Klaus Ebner liest Astrid Nischkauers Durch den Farnwald der Worte

Für die Autorin stellt es eine Art Experiment dar: Sie ordnet Gedichte in Haiku-Form in Fünfergruppen an, wodurch die Texte epischer werden und erzählerische Momente zulassen. Manche Gedichte erstrecken sich semantisch sogar auf die nächste Fünfergruppe. Da dieses Konzept durchgehend eingehalten wird, ergibt sich ein einheitlicher Aufbau des Buches.
Cover © Edition Tandem
Durch den Farnwald der Worte enthält neben der Lyrik von Astrid Nischkauer auch bildnerische Arbeiten in Schwarz-Weiß, vermutlich Holzdrucke, von Franziska Neubert.
Astrid Nischkauer wurde 1989 in Wien geboren. Sie studierte Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft. Sie schreibt Lyrik und ist zudem Übersetzerin, Literaturvermittlerin und Herausgeberin. Sie ist für die Theodor Kramer Gesellschaft tätig, wo sie die Zeitschrift Zwischenwelt redaktionell betreut, und für die IG Autorinnen Autoren.
Franziska Neubert, geb. 1977, studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, 2008 bis 2011 hatte sie einen Lehrauftrag in Dresden. Ihre Arbeiten, zum Teil in Büchern erschienen, wurden mehrfach prämiert.
Nischkauer spricht von „Gehdichten“, also inklusive stummem H, wodurch sie einen Bezug auf die Fortbewegung per se, aber auch auf ein gemächliches Dahinschreiten herstellt. Der erste der vier Abschnitte des Buches heißt sogar „sich vorwärtstasten“ und gibt damit einen beschaulichen Anfang und eine gewisse Anleitung zum Lesen vor. Die letzte Strophe des ersten Textes, aus dem auch der Buchtitel stammt, lautet:
Fußspuren folgen durch den Farnwald der Worte sich vorwärtstasten Auch die Eindrücke der Nacht, entweder im Regen auf der Straße oder im eigenen Zimmer, wirken unaufgeregt, bedächtig und wahrnehmend: Lichtspiegelungen im regennassen Asphalt verwandeln die Stadt nachts ist zu hören was sonst im Hintergrund bleibt Tropfen für Tropfen trippelnde Pfoten klagende Litfaßsäule knirschende Schritte
Diese ersten drei Strophen einer Fünfergruppe zeigen sehr schön, wie die Autorin den erzählerischen Inhalt über die einzelnen Haikus mitnimmt. Auch das Gefühl des Dahinschreitens im Sinne der Gehdichte ist für Leser*innen leicht fassbar.
Form und Themen
Die Gedichte tragen keine Titel, die fünf Texte in Haiku-Form erhalten die Funktion von Strophen. Inhaltlich hängen sie zusammen, auch syntaktische Enjambements reichen mitunter von einer Strophe zur nächsten. Satzzeichen kommen kaum vor, was die äußere Gedichtform richtiggehend zu fordern scheint. Astrid Nischkauer hält stets perfekt die 17 Silben ein, die Haikus vorgegeben sind. Da der in der japanischen Lyrik geforderte Jahreszeitenbezug von Haikus zumeist fehlt, würde ich die einzelnen Strophen eher als Senryus bezeichnen, die nämlich vom Aufbau her dem Haiku entsprechen, aber keinen Jahreszeitenbezug erfordern.
Ein Gedicht bezieht sich meines Erachtens direkt auf die Arbeiten der Grafikerin, wenn es nämlich heißt:
der Nebel verschluckt das Panorama von Wien Scherenschnittbäume bilden den Rahmen weißes Rauschen dringt herauf erahnbare Stadt
Die einzelnen Wörter tragen Bedeutung in vielfältiger Hinsicht. So klingt der „Rahmen“ nicht nur nach der ausformulierten Redewendung, sondern auch nach dem Rahmen eines Gemäldes.
Viele Texte evozieren Eindrücke aus der Natur, Beobachtungen und Begegnungen, etwa mit einem Hund oder einem Marathonläufer. Mehrmals fand ich Bezüge zum Krieg in der Ukraine. Zum Beispiel im Folgenden imaginären oder womöglich tatsächlich stattgefundenen Gespräch mit einem Busfahrer:
- Wohin die Reise der drei Frauen denn gehe? fragt mich der Fahrer üblicher Small-Talk - Ukraine sage ich - Flugzeug ist da schwer? - Es fliegen keine - Ah deswegen mit dem Bus Busbahnhof Erdberg Wie lange fährt man? - Dreiundzwanzig Stunden lang - Wohin? – Nach Kyjiw - Eine schöne Stadt! Aber ist der Krieg da schon…? - Nein es ist noch Krieg
Die Tätigkeit als Übersetzerin und Herausgeberin bringt die Autorin offensichtlich auch in Kontakt mit ukrainischen Kolleg*innen. Dass einem der Krieg dann bei der Zusammenarbeit oder in privaten Gesprächen automatisch näher rückt, liegt auf der Hand. Der Gedanke, dass die Ukrainerin, weil sie direkt aus dem Krieg kommt, am besten erst nach Silvester mit ihren krachenden Böllern anreisen soll, verursachte mir beim Lesen einen Kloß im Hals. In diesen Zusammenhang passt auch die folgende Strophe mit ihrer mehrschichtigen Bedeutung:
Übersetzen ist Einüben ins Verstehen Verstehenlernen
Einzelne Gedichtseiten enthalten Widmungen. Der jeweilige Text wurde etwa zu einem bestimmten Bild geschrieben oder zu einem Zitat. Bezüge zu Büchern, die Nischkauer entweder übersetzt oder herausgegeben hat, tauchen mehrfach auf. Auch das lyrische Mammutwerk „Nicht bei Trost“ des Schweizer Autors Franz Dodel wird angesprochen. Wie er lässt sich auch Astrid Nischkauer auf einen vorgegebenen Silbenrhythmus ein, sie vertraut auf das metrische Korsett, das sie ihren Senryu-Fünfereinheiten anlegt. Im Dodel gewidmeten Gedicht stellt sie die rhetorische Frage, ob die Worte eines Dichters das „Narrenschiff“ im „Meer der Sprache“ sind. Ein schönes Bild, das die letzte Strophe einfühlsam abrundet:
denn wir finden Trost in den Worten anderer in den eigenen
Die Ausreizung von Wortfeldern und mehrfachen Bedeutungen zieht sich durch das ganze Buch. Bei der Lektüre kam mir vor, ich müsse genau hinschauen und den Bedeutungen nachspüren, denn die Doppelbödigkeiten drängten sich bei jedem „Schritt“ von alleine auf.
Gehen und Schreiben
Literatur, Schreiben und der Prozess der Textentstehung werden an vielen Stellen angesprochen. Astrid Nischkauer sieht einen Zusammenhang zwischen der Bewegung und dem Schreibprozess; Schreibbewegungen stoßen Gedanken an, körperliche Bewegung bringt Ideen. Und zu allem gehört eine angenehme Ruhe.
in der Bewegung werden die Gedanken ruhig Worte setzen sich stehen wieder auf werden hin und her gerückt finden ihren Platz während ich gehe und dabei im Kopf schreibe bis alles ruhig wird
Begeisterung für die Sprache und für die Literatur, aber immer auch Bescheidenheit und Demut sprechen aus den fünfteiligen Gedichten. So beginnt das letzte Gedicht, in dem die „Kunst des Zuhörens“ und das „Staunen“ sowie die Notwendigkeit, offen zu bleiben, angesprochen werden, mit der folgenden Strophe:
wir stehen immer am Anfang: beim Schreiben wie beim Übersetzen
Der Lyrikband erschien in der Salzburger Edition Tandem. Das fest gebundene Buch ist schmal hochformatig, das stimmungsvolle Coverbild stammt ebenfalls von Franziska Neubert. Nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch gelang hier ein schönes Buch, das zum Mitnehmen und Schmökern einlädt.
Astrid Nischkauer: Durch den Farnwald der Worte. Gehdichte. Edition Tandem, Salzburg-Wien, 2026. 74 Seiten. Euro 20,–

