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Sehen, was wir notwendig nicht sehen

Sehen, was wir notwendig nicht sehen

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Stefan Schmitzer liest Ann Cottens Poller. Idyllen


Der Klappentext erklärt, worum es sich handelt:

„(…) Die als Poller gelesenen Stehtexte stecken in einem Botaniksubstrat, das 2009 angelegt wurde: ein innovatives Verfahren im Textrecycling (…). Poller. Idyllen stellt bukolische Szenen, wie sie Theokrit sammelte, in Medienbildern und Lebenswelten der Gegenwart frei. Details dienen als Zeitstempel und Gelenke zugleich. (…)“

Cover © edition suhrkamp

Das heißt: Etwa das untere Fünftel jeder Seite füllt jener fortlaufende Essay der Autorin von 2009 mit wucherndem, assoziativem Nature Writing, umfassend sowohl die Einfühlung in z.B. keimende Pflanzen als auch die Reflexion solcher Einfühlung. Besondere Berücksichtigung erfährt dabei die Frage, welche Sorte gerichteter organischer Prozesse unter bewusster Handlung zu verbuchen sei und welche andere Sorte als bloßer Stoffwechsel, Wachstum, fast noch Chemie zu gelten habe:

„Bevor wir ueber die Erinnerung und das Gefuehl fuer Identität bei den Pflanzen sprechen, sollten wir ein paar Worte verlieren ueber die qualität dieser Zustände in der Ihnen aus eigener Anschauung ueberpruefbaren Form des menschlichen Bewusstseins. Dieses bietet eine anschauliche Grundlage fuer Ihre versuche, sich in das Bewusstsein der Pflanzen spekulativ einzufuehlen.“

Spekulatives Einfühlen

Der Essay endet in dem schönen, an den Persephone-Mythos gemahnenden Bild, dass die Toten (unter der Erde) mit den Lebenden (am Licht heroben) vermittels der Blüten der sie verstoffwechselnden Pflanzen in einseitiger Kommunikation begriffen seien.

Wenn das alles ein wenig betulich wirkt, einigermaßen komplex, aber nicht ganz neu, so mag das daran liegen, dass der Text aus einer geringfügig anders gearteten, noch jüngeren, frischeren Welt als der unseren datiert (als z.B. Trump noch ein bloßer Trash-TV-Star war und Corona ein Bier) – aber es ist natürlich auch Teil einer Cotten’schen Inszenierung. Denn aus solchem Boden wächst dann, siehe oben, anderes. 

Da wachsen – also: da füllen die oberen vier Seitenfünftel – Gedichte, die wir laut Titel zu lesen haben als Poller, also als Hindernisse, die das vorschnelle Drüberfahren über die ganze Landschaft drunten (bzw. über die reflektierte Einfühlung, von der der untere Text handelt) verhindern: spezifische, spezifisch einsortierte, aber vor allem spezifisch modernisierte Idyllen.

Ich wäre nicht überrascht – so, wie wir Cotten kennen –, wenn sich herausstellte, dass die Kapitel oder gar die einzelnen Poeme mit je speziellen Einträgen ins Werk Theokrits (der als Motto-Geber Pate steht) korrespondieren, aber ich prüfe es nicht nach. Es ist die Denkmöglichkeit, die hier ihre Wirkung entfaltet, nicht die Faktenlage.

Die Gedichte selbst sind in Art und Stoff mannigfaltig. Manche sind tatsächlich noch als Wiedergabe irgendwie bukolischer Settings erkennbar, aber daneben wachsen auch die Reise- und Reisedichter*innen-Szenen, wächst Liebe und/oder Erotik, wachsen die Widmungen an XY, auch die Dinggedichte; es wächst ein überaus kurzweilig kluges Baustellen-Epyll namens „Kleinholz Preisschlachten“, und nicht zuletzt gibt es gleich mehrere Gedichte darüber, dass dem lyrischen Ich Wien auf den Wecker geht:

Berlin, zieh mich raus, nimm meine Hand.
Ich versinke in Wien, ich vergesse, wo ich bin.
(…)
Die beiden Wienzeilen schnüren mir die Kehle zu wie zwei Wäscheleinen,
an denen die Kluppen jede einzeln wehtun:
				das Schmauswaberl, die Gräfin,
das Celeste, das Einhorn, der Rüdigerhof, der Flur
und das nekrotische Café Drechsler machen mich einfach fertig,
totrenoviert, aber immer noch da wie eine kaputte Leber.
Tot, aber immer noch da, das ist nicht gesund.

Wien ist überhaupt nekrotisch,
so anaerob, du merkst es nicht einmal.
Organe aus Milchglas mit Firmenaufschriften
(…)

Idyll und Ideologie

(Tell us how you really feel, Ann!) Die im Untertitel angelegte Behauptung, dass genau diese Gedichte, und sie alle, noch immer Idyllen seien, also per Definition beschauliche Orte behandelten, ist erkennbar eine vom Material ganz abgekoppelte Setzung: eine poetische Operation, die uns nahelegt, uns mit dem Kontext gegen den Augenschein zu verschwören und auch diesdas und jenes noch idyllisch zu lesen. 

See Also

Damit erfordert der Lesefluss von uns, auch so neutrale bis unerfreuliche Sachverhalte wie, u.v.a., Institutshochhäuser, den Bundeskanzler, „den Mateschitz“, Autounfälle oder prekäre Beschäftigungsformen in die Sphäre des Idylls einzugemeinden – und wir spüren das Zerstörungswerk der Ideologie am eigenen Blick auf die Dinge, genau, insoweit er sich dem Idyll öffnet.

Es ist eine frühe Endnote, die das Programm unumwunden darlegt (dass übrigens die Endnoten des Bandes, überschrieben als „Infos“, vorne im Textfluss unmarkiert sind – und man also nur von ihnen her auf den Haupttext schauen kann, nicht aber vom Haupttext her gezielt zu den einzelnen Endnoten gelangt, ist auch so eine subtile, die Lektüre entzaubernde Setzung):

(…) gedenkt der vielen Mittelmeertoten sowie der von der menschenfeindlich selektiven europäischen Einwanderungsbehinderungspolitik kaputtgemachten Leben. (…) Diese Obszönität stellt sich hier in der Idylle dar.

… wozu es nicht mehr viel zu erklären gibt. Poller ist mit ca. 150 Seiten eine recht umfangreiche Gedichtsammlung, und Ann Cotten kann schreiben, d.h. die einzelnen Texte funktionieren je für sich nach ihren verschiedenen formalen Vorgaben und können uns dabei mehr oder weniger (ästhetisch) gefallen bzw. (emotional) affizieren, je nach unseren individuellen Vorlieben. Der Kontext des Bandes jedoch ordnet sie alle so vor einem (sozialen) Hinter- und einem (theoretischen) Untergrund an, dass wir unser Ignorieren dieser beiden Tiefendimensionen beim Lesen der Einzeltexte notwendig mit-erleben müssen.

Noch einmal: Wir, da wir lesen, spüren aktiv, dass wir etwas anderes nicht spüren. Poller. Idyllen setzt uns in den Stand, zu sehen, was wir notwendig nicht sehen. Das geht eigentlich nicht, ist aber so: Kunst.  


Ann Cotten: Poller. Idyllen. Sonderdruck edition suhrkamp, Berlin, 2026. 153 Seiten, Euro 18,50 · 

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