Leopold Federmair
Gedicht von Tamiki Hara (1946) Laß neues Grün gedeihen an den Flüssen von Hiroshima Im Gedenken an Tod und Feuersbrunst laß gute Gebete sich erfüllen Ewiges Grün soll herrschen Unauslöschliches Grün Im Delta von Hiroshima laß neues Grün gedeihen
Kontrafaktur Was soll ich dir zwischen die Zeilen zwitschern, ewiges Gedicht vom 6. August 1945? Die Bäume grünen, ganz wie du es wünschst, die Blüten, ja, die sind verflogen, und zweifellos wird eines fernen Tages alles braun, gelb oder grau. Das Wasser des Flusses oder Meeres hat sich verzogen und duftenden Schlamm hinterlassen. Mein Herz – willst du das wissen? – liegt am Grund der Pfütze und pumpt noch. Der alte Pont neuf wird jetzt erneuert, Arbeiterhelme blinken auf den Gerüsten. Die Stadt ist mal so, mal so. So la la. Dein Autor hat sich längst verzogen, heimgedreht, wie man in anderen Breiten sagt. Nur du bleibst ewig starr, du Steingedicht, während die Trauerweide nach den Wellen lechzt.
Kontrafaktur ist ein unveröffentlichtes Gedicht von Leopold Federmair, nach dem japanischen Gedicht von Tamiki Hara.
Lesen Sie dazu auch den Essay von Leopold Federmair über Die Weltfriedenskirche von Hiroshima, der die Hintergründe der beiden Gedichte beleuchtet.

Zuletzt erschien von Leopold Federmair: Ein Schrein auf dem Kaufhausdach, Shinto Gedichte, Edition Tandem, 140 Seiten, Euro 22,-
Cover © Edition Tandem

