Rhea Krčmárová liest Daniel Böswirths vexierkavalier

Ob abgehackte Glieder, satanische Ritualmorde, axtschwingende Ehepartner, spurlos verschwundene Kinder oder Bankräuber, die seit Jahrzehnten auf ihre Verhaftung warten: Verbrechen, ob geklärt oder ungeklärt, faszinieren viele Menschen.
Cover © Edition Melos
Kein Wunder, dass der TV-Dauerbrenner „Aktenzeichen XY“, Verbrechensdokus und in den letzten Jahren vor allem True-Crime-Podcasts eine immense Zuschauer- bzw. Hörerschar anziehen, selbst wenn das Genre und seine Methoden nicht unumstritten sind. Zu faszinieren scheinen meist ungewöhnliche Fälle – besonders schaurige Verbrechen, komplexe oder mysteriöse Hintergründe, Straftaten an oder von Prominenten oder Serienmorde.
Auch die Literatur hat dieses Thema nicht außer Acht gelassen, zu den wohl bekanntesten True Crime-Romanen zählen Truman Capotes Kaltblütig und Helter Skelter von Vincent Bugliosi. Geisteskinder des 20. und 21. Jahrhunderts sind diese modernen Formen der Verbrechens(nach)erzählungen aber mitnichten. Quasi als literarische Vorläufer der True-Crime-Genres könnte man die sogenannten Moritaten bezeichnen, die bis ins 19. Jahrhundert der Bevölkerung kalte Schauer garantierten. Die Moritat – vielleicht eine Verballhornung von Mordtat, vielleicht vom lateinischen Wort moritas, Moralpredigt, abstammend – war eine besonders blutrünstige Unterform des so genannten Bänkelgesangs. Von Ort zu Ort ziehende Sänger bauten ihr „Bankerl“ am Dorfplatz auf und trugen ihre Balladen mit monotoner Drehorgelbegleitung vor – dazu zeigten sie oft grobe Illustrationen, quasi als eine frühe Form der Multimedia-Performance. Die wohl bekannteste literarische Adaptation ist die „Moritat von Mackie Messer“ aus Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ von 1928.
Und das Wienerherz, es hat Zähne
Autor und Illustrator Daniel Böswirth ließ sich für seinen neuen Gedichtband vexierkavalier (Untertitel moritaten, lieder, psychogramme) von diesen Vorläufern inspirieren. Herausgekommen ist, was der Verlagstext nicht zu Unrecht ein „Kuriositätenkabinett“ nennt. Bekannte und unbekannte Kriminelle kommen genauso zu Wort wie verschuldete Greißler oder der (Wiener) Sensenmann höchstselbst. Das titelgebende Wort „Vexier“ kommt übrigens vom lateinischen vexare, also quälen – Vexiere sind kleine Geduldspiele aus Draht, Holz oder Schnur, die man mit viel Fingerspitzengefühl entwirren oder zusammensetzen muss.
Wie der Untertitel schon sagt, dreht es sich bei den Gedichten nicht ausschließlich um Mord- und Totschlagsballaden, inhaltlich reicht der Bogen von Kriminalgeschichten bis zu Alltagsmomenten – aber auch da sind Tod, Verfall und Verderben nicht weit. Im Gedicht „sex, drugs and rock’n’roll“ heißt es etwa (an Lukas Resetarits’ Spruch „Statt Sex, Drugs and Rock’n’Roll nur Butterkeks und Sanostol“ erinnernd):
der rock’n’roll? roid nimma so richtig vuabei der sex? woa gestan bei die drogn samma bliebn
Gereimte Grausamkeiten im Wiener Idiom
Der Dialekt als Stilmittel zum Erkunden menschlicher Abgründe hat gerade in Wien, wo Böswirths Band sprachlich und inhaltlich zumindest zum Teil angesiedelt ist, lange Tradition – man denke an H.C. Artmann, Helmut Qualtinger und auch an klassische Wienerlieder. Böswirth nähert sich dem Wienerischen sehr lautmalerisch, versucht, den Sound der düsteren Donaumetropole mit Doppel- und Trippelvokalen und Umlauten einzufangen (z.B. „wooos“, „meadasöö“, „n-e-e-e-d“).
Formell ist das Buch in zwei Teile gespalten, informell ließe es sich dreiteilen: Die ersten 60 Seiten des ersten Teils (moritaten, lieder und psychogramme) widmen sich Wien und seinen Abgründen, passenderweise im Wiener Dialekt. Über allem schwebt der Mond mit seiner Sichel, die die Leserinnen und Leser thematisch einstimmt.
jeda mond dea hod a sichl jede sichl hod a schneid jeda voimond kennt sein schottn jeda meada kennt sei zeit jeda mond dea hod a sichl jede sichl hod a schneid jeda voimond kennt sein schottn jeda meada trogt eam heit jeda mond valiad sei sichl jede sichl a ia schneid jeda meada kennt sein schottn und sei schottn sichelt heit
Unter dem Licht des Mörder-Monds tummeln sich dann unter anderem ein Wiener Sisyphus, ein „schowazza moa“ (der Sensenmann höchstselbst, der kein Schreckgespenst sein will), ein Raubwürger oder die Rosemarie aus „Bradenfuart“.
Modernere Morde und Moritaten
In der zweiten Hälfte des ersten Teils wechselt der Autor vom Wienerischen ins Hochdeutsche und vom Heimischen zu oft internationalen Verbrechen. Hinter dem „bewaffneten Hofnarren“ ist unschwer der Trickster und Sechsfachmörder Udo Proksch zu erkennen. Der im Gedicht angesprochene Vergleich mit Napoleon erschließt sich, wenn man weiß, dass Proksch sich gerne als Kaiser der Franzosen verkleidete (das berühmte Foto von Prokschs Kostümierung als Napoleon ziert den Umschlag von Ingrid Thurnhers Buch über den Mann, der Wiens Society über Jahre blendete). Formell ist auch dieses Gedicht an naive Volksballaden und vielleicht sogar ein bisschen an Minnegesang angelehnt, das im Teil über den von Proksch veranlassten Untergang des Schiffs Lucona, bei dem neun Menschen starben, eingestreute „tandaradei“ kann man passend finden oder nicht.
Von Wien geht es dann in die USA, in der langen Ballade „claude“ thematisiert Böswirth die seltsame Geschichte des beutelosen Bankräubers Claude Eatherly, der als Wetteraufklärer-Pilot beim Abwurf der Atombombe über Hiroshima mitwirkte. Zurück in Wien kommt selbstverständlich auch die „schwarze Witwe“ Elfriede Blauensteiner vor, die Serienmörderin und Erbschleicherin aus Favoriten („gesungen nach der Melodie des Liedes Tarantella Napoletana von Athanasius Kircher“).
was reden alle von mangelnder empathie und niemand fragt, wie es um mich steht an mitgefühl fehlte mir es noch nie ich pfleg die männer von früh bis spät ich opfere all meine zeit für meinen lieben gatten auch wenn er schwerfällig und bettläg’rig ist heute koche ich ihm ein süppchen mit frittaten vor ein paar wochen, da tanzten wir noch twist um ihn ist es leider sehr schlecht bestellt heut erkennt er nicht einmal mehr frittaten er röchelt, zittert, doch was mir letztlich noch fehlt ist seine unterschrift vor dem bestatten
Einige Gedichte („bill“, „blaubeer-mariechen“) kann man keinen wahren Fällen zuordnen, vielleicht lässt der Autor da seiner Fantasie freien Lauf.
Volksliedhafte Alltagsgeschichten
Der letzte Teil, „zugaben“, ist ein Sammelsurium von schwarzhumorigen Alltagsbeobachtungen und thematisiert das Kaputte, die altersbedingte Suche nach Wörtern, („na dea dings da“), Medikamentenlisten, das im Nordturm begrabene goldene Wiener Herz oder die drei großen Fragen des Wieners:
woos mochst denn jetzt scho wieda? wooos wird deees? wofia?
Manchmal fühlen die durchgehend kleingeschriebenen Reime sich ein wenig holprig an und bilden so den „volkstümlichen“ Charakter der literarischen Vorbilder ab. Das Balladen- und Liedhafte fängt Böswirth auch durch Wiederholungen ein, Variationen und Melodievorschläge bei einigen Gedichten („Lied gesungen nach der Melodie von La Folia von Antonio Vivaldi“).
Böswirth nähert sich der Tradition der Moritaten nicht nur literarisch, sondern auch grafisch. Vielen der (teils recht kurzen, teils mehrere Seiten langen) Gedichten vorgestellt sind schwarzweiße Linolschnitte. Stilistisch eher simpel und abstrahiert gehalten, greifen sie die Motive der Texte auf, spiegeln sie wider, spielen mit Worten und Textelementen, schimmern manchmal durchs Papier, wie eine Andeutung oder Spiegelung. Die grafische Gestaltung lässt den Bildern und Gedichten viel Platz, auch durch leere Seiten und die Tatsache, dass die Seiten nicht durchgehend nummeriert sind.
Insgesamt ist Böswirth eine interessante Annäherung an wienerische und nicht wienerische Abgründe gelungen, die ihre literarischen Vorbilder nicht verleugnet und beweist, dass man True-Crime-Fälle nicht nur auf Spotify findet, sondern nach wie vor auch zwischen den Deckeln eines Gedichtbands.
Daniel Böswirth: vexierkavalier. moritaten, lieder, psychogramme. Edition Melos, Wien, 2026, 144 Seiten, Euro 30,–

