Hermann Niklas liest Nii Ayikwei Parkes: The Geez

Diesen Sommer begleitete ich eine Gruppe junger Erwachsener nach Nordghana, die sich dort mit den Themen Entwicklungspolitik und interkulturellem Lernen auseinandersetzten. Für mich selbst war es schön, nach über zwanzig Jahren zurückzukehren, Menschen und Orte wieder zu treffen oder neu zu entdecken.
© Hermann Niklas
Doch ich hatte auch vor, mich ebenfalls begleiten zu lassen. Die Wahl fiel bald auf eine lyrische Stimme des Landes, ein Autor, der mir bereits Jahre davor als Spoken-Word-Artist aufgefallen war: der ghanaisch-britische Schriftsteller und Performer, Lyriker und Kinderbuchautor, Kunstvermittler und Lobbyist für afrikanische Literatur, Nii Ayikwei Parkes.
Ich wollte von seiner Lyrik auf Dinge aufmerksam gemacht werden, die sonst meinem Blick entgingen: Und ich sollte nicht enttäuscht werden.
The Geez wurde bereits vor 4 Jahren veröffentlicht. Neuer ist der letzte Roman von 2023, Azucar, ein sensibler Roman, der bereits das für mich andeutete, was ich in The Geez finden sollte: Die Sprache als Landschaft, als Körper, den sie aufblühen lässt, dessen Wildwuchs sie beschreitet, mögliche Wege niederdrückt und sanfte, intime Fußabdrücke hinterlässt.
Whisper to me in the language I know When I know no language, when my face Still bears the map of sleep, the clear trace Of fatigue passing, mute and steady as breath (Lenguaje)
The Geez ist eine Sammlung von 42 Gedichten, herausgegeben von Peepal Tree Press, die allesamt Intimität in Beziehungen widerspiegeln: Darin zu finden sind Beziehung mit sich selbst, mit Trauer und Verlust, Liebesbeziehungen, die Prägung durch Beziehungen zu Musik, die Beziehung eines Vaters zu seinen Kindern, aber auch die Verbundenheit über Generationen und Kontinente hinweg. Letztere waren für mich besonders interessant: Ich war einen Monat weg von meinen Kindern und hier gaben mir diese Gedichte Raum für Reflexion und Trost. Die Intimität, die Nii Parkes über Jahrhunderte und Erdteile spannt, waren aber für mich (als „weißen“ Europäer) augenöffnend, wie relevant und schmerzhaft das Thema des Kolonialismus und Sklavenhandels für Familien in der Diaspora und in Afrika immer noch ist. Diese Zerrissenheit, die sich nach Jahrhunderten fortwährend in der Familiengeschichte und in ihrer Gegenwart manifestiert, schockierte mich.
Nii Parkes ist Jahrgang 1972, geboren in England während der Studienjahre seiner Eltern, wuchs bald in Accra auf, der Hauptstadt Ghanas, in der er heute wieder neben London lebt. Dort begann auch meine Reise, die mich bereits nach einer Woche im Süden des Landes rund um Accra über Kumasi immer weiter nach Norden brachte, wo ich in Tamale einen Monat verbrachte und mich mit ghanaischer Tradition und Kultur auseinandersetzte (und schließlich begleiteten mich die Gedichte auch noch nach Norddeutschland: Hamburg und die Strände rund um Eckermünde, wo auch das Foto entstand und die Gedichte in ein anderes Meer gelesen, in einen anderen Wind gesprochen wurden und ich wieder Vater war.)
Man findet wie in oben erwähntem Gedicht eine Sprachskepsis, die sich durch den Band zieht. Diese rührt daher, wie Nii Parkes in einem Gespräch mit der südafrikanischen Dichterin Toni Stuart erwähnt: I was lucky raised in Ghana on a pure linguistic level. I do not only have English for this experience, the language that colonized us … In den Gedichten fließen immer wieder Begriffe aus der Sprache Ga mit ein, die hauptsächlich rund um Accra gesprochen wird, eine Sprache aus Heimat also, auch wenn diese sehr klein ist, bedeutet sie dem Autor viel. Sie ist autonomes Gebiet.
Ich sitze bald schon in einem nordghanaischen Dorf namens Napagyili, habe für eine Woche einen eigenen Combound, vier Rundhütten, eine Mauer rundherum in Schulterhöhe, die mich vor allzu neugierigen Blicken schützt, mich tatsächlich aber noch mehr preisgibt und bemerke in einer anderen afrikanischen Sprache (Dagbanli, das die Dagombas sprechen rund um die Stadt Tamale und der Northern Region), wie wichtig diese ist, wie sehr wahrgenommen man in ihr wird, wie respektvoll man sie anwendet, um dem Gegenüber ein Gesicht zu geben. Die für mich zunächst langwierigen Begrüßungsrituale sind wie ein Umarmen, ein Versichern gegenseitiger Zärtlichkeit, oder wie Nii über ein Gedicht sagt, er schreibe es, um zu sagen: i see you.
Dieses Gedicht, von dem ich genauer berichten will, heißt 11-page letter to (A)nyemi (A)kpa. Und es hat eine Besonderheit, wenn man den Ort kennt, der darin in jeder Zeile mitschwingt. Elmina Castle in Cape Coast, von dem Menschen als Sklaven und Sklavinnen in die Amerikas und schließlich auch nach Europa verbracht wurden.
… a will folded as achingly as our bodies when we were tallied and shipped here …
Als ich das bereits dritte Mal in dieser Festung stehe, die so viel noch immer anhaltendes Leid verursacht hat, aber nun diese Gedichte von Nii Parkes im Ohr, machen den Besuch zu einem intensiven Erlebnis, als sähe ich den Ort erstmals. Der Zyklus von 11 Gedichten spricht in Ga Familienmitglieder an, benennt sie, spricht mit ihnen. Er verbindet diese Generationen der Weggerissenen und Zurückgelassenen.
… you flamed as my wings bent. I became wind; you became smoke – I see your signature before it rains …
In Elmina wurde ein Leitsystem entwickelt, das Menschen und Familien – die getrennt gefangen gehalten und nun aus den Zellen gelassen auf der Suche nach den Familienmitgliedern waren – mit Panik und Hysterie von Raum zu Raum stolpern ließ, um dann at the point of no return zu gelangen. So hieß die ausgehängte Tür des letzten Raums, durch die Menschen wie Dinge gestoßen wurden und direkt auf das Deck des Schiffes fielen, das sie wegbrachte.
The sea between us is common salt.
Im letzten Gedicht liegt noch mal der Schmerz und dennoch die Hoffnung, das Bedürfnis darüber zu sprechen, es zum Thema zu machen, because there is a trauma stayed at the continent.
our unspoken pact was to somehow survive … lets unravel helices, let’s talk.
Dieses Trauma und wie es sich manifestiert, erklärt Nii Parkes sehr verständlich:
Als Kind in Ghana gab es ein Tabu, er durfte nicht pfeifen, wenn es Nacht wurde, denn damals holten die Sklavenhändler in der Dunkelheit jene, die laut waren. Noch Nii Parkes und seine Generation in Ghana wurden also angehalten, furchtsam zu sein.
Im Gespräch mit Toni Stuart wird Nii Parkes gefragt, inwiefern solche Intimität im Schreiben (wie er sie in diesem 11-teiligen Zyklus darlegt) die Art des Redens über diese Traumata in Familien und Gesellschaften ändern kann.
I have no answers, but the desire to talk
Und das macht er im 4. Gedicht des Zyklus zum Beispiel so:
… dead goats on their own cannot bleat the drum’s message; all the earth’s miles can’t sever song from your tongue
Möge Nii Parkes’ Zunge noch lange weitertanzen!
Nii Ayikwei Parkes: The Geez, Peepal Tree Press Ltd, 2021

