt man, einmal aufgeschlagen, nicht so schnell wieder aus der Hand, zieht einen doch die aparte und grafisch hochwertige Gestaltung rasch in den Bann.
Cover © fabrik transit
Ich entdecke, dass die Lyrikerin nicht nur für die Texte, sondern auch für Grafiken und Buchgestaltung verantwortlich zeichnet – was für eine erstaunliche Mehrfachkompetenz! Berlin? Frau beginnt zu lesen und erkennt, es geht um mehr als um diese Stadt, es geht ganz prinzipiell um das Umherstreifen als Lebenshaltung – und es geht um das Schauen, um einen Blick, der von außen nach innen wandert und wieder zurück.
In Resonanz mit der Metropole
Dabei bleibt die Wahrnehmung nicht nur ungefähr. Sie fängt ein, benennt und skizziert konkrete Orte, bekannte Stadtteile oder versteckte Ecken gleichermaßen. Die Topografie strukturiert, ist jedoch nicht das zentrale Moment; zentral ist vielmehr das Schwebende, ein Spüren der Räume und Zwischenräume. Gleich zu Beginn, in dem ersten Gedicht „Transzendenz“, werden verschiedene Ebenen angesprochen, dass es im Weiterblättern immer mehr werden, versteht sich von selbst:
(…) Eine Spiritualität, die sich nicht erhebt, sondern niederlässt – auf den Bänken von Tempelhof, zwischen Drachenschnüren und Asphalt, zwischen Punk, Poesie und Politik. (…)
In diesem Eingangsgedicht ist der Ton vorgegeben, der auch die weiteren Gedichte trägt, ein freier Ton, der doch auch eine gewisse Strenge aufweist: Man spürt, lesend, den Gestus der Proklamation, welcher dem eigenen Ich gegenüber erhoben wird. Auch er kehrt da und dort in den Texten des Bändchens wieder. Und schließlich spielt die sprachliche Internationalisierung eine wichtige Rolle, die Erweiterung ins Englische nämlich, die wohl der Metropole geschuldet ist.
Eine Großstadt, die deutsche Hauptstadt, kann nicht nur einsprachig sein, sie hält die Fenster nach hüben und drüben geöffnet, weshalb alle Gedichte (bis auf das erste mit dem Titel „Transzendenz“) sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch zu lesen sind (selbstredend in Eigenübersetzung).
In diesem Buch stammt bis auf das Nachwort alles aus einer Quelle. Der den Gedichten nachgereihte Kommentar von Petra Panther, die, wie dem Netz zu entnehmen ist, nicht zum ersten Mal über Eleonore Weber geschrieben hat, ist insofern erhellend, als er einerseits kontextuelle Aspekte anführt, andererseits da und dort rückbindet, was einem während des Lesens angeweht hat. Es spricht nichts dagegen, das Nachwort schon eingangs zu lesen (am besten nach der Lektüre der Gedichte und dem Betrachten der Bilder noch einmal).
Eleonore Weber weiß mit der Sprache und dem Bleistift bzw. Pinsel umzugehen. Ihre Instrumentarien lassen sich auf Farben, Schattierungen, Gerüchen, Punkten, Linien und Kreisen eines Ortes nieder, im Sammeln von Aspekten entsteht das Bild – etwa des Berliner Flughafens Tempelhof, das ein surreales Bild ist, in dessen Mitte „Sirius“, „Wachhund des Flugfelds von Tempelhof“, steht: eine Anspielung auf den alles überwachenden hellsten Stern am Nachthimmel. Überhaupt ist die Nacht immer dominierend in Webers Gedichten, gerade so, als eigne sie sich am besten zum Durchstreifen der Stadt. Die Nacht birgt Geheimnisse. Im Gedicht „Treptower Park“ klingt das so:
(…) und fast Nacht, drei Jugendliche gehen zur Spree, halt dich zurück, sagt das Mädchen zum Jungen, ich bin schon fast 20, und du bist erst 18 eine Kolonne von Autos schiebt sich durch die Dunkelheit, der Puschkinallee (…)
Was geschieht nächtens in der großen Stadt? Es wird nur angedeutet. Auch die Zeichnungen und Grafiken sind durchgehend dunkel gehalten und vermitteln Abend-, Winter- oder Nachtatmosphäre. Nicht nur die Himmelskörper sind in Bewegung, desgleichen streifen die Menschen umher, von West nach Ost und umgekehrt vielleicht. Und auch die Dichterin befindet sich im Transit. Nicht zuletzt war Berlin ja als geteilte Stadt von jahrzehntelangem Transit zwischen dem kapitalistischen Westen und dem sozialistischen Osten gekennzeichnet. In der Dunkelheit verlieren sich manchmal die Ziele, man geht Richtung Spree und landet im Nirgendwo der Metropole.
Die Atmosphären der Metropole
Ziele und Transportmittel, Gewässer, Gebäude, Straßenzüge und grüne Oasen, Leuchtreklamen im Zirkel der Plätze: Die Autorin nimmt, ohne je irgendwo zu verbleiben, Verortungen vor, sie skizziert ihre Räume im Gedankenfluss und Wanderrhythmus. Damit erschafft sie Zwischenräume, Transiträume also, und definiert sie als die eigentlich relevanten Räume, als das, worum es ihr geht. Berlin als Ort des Dazwischen ist eine historische Wirklichkeit, der hier Rechnung getragen wird, in Sprachbildern und anderen Zeichen, auch in Gedichttiteln wie „Aufklärung“, „Groundcontrol to Major Tom“ oder „Ostkreuz“ (wo in der Zeichnung ein Käfer auf dem Rücken liegt, Ratten sich nähern und Rolltreppen ins Nichts führen):
(…) There is a passage. When you emerge, a glassed wall stands between you and the other side – (…)
Durchlässe, Übergänge, Transite: Wo sie hochgehalten werden, müssen Wände und Stopptafeln als Hindernisse, als Schmerzpunkte benannt werden. Sie wollen die Stadt fragmentieren, sie versuchen den Fluss, dem alles folgt, zu stoppen. Erinnerungen nähern sich von allen Seiten, das dürfen und sollen sie auch, doch sie besitzen nicht die Kraft, das Fließen zu beenden, und sei es auch nur vorübergehend.
Eleonore Weber ließ sich anhand städtischer Fixpunkte inspirieren, dazu gehören etwa auch Ausstellungen, die sie am Ende des Buches anführt. Sie ließ sich von Musikstücken begleiten und lenkte ihr Augenmerk auf Typisches und Untypisches. Als Leserin spürt man, dass ihr Berlin vertraut (geworden) ist, so vertraut, dass sie nicht anhalten und nichts festmachen muss. Sie tippt an und liefert uns den Mehrwert in Form von einprägsamen Sprachbildern, von Lichtpunkten im Halbdunkel.So klein dieses Buch ist, so tief und weit führt es. Es weist über sich hinaus und am Ende will man wieder einmal nach Berlin fahren, die Stadt mit Eleonore Webers Augen durchforsten, am besten bei Nacht oder in der Morgendämmerung, wenn nur die Tiere (egal, ob echte Tiere oder Symboltiere) unterwegs sind.
Eleonore Weber: berlin:transitiv. fabrik.transit. Edition für Literatur und Kunst, Wien, 2025. 64 Seiten, Euro 18,–

