Die Gedichtkompositionen von Miron Białoszewski
Ilse Kilic liest Miron Białoszewskis: M’ironien.

Im Frühjahr 2026 trug sich das Folgende zu: Die Schriftstellerin Lisa Spalt erzählte mir vom Buch M’ironien des mir damals noch unbekannten polnischen Dichters Miron Białoszewski. Das Buch befände sich auf dem Postweg zu mir, sagte Lisa, und dass es mir sicher sehr gefallen wird.
© Ilse Kilic
In den nächsten Tagen ging ich neugierig zum Postkasten, aber es kam keine Post aus Linz. Nichts, nichts. Gut, dachte ich, ich sollte mich in Geduld üben. Nichts, nichts. Drei Wochen darauf kam Lisa Spalt nach Wien und bei dieser Gelegenheit auch ins Fröhliche Wohnzimmer, und siehe da, sie hatte ein Päckchen in der Hand. Das Buch war nämlich per Post wieder zu ihr nach Linz zurückgereist. Aber nun, via persönlicher Übergabe, war es da. Und ich habe es noch am gleichen Abend gelesen, daheim, während etwas abendliche kühle Luft durch die heiße Wohnung zog.
Und Lisa Spalt behielt recht. Mir gefielen die Gedichte sehr.
Ein paar Informationen zum Autor: Miron Białoszewski wurde 1922 in Warschau geboren. Im Jahr 1956 erschien sein erster Gedichtband, aus dem auch ein Teil der Arbeiten aus dem mir vorliegenden Band stammt, der eine werkchronologische Auswahl darstellt. Miron Białoszewski arbeitete als Sortierer bei der Post, brachte in seiner Wohnung experimentelle Theaterstücke zur Aufführung, versuchte, als Journalist sein Auskommen zu finden. Sein Leben war nicht nur von Armut, sondern auch von Krankheiten begleitet, aufgrund von Schwindsucht verbrachte er längere Zeit in einem Sanatorium. Er starb mit 61 Jahren an seinem dritten Herzinfarkt. Sein Prosaband „Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand” ist in der deutschen Übersetzung von Eva Kinsky 1970 bei Suhrkamp erschienen.
Thema seiner Gedichte ist einerseits das alltägliche Leben, also das, was das Leben ausmacht, jeden Tag aufs Neue, das Leben lang: Widersprüche und Widerspruch, die Endlichkeit und Unendlichkeit, die Krankheiten, der Tod, der Krieg, die Angst und die zarten Freuden des Daseins. Andererseits ist natürlich die Sprache selbst Thema, die Sprache, die uns ausmacht, das Material des Dichtens, aber auch des Lebens. Die sprachlichen Experimente und Ironien, letztere geben dem Gedichtband ja auch den Titel, bezugnehmend auf den Vornamen des Autors, nämlich „Miron”, sind in der Übersetzung sicherlich nicht alle kenntlich oder erkennbar, aber durchaus präsent. In diesem Zusammenhang verweise ich auf ein anderes Buch, in dem verschiedene Autorinnen und Autoren jeweils die selben Gedichte von Miron Białoszewski übersetzen, besser gesagt: nachdichten, sodass es von jedem Gedicht mehrere – sehr unterschiedliche – deutschsprachige Versionen gibt. Es heißt „Von Eischlupf” (Reinecke und Voß, Leipzig 2015).
In der letzten Zeit denke ich oft an einen Satz von Liesl Ujvary. Ich zitiere ihn hier und setze ihn in Bezug zu den dichterischen Arbeiten von Miron Białoszewski. Der Satz von Liesl Ujvary, sie sagte ihn in einem Interview in der Zeitschrift [sic], lautet: „In meinen Büchern ist die Problematik meiner Existenz immer präsent.” Ja, die Problematiken der Existenz sind von Bedeutung, ich spreche jetzt von Problematiken, also in der Mehrzahl, weil es viele Problematiken gibt, so wie es viele Existenzen gibt, viele Schreibende und Lesende, viele Texte, viele Bücher, viele Erfahrungswelten. Die kleinen und die großen Problematiken sind bei Miron Białoszewski aufeinander abgestimmt, eingestimmt, sie ergänzen einander. Sie ringen sich und mir ein Lächeln ab, sie gehören ja zusammen, der Alltag und die besonderen Tage, die Angst und die kleinen großen, die großen kleinen Freuden, die Hausmaus und die „Dritten Zähne”, der Knäuel der Unendlichkeit und das „Kitzi Katzi”.
Noch nie habe ich jedenfalls ein Gedicht gelesen, dass die schmerzvolle Erfahrung einer medizinischen Reanimation mit so viel Witz zu Papier bringt und gleichzeitig das Glück des Überlebens feiert, ohne sich oder die Leser:innen zu erschrecken, oder, sagen wir so, nicht allzu sehr zu erschrecken.
Wir Menschen sind seltsam, denke ich, manchmal wollen wir große Worte machen, manchmal auch kleine und manchmal wollen wir einfach etwas sagen, was uns wichtig ist, auch wenn es vielleicht niemand versteht. Weil es ja vielleicht doch die einen oder die anderen verstehen, wenn sie wollen. Oder vielleicht auch missverstehen, was ja zum Verstehen dazugehört.
In diesem Sinne zitiere ich das folgende Gedicht von Miron Białoszewski:
Woher so viel Freude beim Anblick des Busses? - Ich stürze ans Fenster - etwa weil er rot ist zwischen den Blocks? weils früh ist um fünf? weil warm? neblig? oder weil er fährt und ich lebe?
Miron Białoszewski: M’ironien. Roughbooks. Ausgewählt und aus dem Polnischen übersetzt von Dagmara Kraus. Herausgegeben von Henk Proeme. Roughbook 054, Strasbourg, Oegstgeest und Schupfart 2021, 238 Seiten, 18 Euro

