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Bilder vieler Ausstellungen

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Rhea Krčmářová liest Astrid Nischkauers ohne Titel


Liest man die Lebensbeschreibungen von Poetinnen und Poeten, findet man Anstellungen bei örtlichen Bibliotheken und in Schlachthöfen, als Yogalehrerin oder als Bierfahrer. Dichterinnen und Dichter leben selten von Lyrik alleine (und ja, das gilt auch für andere Schreibende, aber bei Lyrik ist es besonders herausfordernd, den Lebensunterhalt nur mit dem Schreiben zu bestreiten).

Cover © parasitenpresse

Die Wiener Autorin, Herausgeberin, Kulturvermittlerin und Übersetzerin Astrid Nischkauer arbeitete einige Jahre als Teilzeit-Aufsicht bei den Bundes- und in anderen Museen, was zu einer ausführlichen lyrischen Auseinandersetzung führte, nicht nur mit den Werken, sondern auch mit der Arbeit im Museum. Inspiriert von den „heiligen Hallen“ von Albertina, KHM, Möbelmuseum und Co. schrieb sie Museumsgedichte, deren dritter Band ohne Titel (nach Satyr mit Thunfisch und du Wundergecko, 2018 und 2021) vor kurzem im Verlag Parasitenpresse erschien.

Nun ist Literatur, die sich mit bildender Kunst auseinandersetzt, nicht gerade rar, Nischkauers Gedichte besetzen aber eine interessante Zwischenposition, indem sie die Bildbetrachtung nicht nur aus Sicht der Besuchenden thematisieren, sondern auch aus der der Wächterin, die die Gelegenheit hat, die ausgestellten Objekte wieder und wieder anzuschauen, zu unterschiedlichen Zeiten und Bedingungen. Welche Beziehungen entstehen zwischen einer Betrachterin und einem Kunstwerk, wenn sie die Möglichkeit hat, es derart intim kennen zu lernen? Welche Details übersieht man bei einer flüchtigen Erstbetrachtung?

nun da ich den
zierlichen Tierkopf
entdeckt habe
frage ich mich
warum ich das schöne Tier
erst jetzt bemerkt habe
warum es sich mir
erst heute zeigte
nachdem ich dieses Bild
doch schon so lange
und gut zu kennen meinte

Interessanterweise eröffnet der Gedichtband nicht mit einem konkreten Werk, sondern beschreibt eine Leerstelle – anhand der Schattierung des Stoffs in einer leeren Vitrine in der Hofjagd- und Rüstkammer bemerkt man den Umriss einer „zähnefletschenden“ Löwensturmhaube, die an eine Sonderausstellung verliehen wurde.

Musen und Museen

Manche Gedichte gleichen eher in eleganter Sprache gehaltenen Bildbeschreibungen, verzichten auf ein lyrisches Ich. Andere gehen auf das Verhältnis zwischen einem Ich und dem Kunstwerk bzw. dem kunsthandwerklichen Objekt ein, darauf, dass spiegelnde Flächen in einem Bild, Silberbesteck oder einem Kabinett die Betrachtenden gewollt oder ungewollt zu einem Teil des Werks werden lassen.

beuge mich über
die Vitrinen
mit Bestecken
Gabel Schöpfer
Salatbesteck
Löffel und Göffel
spiegeln mich alle
kopfüber wieder
einzig die Messer
zeigen mich so
wie ich bin
MM, Schöner Essen

In einem anderen, kurzen Gedicht – auch im MM, also im Möbelmuseum angesiedelt – schreibt Nischkauer darüber, dass das eigene Spiegelbild bei der Betrachtung der Psyche nur ablenke, bietet das Ausklammern des Selbst als Zugang zum Beobachten an.

Bilder und Räume

Viele Gedichte sind eher kurz, keines länger als eine dreiviertel Seite. Sprachlich sind die Gedichte fast schon prosahaft, unverschnörkselt, als wolle Nischkauer den eigentlichen Werken den Platz überlassen. Manchmal erlaubt sich die Autorin aber auch poetischere Beschreibungen:

Netze aus Lichtfäden
ausgeworfen um leuchtende
Blütenköpfe und -blätter
beim Aufblühen Blühen
und Verblühen einzufangen
WM, Wie-yi T. Lauw, Dunkle Paarung

Während der Großteil der Texte dem stillen Ernst der altehrwürdigen Häuser Rechung trägt, finden sich auch humorvolle Beobachtungen, z.B. über Objekte im Möbelmuseum:

verkehrte Welt
Schnitzler
und Stendhal
sind hier
Armlehnstühle 

In einem anderen Text schreibt sie über die Renovierung der Kultkammer des altägyptischen Beamten Kaninisut im KHM, davon, dass das lyrische Ich am liebsten in altägyptische Flipflops schlüpfen und an Granatäpfeln knabbern möchte.

See Also

Die Autorin taucht nicht nur in Dauer- und Sonderausstellungen ein, sie macht auch die Räume selbst zum Gegenstand der Gedichte. So wie ein Museum oft eine Mischung verschiedener Bilder und Stile und Objekte versammelt, finden sich in Nichskauers Band nicht nur Bildbeschreibungen, sondern auch atmosphärische Raumtexte und gemischte Beobachtungen. Ihre Gedichte erheben keinen Anspruch auf kunsttheoretische Vollständigkeit, sind Momentaufnahmen, Stimmungsbilder, stellen das Museum als den Mikrokosmos dar, der es ist. Das lyrische Ich beobachtet – als Besucherin, aber auch als Mitarbeiterin – auch die Zusehenden. In einem Gedicht wird ein Herr in einem gelbschwarzen Wespenpulli beschrieben, der an Thomas Kling (1957–2005) denken lässt – die Verbindung zwischen dem instektoiden Besucher und dem früh verstorbenen deutschen Dichter wird nicht näher erläutert, vielleicht assoziiert das Ich das auffällige Kleidungsstück mit dem Cover von Klings gesammelten Gedichten, vielleicht braucht es auch keine genaue Erklärung.

In einem anderen Gedicht nutzen Kinder das Licht eines Beamers zu einem Schattentheater, lassen mit ihren Fingern die Umrisse von Tieren entstehen. Einmal kämpft das Ich in seiner Rolle als Aufsicht mit einer Gruppe durch die Räume tobender Jung-Besucher. Dass die Arbeit auch ruhigere, besucherärmere Zeiten beinhaltet, impliziert ein Kurzgedicht aus der Hofjagd- und Rüstkammer, in dem sich der spiegelnde Parkettboden vor den Augen der Autorin in ein stilles Gewässer verwandelt, ungetrübt von darüber stapfenden Gastfüßen. Diese kleinen Beobachtungen scheinen in der Zeit eingefrorene Augenblicke darzustellen, genauso wie nicht abstrakte Gemälde in Pigmenten eingefangene Momentaufnahmen sind.

Museum und die Geschichte

Nicht alle von Nischkauers Gedichten sind in der zeitlosen Sphäre der Meister des KHM angesiedelt, auch das Weltgeschehen außerhalb der Museensverbände wird nicht ausgeklammert, so etwa der russische Angriffskrieg auf die Ukraine (in einem Gedicht wird über leere Museumswände in Kiew gesprochen) oder die von Shirin Neshat thematisierte Unterdrückung der iranischen Frauen. Arisierung und zweifelhafte Objektherkunft werden genauso zur Sprache gebracht wie die viel beweinte Schließung des Wiener Kunstforums im Vorjahr.

Unter den Gedichten steht die Inspirationsquelle samt Maler und Ort – z.B. „KHM-GG, Jupiter und Io, Correggio“ – oder, wenn der Text allgemeiner gehalten wurde, nur der Ort, was gerade Wienerinnen und Wienern, die diese Museen (einigermaßen) gut kennen, die Möglichkeit eines Wiedererkennens gibt. Zur Lektüre empfiehlt es sich jedenfalls, in die Jahreskarte der Bundesmuseen zu investieren und die Gedichte vor Ort im Unteren Belvedere, der Wagenburg oder im Weltmuseum zu lesen.


Astrid Nischkauer: Ohne Titel. Parasitenpresse, Köln, 2026. 82 Seiten, Euro 14,50

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