Udo Kawasser liest Jan Juhani Steinmanns Das Vorfaltenlicht. Die Alpen und das Valley

Der 1987 von Lojze Wieser gegründete, nach ihm benannte Verlag hat sich in den vergangenen Jahrzehnten einen Namen als Brückenbauer zwischen der slowenischen und deutschen Literatur gemacht und dabei herausragende Autor*innen wie Karl-Markus Gauß, Sabine Gruber, Peter Handke, Margret Kreidl, Cvetka Lipuš, Florjan Lipuš, Lydia Mischkulnig u.v.m. publiziert.
Cover © Wieser Verlag
Nun erschien im Wieser Verlag auch der Gedichtband Das Vorfaltenlicht. Die Alpen und das Valley des 1988 in Bern geborenen Philosophen, Dichters und Theologen Jan Juhani Steinmann. Es ist dort schon das zweite Buch, nachdem er 2024 gemeinsam mit Albert C. Eibl eine Ästhetik des Ungehorsams publizierte. Steinmann, ein klassisch gebildeter Autor, der 2021 in Wien bei Konrad Paul Liessmann über Hyperphänomenologie bei Bernhard Waldenfels promovierte, zählt auch Kierkegaard, Nietzsche und Heidegger zu seinen Forschungsschwerpunkten. Das ist nicht unbedeutend für das Verständnis seines poetischen Werks, das höchste Ansprüche erhebt, vor denen andere dichtende Zeitgenossen zurückschrecken würden, und nichts weniger möchte, als, wie es im Eingangskapitel „Aufstieg“ heißt, „einer Vernunft den Weg ebnen, die sich göttlich heißt“.
Wenn sich die Ästhetik des Ungehorsams laut Klappentext „als ein philosophisch-literarischer Versuch des Widerstands gegen den alles verschlingenden Sog des Digitalen“ versteht, mit dem Ziel „eine Lebenskunst der Freiheit zu kultivieren und wachsam zu bleiben für das Wunderbare in der Welt“, so ist Das Vorfaltenlicht. Die Alpen und das Valley eben der Versuch, diesen Widerstand dichterisch fruchtbar zu machen. Die philosophische Fundierung dieses Unternehmens hat Steinmann, wie er im „Abstieg“ am Ende des Buchs bekundet, in seinem 2025 erschienen philosophischen Werk Kritik der künstlichen Vernunft unternommen, in dem er die menschliche und die technische Vernunft analysiert, „doch stets, um auf die Ratio eines dritten Paradigmas hinzuarbeiten: das Paradigma der Theo-Humanität. In diesem spricht sich die Poesie einer göttlichen Vernunft aus, welche das ursprüngliche, aber oft verkannte Ziel des Christentums andeutet: die ‚Theosis‘ – die Vergöttlichung des Menschen also, und zwar allein durch Gottes Gnaden und nicht durch die Phantasmagorien eines technozentrischen Willens zur Macht!“
Vorbild Albrecht von Haller
Steinmanns Kritik des technikgläubigen Säkulums kann man als hehrem Anliegen durchaus Verständnis und Sympathie entgegenbringen, auch wenn man mit der theologisch-philosophischen Fundierung selbst nichts anfangen kann. Die dichterische Grundanlage des Werks erläutert er selbst im schon erwähnten „Aufstieg“. Die Alpen und das Silicon Valley sind für Steinmann einander durch das „Natürliche und Artifizielle“ entgegengesetzt. Bei beiden trenne „nur ein Grat den Aufstieg vom Fall“. Die Alpen stehen „für den bisherigen Weltbezug; das Valley für ein neues, technozentrisches Weltverhältnis“. Und so folgen dem poetologischen Eingangsstatement zwei topologisch verankerte Kapitel, nämlich „Vom sprechenden Herzen. Stimmen aus den Alpen“ und „Vom bleiernen Herzen. Stimmen aus dem Valley“, die aus je 37 und 36 Gedichten bestehen. Der Autor nimmt für sich in Anspruch, die „Worte ergangen“ zu haben – an beiden Orten. Steinmanns „Suche nach dem Vorfaltenlicht“, die im folgenden 4. Kapitel „Das Vorfaltenlicht. Stimmen aus dem Riss“ poetisch in Szene gesetzt wird, dem im 5. Kapitel der „Abstieg“ folgt, beruht auf einer Auseinandersetzung mit dem Lehrgedicht Die Alpen des Schweizer Universalgelehrten und Dichters Albrecht von Haller (1708–1777), mit dem Steinmann scheinbar verwandt ist und den er daher auch vertraut als „mein Albrecht von der Berner Saat“ anspricht. Wie der Germanist Helmut Müller Sievers in dem von Wellbery u.a. verantworteten Band Eine neue Geschichte der deutschen Literatur schreibt, war Haller „der bedeutendste Naturwissenschaftler seiner Zeit, einer der mächtigsten Akademiker Europas und (…) ein sehr bewunderter Dichter“, der aber nur in jungen Jahren dichterisch produktiv war. Laut Sievers umfassen Hallers anatomische, medizinische, botanische und chirurgische Schriften mehr als zweiundfünfzigtausend (sic!) Titel. So ist das Lehrgedicht Die Alpen, bei dem sich wie bei Steinmann die antithetische Entgegensetzung von Natur und Zivilisation als Kulturkritik findet, im Sommer 1728 im Anschluss an eine Botanisiertour mit Johannes Gesner entstanden, aus der 1742 dann auch noch eine systematische Beschreibung der Schweizer Pflanzen hervorging (Enumeratio methodica stirpium Helvetiae indigenarum). Das Besondere von Hallers Dichtung liegt auch darin, dass er die Alpen, die bis dahin eher als Schreckensort unerhörter Naturgewalten galten, in ein Idyll verwandelte und damit der deutschen Literatur die Bergwelt erschloss. Nach dem Motto: Im Hochgebirge herrscht die Vernunft unter der Anleitung der Natur. An all dies knüpft Steinmann mit seinem Gedichtband an. Zudem hat er mit seinem Vater, dem Bluesmusiker, Künstler und Forscher George Steinmann, ein Forschungsprojekt konzipiert, das 2021 im Kunsthaus Interlaken unter dem Titel Die Alpen und das Valley. Albrecht von Haller und das digitale Zeitalter realisiert wurde.
Ganz großes Orchester
Für eine Rezension ist das nun ein verhältnismäßig langer Anstieg gewesen, doch dieser scheint notwendig, um die Fallhöhe zu ermessen, die die intellektuell höchst anregende Anlage des Buchs gleichsam mit eingebaut hat, sobald man auf die ersten Gedichte stößt. Denn wie etwas anhebt, so steht oder fällt es dann auch. Ein Blick auf den Titel des ersten Gedichts im Alpenteil „Alpenantlitz. Ein Lichtbild. – Zwischen Bern und Interlaken“ zeigt sofort dreierlei: Erstens, der Ton ist hoch („Antlitz“), zweitens, das Vokabular ist deutsch („Lichtbild“ statt „Foto“) – und drittens: Die Titelgebung hat Methode, da jede Überschrift aus zwei Teilen besteht, einem Thema („Alpenantlitz“) samt einer näheren Bestimmung („Ein Lichtbild“), und danach, durch einen Gedankenstrich getrennt, eine ungefähre Ortsbestimmung bei den Alpengedichten („Zwischen Bern und Interlaken“). Ein wenig anders ist das bei den Valley-Gedichten, wo ein geografischer Punkt und – naheliegend – die Netzkoordinaten der GPS-Lokalisierung angegeben werden. Der Befund bestätigt sich im übernächsten Gedicht, das mit „Der Stahlfall. Hochgesinnt. – Zwischen Kandersteg und Gasterental“ betitelt ist und jambisch wuchtig einsetzt:
Heil dir, Heil dir, du Einbuchtmal im Kandertal, woher ich aus der Tiefe sinne, du Hallgefäß all jener Wirren, die den Weltenkrieg erproben im dritten Zeitenalter hier – mir – zur schandzüchtigen Nichte, als wäre Heraklit ihr Vater. O falscher Vater, falsche Väter, selbst dem Kohelet zu fremd! Ihr Stahlbienen meiner Scham, ihr Jäger närrischlauter Düsen, drei Untersternendeuter, mir in tosend Höhen über fältig fallender Demenz unser aller Herzensnacht. Seid ihr die Pharisäersöhne – nicht, die im dritten Weltenbrande am Rande von Incestums Hohn die Liebe selbst ausbluten macht, wie die wirre Samenschlacht auf der Wüste wachsend Thron? Stahlkalt, Stahlblut, Stahlfall, mein Gott, mein Gott!
Beim ersten Lesen dieser Verse ist man vom altväterischen Ton und der überorchestrierten Sprache überwältigt und als Rezensent ist man herausgefordert, Grundsätzliches anzusprechen. Steinmanns Dichtung, und hierfür ist das vorangegangene Gedicht nur ein x-beliebiges Beispiel, versteht sich wagnerisch-symphonisch, bewegt sich musikalisch stets zwischen forte und fortississimo (sinnfällig nachzusehen in einem Video, in dem Steinmann ein längeres Schlüsselgedicht vom Anfang des Bands rezitiert, nämlich Dantes Höllentor. Fragmente einer Todeszone), grammatikalisch im Superlativ und ist theologisch dem Mysterium tremendum und fascinans, also dem Erschauern und der Verzückung verpflichtet.
Warum, fragt man sich sofort, diese Dröhnung, wie sie zwischen 1883 und 1885 auch Nietzsches Zarathustra, dieser Künder vom Tode Gottes, der den Menschen den Übermenschen bringen wollte, veranstaltete? Steinmann lässt das gesamte Orchester der Rhetorik spielen, allein in diesem Gedicht lassen sich ohne Anspruch auf Vollständigkeit die Stilfiguren Anapher, Alliteration, Hypotaxe, Klimax, Parenthese, rhetorische Frage, Exclamatio und Neologismus ausmachen. Wenn, wie Jürgen Link zu Beginn der 1980er Jahre erklärte, Lyrik als „Paradigma des überstrukturierten Texts“ definiert werden kann, dann zeigt sich Dichtung bei Steinmann als formal und inhaltlich überstrukturierter Text zum Quadrat, der in einem einzigen Gedicht auch noch mit Heraklit die antike Philosophie, mit Kohelet die biblische Weisheitsdichtung und mit dem „dritten Weltenbrande“ einen möglichen dritten Weltkrieg heranzitiert und das Gedicht dadurch überfrachtet. Die Wirkung ist fatal. Nicht nur, dass dem deutschsprachigen Ohr, sofern es noch zu hören versteht, seit dem Dritten Reich eine große Skepsis gegenüber unverhohlenem Pathos und rhetorischem Rausch eingeschrieben ist – die Übersteuerung aller Register lässt das Gesagte auch schrill und hohl klingen, weil erstens Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis stehen und zweitens sich die Sprache wie aus dem Kostümverleih der Vergangenheit anfühlt.
Vergöttlichung des Menschen – geschichtliche Anleihen
Wer spricht heute noch so? In Steinmanns Gedichten stabt und staubt das 18. und 19. Jahrhundert mit Haller, Goethe, Wagner, Nietzsche, Rilke auf einem Sockel biblischer Sprache. Dabei nimmt Steinmann Anleihen sowohl im Sprachgestus als auch in der Technikkritik („Gestell“) bei einem Heidegger, der raunend das Sein und Nichtsein (die „Nichte“) beschwört. Dieses überorchestrierte Sprachamalgam setzt sich nicht nur dem Vorwurf eines uneigentlichen Sprechens aus, es tendiert auch dazu, die Wirkung der eigenen Worte zu konterkarieren. Wenn es etwa in „Durst und Feuer. Verkettet“ im Valley-Teil „augenblicksurplötzlich“ heißt, dann ist das nicht eine Stärkung der Unmittelbarkeit des Auftretens, sondern der Ausdruck einer Haltung, die im Grunde der Sprache nicht vertraut, treffend zu sein, und sich zur Verdoppelung und Verdreifachung genötigt fühlt. Die nächste Gefahr ist, dass das Gesuchte und Aufgeblähte des Sprachgestus das Verständnis nicht nur behindern, sondern sabotieren. Etwa wenn es in Bezug auf das Daumenhoch-Symbol von Facebook in „Unlob des Schattens. Vom alpinen Reflex“ heißt:
Schleimgereizt entlade ich, schier vom Niesenspitzen her, pyramidalen Schattenwurf über meine Hand hinaus, auf das blauschale, Grau auf Blau auf Weiß gespeit (…)
Wer versteht bei der Lektüre dieser Verse – in Gedanken noch mit der Entschlüsselung von „Niesenspitzen“ und dem „pyramidalen Schattenwurf“ beschäftigt –, dass der Autor ein sprachlich elaborierteres „Fuck you, Facebook“ zum Ausdruck bringen will? Um es kurz zu machen: Die Sprache Steinmanns ist auf Überwältigung angelegt, sie braucht das ganz große Orchester, wie weiland Wagner. Doch warum dieser ganze Aufwand? Eine mögliche Antwort liegt in den hochgreifenden poetischen Intentionen des Buches. Denn zwischen der gottgegebenen Natur der Alpen und der Suche nach einem neuen Menschen im Valley soll eben als Drittes das Vorfaltenlicht zum Vorschein kommen, bei dem es laut „Aufstieg“ genügt zu ahnen, „dass der Unort, aus welchem es glüht das dichterische Schicksal einer anderen Terra, Techne und Poiesis angeht. Dieses ist vielleicht das Schicksal einer Sprachzeit nach unserer Zeit, vielleicht auch das Schicksal einer neuen Formkultur, die heute wie ein Morgen aus den Brüchen und Rissen zwischen der Natur und Technik steigt“. Das Vorfaltenlicht zeugt von einer „entfalteten Seele“, wie es im allerersten Gedicht des Bandes im Titel heißt. Dass diese Schicksalsgläubigkeit und der Heroismus, der in diesen Zeilen zum Ausdruck kommt, stark nach den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts klingen, das zweimal eine Menschheitskatastrophe erlebte, ist wohl im historischen Moment, den wir durchleben, kein Zufall, steigert aber die Skepsis beim Rezensenten. Das Ziel des Steinmann’schen Denkens ist, wie es auf der Rückseite von Kritik der künstlichen Vernunft heißt, „das Paradigma der Theo-Humanität. In diesem spricht sich die Poesie einer göttlichen Vernunft aus, welche das ursprüngliche, aber oft verkannte Ziel des Christentums andeutet: die ‚Theosis‘ – die Vergöttlichung des Menschen also“, wie wir eingangs schon sahen.
Neue Formkultur – Alte Sprache
Wie immer die Theosis vonstatten gehen mag, zuerst wäre allerdings zu klären, warum „das Schicksal einer neuen Formkultur, die heute wie ein Morgen aus den Brüchen und Rissen zwischen der Natur und Technik steigt“, warum diese „Poesie einer göttlichen Vernunft“ an den entferntesten Rändern des heutigen Sprachgebrauchs angesiedelt ist und wie vorgestern klingen muss. Müsste eine neue Formkultur nicht vielmehr auch eine neue Sprache hervorbringen, eine, die eben auf der Höhe der Zeit ist und daher auch in der Lage, die aktuellen Entwicklungen sprachlich adäquat zu fassen und die Menschen im Hier und Jetzt zu erreichen? Doch der Widerspruch reicht noch tiefer, denn Steinmann, einer der wenigen, die heute noch Manifeste schreiben, hat 2023 Das Omnibus Omnia Manifest publiziert, in dem der „Omnismus“, als dessen philosophisches Sprachrohr Steinmann sich versteht, als „Ausdruck einer holistischen Haltung zur conditio humana“ begründet wird. Doch wenn die Absicht ist, „von allem her – auf jeden hin“ und „für alle hin – und jedem aus“ zu denken und schreiben, dann stellt sich die Frage, welche Leser*innen diese ständig in die Unverständlichkeit eines philosophisch-theologischen Jargons abdriftende altertümliche Sprache mit ihren griechischen und lateinischen Einsprengseln und dem Normalbürger fremden geistesgeschichtlichen Anspielungen erreichen soll? Der Gedanke liegt nahe, dass es doch nur um eine kleine Elite geht, die der Offenbarung teilhaftig werden soll.
Doch sehen wir uns nach diesen grundlegenden Überlegungen zu den Aporien der Poetik des Buchs noch an, wie die Kritik des technozentrischen Weltbilds bei Steinmann nun konkret in Szene gesetzt wird, etwa in „Das Opus. Gabenrein. – Zwischen Kanton Bern und Kanton Wallis“:
Was willst du, Menschenkind,
wenn die Techne dich zerfrisst?
Was willst du, Menschensohn,
wenn dich der Algen Rhythmus
aus deinem Leben wischt?
Was willst du, Menschentochter,
wenn sich das Kybernische Organ
mit deinem Leibe mischt?
Es stellt sich die Frage, ob mit dieser Art der poetisch überhöhten Kritik irgendetwas an Erkenntnis gewonnen wird. Wer dick aufträgt, läuft Gefahr, seine Glaubwürdigkeit zu verlieren. Überhaupt neigt die aufgedrehte Sprache dazu, sich unfreiwillig selbst zu parodieren, wie am Beginn des soeben zitierten Gedichts, der die Schöpfung, hier auch lateinisch „Opus“ genannt, so charakterisiert:
Gott entwarf sie Seinen Händen, Wundmaltränen nachgereicht, Gott entnahm sie Seinen Lenden, sprenkelpanoramareich (…)
Was immer „sprenkelpanoramreich“ auch bedeuten mag, nach den „nachgereichten Wundmaltränen“ und der Entnahme aus Gottes „Lenden“ ist Heiterkeit eine allzu natürliche Reaktion, die den Intentionen des Autors allerdings zuwiderlaufen dürfte. Höhepunkt dieser Tendenz ist aber der sprachliche Furor, mit dem das Gedicht „Psychomarmor. Ein Lamento“ einsetzt:
Derweil Hallers Hand botanisierte, blieb sie dem Leben unbescholten. Um ein Haar drei Saecularen später aber, mordet das Feuerpferd mein Alpenohr, schlachtet der Industrus meinen Augenflor, metzelt der Hedos meinen Psychomarmor.
Wohl dem, der „Saecularen“ (Jahrhunderte), „Feuerpferd“ (Eisenbahn), „Industrus“ (die (Freizeit-)Industrie), „Augenflor „(getrübter Blick), „Hedos“ (Vergnügungssucht) und „Psychomarmor“ (Gehirn) zu deuten weiß, und wohl der, die sich fragt, wie man einen „trüben Blick“ schlachten kann. Die einzige Erkenntnis, die eine/r aus diesen Zeilen mitnehmen kann, ist, dass es eine unüberbrückbare Diskrepanz zwischen Intention und eingesetzten Mitteln gibt. Dazu bedient sich Steinmann in seiner Zivilisationskritik weniger der Analyse oder der entlarvenden Beobachtung, sondern neben Heidegger’schen Einsprengseln wie dem schon zitierten „Gestell“ vor allem der Diskreditierung wie in „Durst und Feuer. Verkettet“ aus dem Valley-Teil, das am „Blockchain Center SF“ topologisch und inhaltlich verortet ist und
(…) in dessen dezentralen Netzen niemals jemand schuldlos ruht, wie die geile Tochter Techne in den Händen ihrer User (…)
Notwendige Aufklärung der Technikgläubigkeit
Dabei gäbe es im Buch auch Ansätze, die ausbaufähig gewesen wären, vor allem wenn der Autor zum Mittel der direkten Gegenüberstellung greift, die sich im folgenden Beispiel schon im Titel „Kurzweil vs. Haller. (K)ein Duell“ ausdrückt:
(…) (Ray Kurzweil) „Der Tod? Eine große Tragödie, ein schwerer Verlust, ich akzeptiere ihn nicht.“ (Albrecht von Haller) „Der Tod hat keine Macht, den Christen zu entfärben, Sein Richter ist versöhnt, und er gewinnt im Sterben.“ „Ich mache 30 lineare Schritte und lange an bei 30. Ich mache 30 exponentielle Schritte und lange an bei 1 Billion.“ „O glaubts, kein Stern macht froh, kein Schmuck von Perlen reich! Die mäßige Natur allein kann glücklich machen.“
Wenn auch die Auswahl der Zitate subjektiv ist, das Vorgehen selbst ist erhellend, weil es die unterschiedlichen Geisteshaltungen auf den Punkt bringt. Die Technikgläubigkeit unserer Zeit, da hat Steinmann vollkommen Recht, benötigt dringend der Aufklärung und einer gesamtgesellschaftlichen Diskussion und Korrektur. Von hier aus hätte ein ganz anderes Buch seinen Ausgang nehmen können, eines, das die Widersprüche unserer Zeit originell zur Sprache bringt, statt ihnen den Sack einer antiquierten, elitär überhöhten und mit poetischen Heilsphantasien durchsetzten Sprache überzustülpen, zumal der Autor nicht nur seinen Haller, Nietzsche oder Heidegger in- und auswendig kennt, sondern auch seinen Lorca, Pound oder Jandl gelesen hat. Ein Buch auch, das im Umfeld der eingangs erwähnten Autor*innen des Wieser Verlags besser aufgehoben gewesen wäre als das nun vorliegende.
Jan Juhani Steinmann: Das Vorfaltenlicht. Die Alpen und das Valley. Wieser, Klagenfurt, 2025. 120 Seiten, Euro 21,–

