Reinhard Lechner liest Stefan Schmitzers space waste

Stefan Schmitzers Langpoem space waste wird betitelt von dem Phänomen, dass eine gigantische Menge Gegenstände ohne Gebrauchswert im (Welt-)Raum über uns schwebt. Der Titel könnte aber ebenso als Persiflage gelesen werden, als Kritik am zeitgenössischen Gedicht.
Cover © Ritter Literatur
Ist der literarischen Gattung mit dem Mut zur Lücke ihre subversive Kraft abhandengekommen? Ist sie bloß noch selbstgefälliger literarischer Platzhalter, weil jedes Gedicht bereits geschrieben ist? Zudem sind da die aktuellen Schreibpraxen mittels KI-Generatoren, die längst auch Gedichte in hohlem Hochglanz reproduzieren. Auch der Dichter gibt einer KI Anweisungen, sogenannte Prompts, die als direkte Rede unter Anführungszeichen stehen und sich durch den gesamten Text ziehen:
„du sollst mir als bild entwerfen was passiert wenn es jedes BILD wirklich immer schon gibt das sich sagen lässt“
Das demonstrative Sichherumärgern mit der KI namens dreamup AI – um ihre poetischen Limitationen zu demonstrieren – ist nur ein Strang in dem mit aktuellen bis altertümlichen Themen und Sprechformen angereicherten, ja überbordenden Langgedicht.
Die Poesie im Spiegelkabinett
Worum geht es in space waste? Diese Frage ist nicht einfach oder, genauer gesagt, gar nicht abschließend zu beantworten. Absurdität, postmoderne Polyphonie als Konzept: Das macht mitunter das Lustvolle an diesem Text aus. Der Autor schreibt in seinem Vorwort, dass es in dem Band um „das Geräusch geht, das ein Mistsackl macht, da es von der Schaufel eines Baggers fällt“. Und widerspricht explizit der „Annahme, es gäbe in der Welt eine geheime Ordnung, eine tiefere Wirklichkeit, einen den Sachen selbst innewohnenden Grund zur Hoffnung; wohingegen sich tatsächlich bloß hoffen lässt, dass wir lesbar verschriftlicht bekommen, was sich verschriftlichen lässt, und ebenso lesbar verschriftlicht, dass sich etwas nicht verschriftlichen lässt, wenn es sich nicht verschriftlichen lässt – wie zum Beispiel das Geräusch, das ein Mistsackl macht, das von der Schaufel eines Baggers fällt.“
Dieser Alogismus fasst es treffend zusammen: space waste reflektiert und kritisiert aktuelle gesellschaftliche Fragen (betreffend ökosoziale Brandherde, den Sinn des Lebens oder den Wert der Kunst) – charmant als „Mistsackl“metaphorisiert. Zugleich liefert space waste eine Kritik des zeitgenössischen Gedichts, seiner epistemischen Abbildungskapazitäten.
Ein paar Seiten weiter unternimmt der Autor abermals den Versuch, das „Projekt“ zu erklären:
das hier gegenständliche projekt trägt den namen „space waste“ also trägt auch der gegenständliche film den namen „space waste“ er beschäftigte im jahr 2023 die ritualspezialisten don hai phu daedalus david daniel und stefan schmitzer
Man kann sich fragen, wozu es die Erklärungsversuche braucht. Ist Interpretation nicht die Aufgabe der Leser*innen? Die Ironie in solchen besserwisserischen Textpassagen ist nicht zu überlesen – Schmitzer kritisiert eine mitunter künstlich bedeutungsschwangere Intellektualität von Lyrik:
und so bieget der so viel bedeutung transportierende MÜLLWAGEN um die so vieles bedeutende ecke
Die Frage nach dem Mistsacklgeräusch ist auch eine rhetorische. space waste kann in seiner komischen Überzeichnung auch als Witz gelesen werden. Mit einer Überfrachtung an Themen und Sprechformen erzeugt der Dichter bewusst Chaos und Pointe. Das gelingt ihm außerdem mit einer einschlägigen Wortwahl. Diese klingt derb, um zu de-poetisieren („schlatzig“, „kladatscht“), oder sie nimmt etwa mittelhochdeutsche Anklänge, um in Referenzen wiederum zu über-poetisieren („bildtafelen“, „golden schawerte“).
Dennoch ist es dem Text ernst: als Kritik an einer Gegenwart der komplexen politischen und literarischen Verhältnisse. Es tauchen Themen auf wie der menschliche Körper als technische Leistungmaschine – mit Anspielung an Fritz Kahns (1888–1968) Motiv „Der Mensch als Industriepalast“ –, das Dichten mit KI oder Kritik an L’art-pour-l’art-Schreibpraxen:
zweimal fand ich mich MUSE in diskussionen wieder wo es um widerstreitende ideen davon ging was schöne literatur oder kunst leisten kann oder soll
Langgedicht der sozialen Verhältnisse
Den Text zu lesen – und damit zu interpretieren – ist eine Herausforderung. Für seine beste Entfaltung (die wesentlich auch eine lautliche ist) trägt man ihn vielleicht in einer Gruppe vor, diskutiert ihn. So kommen die freien Rhythmen und die Fragmente am besten zum Zug.
Man bekommt in space waste keine Gedichte im Sinne verdichteter Textgebilde mit gefälligen Metaphern. Es wird nicht der private, intime Raum beschworen, keine romantischen Sprachbilder, die menschliche Innenwelten ausleuchten würden. Schmitzers Lyrik und Ästhetik zielten nie auf Schöngeisterei oder Innerlichkeit ab:
und der engel im liede bedeutet dieses und jenes falsch
Strukturiert wird space waste von drei sogenannten Appendizes („ÜBER DIE FLIEGENZUCHT“, „ÜBER DIE TOPOLOGIE VON KANÄLEN“, „ÜBER POETEN AUF IHREN PLANETEN“), des Weiteren von 30 Kapiteln sowie von mehreren Abbildungen und Fußnoten.
Der Autor verfolgt auch in dem aktuellen Band konsequent sein literarisches Programm: die Reflexion der gesellschaftlichen Inanspruchnahme des Gedichts sowie Schmitzers dieser entgegengesetzten eigenen Poetologie. Dafür ist das Langgedicht eine bevorzugte Form des Autors. Das Langgedicht ist, gemäß Walter Höllerer, seiner Form nach politisch, eine Gegenbewegung zur gesellschaftlichen Einengung, nicht jedes Wort will beladen sein, literarische und alltägliche Ausdrücke finden darin zusammen.[1]
Dieses Vorhaben beginnt Schmitzer 2007 in seinem Debüt Moonlight on Clichy (Droschl, 2007), setzte sie in scheiß sozialer frieden (Droschl, 2011) fort, und zuletzt hat er loop garou – invokationen (Ritter, 2024) vorgelegt. Schmitzer bricht in seinem Werk bzw. in seiner Ästhetik mit der Lyrik als schöngeistiger Gattung. Es wird das Schreiben bzw. Lesen von Poesie als intime Herzensangelegenheit bedrängt, als sprachlicher Ort elitär intellektuellen Denkens und Empfindens:
eine endlich eine kunst die nichts BEDEUTEN muss schatzi (i made myself vulnerable here you are supposed to reward me)
Dafür bringt die Lektüre seiner Bücher gesellschaftlich relevante und poetische Erkenntnis. In sein Schreiben fließen Zeitprobleme und politische Theorie ein, außerdem ist seine Lyrik von einem unterschwelligen Schmäh durchzogen, nach dem Motto: Wenn wir schon untergehen, nehmen wir’s mit (ein wenig) Humor.
Die Ironie und das Absurde
Es lohnt sich, die Anmerkungen zu lesen, die der Autor am Buchende über zitierte Textquellen macht. Darunter finden sich solche zu seinen Prompts in der KI dreamup AI oder die Erklärung, was es mit dem „GOLDENEN SCHWERT“ auf sich hat. Auch die Bildnachweise zu den Abbildungen im Band geben weitere inhaltliche Aufschlüsse zu space waste, etwa zu dem bereits erwähnten „Der Mensch als Industriepalast“ von Fritz Kahn. Die Abbildungen sind als Negativabzüge gehalten, zum Teil sind sie dem gleichnamigen Film entnommen und mit den Zitaten aus diesem versehen.
Stefan Schmitzer hat eine Affinität zum Absurden. Ironie gehört zu seinen bevorzugten Stilmitteln, auch bei den Eingabeaufforderungen, den Prompts des Autors in die KI:
„google gell machst mir so ein bild bitte“
Besonders gewitzt: An späterer Stelle baut der Dichter manchen Prompt leicht abgewandelt dann als Vers ein:
mache mir MUSE ein einfach verständliches gedicht davon wie das versteh•n von gedichten unmöglich ist da bezeichnet• ein zeichen kein zeichen
space waste handelt von gesellschaftlichen Umbrüchen und kommentiert diese. Über den titelgebenden Weltraummüll hingegen erfährt man de facto nichts oder nur wenig, gemessen am Seitenumfang des Buches. Am Ende des Textes ist allerdings klar: space waste, das ist mehr als nur ein Müllproblem bzw. etwas anderes – ein Possenspiel zum Zustand der Lyrik und der Gesellschaft. Die anarchisch anmutende Verwendung von Groß- und Kleinschreibung lässt sich ebenfalls als ein Kommentar zur Unmöglichkeit und auch zum Unwillen des Autors lesen, Ordnung in das Chaos der Welt zu bringen. Einzig beim Layout mit einer durchgehenden Zentrierung aller Verszeilen schafft der Autor ein gewisses System. Und vor allem wohltuend viel Platz auf den Seiten. Fast so wie im Weltraum, möchte man hinzufügen …
Stefan Schmitzer: space waste. poem betreffend das geräusch von einem mistsackl, das von der bagger-schaufel fällt, nebst appendices. Ritter Verlag, Klagenfurt, Graz & Wien, 2026. 112 Seiten, Euro 17,–

