Markus Köhle liest Carmen Camachos Casa escrita. Domizil der Worte

Carmen Camacho ist aus der Literatur-Szene von Sevilla nicht wegzudenken. Sie entwirft szenische Lyrik-Shows, lehrt kreatives Schreiben, ist Literaturkritikerin, Dichterin und an zahlreichen Projekten mit Künstler*innen aller Art beteiligt. Sie ist also interdisziplinär interessiert und vernetzt. Das alles war wichtig für mich, um mich für dieses Buch zu entscheiden.
© Markus Köhle
Ich bin nämlich gerade auf der Sommerakademie in Zakynthos (Griechenland). Das ist ein Kreativurlaubsmodell, bei dem Workshops von A wie Aquarell bis Z wie Zumba angeboten werden. Ich bin für P wie Poetry zuständig und schnuppere auch gerne bei anderen Kursen rein. Es sind hier – von Freundschaften abgesehen – auch schon künstlerische Kooperationen entstanden. Sowohl die Bildende Künstlerin Sabine Freitag (mit ihr hab dich das Buch „Kuhu. Löwels. Mangoldhamster. Sonzerzahl 2015 gemacht), als auch die Fotografin Claudia Rohrauer (rohr.köhl.auer. Foto-Text-Interferenzen. Sonderzahl 2019) hab ich hier persönlich und künstlerisch kennengelernt.
Aber wie bin ich überhaupt auf Camacho gekommen? Denn ich spreche kein Spanisch und der Band ist zweisprachig. Ich liebe es zwar, mich in Sprachen zu verlieren, die ich nicht beherrsche, aber meine Italienisch-Kenntnisse reichen nicht aus, um Camachos „canto“ folgen zu können. Da braucht es schon Übersetzungen. In diesem Fall wurden die Gedichte nicht nur übersetzt, sondern auch ausgewählt von José F. A. Oliver. Oliver ist auch so ein Vernetzer und in alle Richtungen interessierter und engagierter Mensch. Er veranstaltet das Literaturfestival LeseLenz in Hausach im Schwarzwald, ist aber auch wesentlich daran beteiligt, dass beim W:ORTE Lyrikfestival in Innsbruck immer wieder internationale Dichter*innen zu hören sind. Auf seine Auswahl kann man sich verlassen und verlassen kann man sich auch auf die Büchertischbetreuung bei diesen Festivals. In Innsbruck ist dafür Robert Renk verantwortlich und der sorgt nicht nur dafür, dass während des Festivals die Bücher aller Beteiligten vorhanden sind, der sorgt auch dafür, dass es das ganze Jahr über eine bestens sortierte Lyrik-Abteilung in der Wagner’schen Buchhandlung gibt. Das ist wichtig und wertvoll. Robert Renk hat mir Carmen Camacho nahegelegt.
Ich bin also auf einer Insel, liege am Strand und nehme das „Domizil der Worte“ in die Hand. Es ist heiß. Die Nacht war kurz, weil ich sie tanzend mit Gelsen verbracht hab. Gelsen tanzen gut, Gelsen halten einen auf Trab und wach. Ich schlage das Buch auf, Worte schwappen mir entgegen wie Wellen: „Damalsfäden“ (S. 9). Schon bin ich mit dem Text verbandelt und frage mich, welche Fäden meine Kindheit durchzogen haben.
Manuel Alcántara wird zitiert: „…ich studierte Jasmin im zweiten Semester“ (S. 9). Und schon bin ich von der Kindheit im Studium und bei den Erst- und Zweitsemester-Liebeleien, schon hab ich Stoff genug, um die Löcher, die ich in die Luft und den blauen Himmel starre, zu füllen. „Sie fegten mich mit Besen / aus meinen Kindertagen / (…) Heute bettle ich auf den Gipfeln / meiner eigenen Achttausender“ (S. 17). Was sind meine eigenen Achttausender? Achttausend verkaufte Bücher? Achttausend Tage glückliche Beziehung? Letzteres immerhin hab ich mittlerweile geschafft. Ein Grund „unser Daseins-Grinsen aufzusetzen“ (S. 33)?, „ein heftig pulsierender Lappenschlag“ (S. 35) holt mich zurück in den Text. Ohne kräftige Lappenschläge mit dem nassen Geschirrtuch, sind die Gelsen nicht davon abzuhalten, ihren nächtlichen Tanz mit mir zu beenden.
Virginia Woolf wird zitiert im Gedicht „Das eigene Zimmer“ (S. 39). Das kann ich alles grad sehr gut verstehen. Das Kursleiter*innenhaus ist ein Käfig voller Narren, die Zimmer klein, „ein zimmer mit glasabschluss zur terrasse hin / samt abtropfbecken und nähschatulle“ (S. 39) gibt es hier nicht. Es gibt Plastikstapelsessel und ein Schminkbrett, das nicht als Schreibtisch taugt.
Lao Tse wird zitiert: „Der wissende lebt ohne Ideen.“ (S. 47) – Danke! Ich brauch noch eine Idee für den nahenden Workshop. „Ich schlief weinend ein / Ich träumte von Fischen“ (S. 65). Ein besseres Meer-Buch gibt es wohl kaum. Ich rutsche auf die spanische Seite ab: „Arrambla con la sombra dé algún tilo“ (S. 66) – nichts passiert. Ich liege im Schatten des Strohsonnenschirms. „Tritt diesem Text nicht auf die Füße“ (S. 69). Keinesfalls. Ich empfehle diesen Text als Sommerlektüre weiter. Und wer wissen will, was „Chavalongo sucht die Mapuches heim“ (S. 87) heißt, kann das im Glossar vom „Domizil der Worte“ nachschlagen.
Carmen Camacho: Casa escrita. Domizil der Worte. Ausgewählte Gedicht. Einschreibungen von José F. A. Oliver. (Schiller & Mücke 2025)

