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Biografie mit Krakenherzen

Biografie mit Krakenherzen

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Stefan Schmitzer liest Valerie Melichars Meersage. Gedichte


Der Band beginnt mit einer Substitution:

„Männer sind flussabwärts wandernde Wanderfische. 
Sie werden bis zu zwei Meter lang.“

… und so geht das fünf Strophen im freien Vers, bis wir aufgeklärt werden:

„Aale. Ich meine natürlich Aale.“

Cover © fabrik transit

Geräuchert oder eingelegt

Das Bild von diesen „Männern“, die dann frisch, geräuchert oder eingelegt in Dosen verkauft werden, bleibt hängen. Es ist im Einleitungskapitel dasjenige, welches das Programm von Valerie Melichars Meersage am lustigsten auf den Begriff bringt. Es geht um eine weibliche und auf Männer(körper) bezogene Liebesbiografie, sowohl nach der Seite des Erlebens und Empfindens hin entfaltet, als auch auf die systemischen Faktoren im Patriarchat hin – die geschrieben zu werden verspricht unter Aufbietung des Metaphern- und Emblemvorrats der Meere nebst Flüssen und anderen Gewässertypen: Wunderfischen, Schlundknochen, Netzen … 

Nicht jedes der Gedichte, die auf diese Einleitung folgen, beinhaltet dann auch Tintenfische, Flussbiegungen, Muscheln etc. – aber die meisten von ihnen. Das bringt mit sich, dass wir das unterseeische und chthonische Leben auch dort als Referenzgröße mitdenken, wo es sich, passenderweise, unter der Oberfläche der Texte versteckt hält.

Aber der Reihe nach: In dem Kapitel „Honig und Vergessen“ sind noch wirklich alle biografischen Skizzen und die mehr oder weniger menschlich-alltäglichen Momentaufnahmen an zumindest je an zumindest je ein Element im Text zurückgebunden, das für Feuchtigkeit, Nässe, Tiefe o.Ä. einsteht. Stünde davor nicht die oben geschilderte Einleitung, es fiele kaum auf, aber so ist das Muster zwingend. 

Just das Kapitel „Aale Männer“ entfernt sich anscheinend am weitesten vom Wasser, fokussiert am unumwundensten das Biografische, Historien, Lieben … Der dritte Abschnitt, bloß mit „Z“ überschrieben, ist eine in knappste Zeilen gefasste Verserzählung über eine Fehlgeburt, und natürlich wirkt in ihr die von vornherein angelegte Assoziation von Meer- und Fruchtwasser:

„wie grüßt man
ein fremdartiges Meerestierchen
wenn ich einen Sonnenblumenkern esse
esse ich keine Sonnenblume“

Zwei Zyklen und zwei Verserzählungen

Das letzte Hauptkapitel, „Kraken“, ist wiederum eine Verserzählung. Verglichen mit „Z“ist sie surreal und handelt von der Unvereinbarkeit, die darin besteht, dass Liebe zugleich mit Begehren und mit lebenspraktischer Verantwortung für z.B. Kinder zu tun hat. Die tritonischen Embleme sind sind hier die Herzen, zunächst die der titelgebenden Krake:

„nur weil ich drei Herzen habe
bin ich 330 Millionen Jahre alt“

Und dann gibt es auch noch den Walfisch, der selbst allerdings ungenannt bleibt, bloß implizit aufgerufen wird:

„ich weiß nur was ich will wenn es wehtut
dein Herz wiegt tausend Kilogramm“

In diesem Abschnitt finden wir auch die erfindungsreichsten sprachlichen Wendungen des Bandes, Kippfiguren, die Effekte des Unterschieds von Leiselesen und Lautlesen ausstellen und für die Story fruchtbar machen: „anderswo im Multiversum / ist modern ein Verb“ oder „Montage als Plural“ und „flashig fleischig“.

See Also

Und man ginge fehl, da zu ätzen, die Autorin kalauere eben, na und? Im Gegenteil scheint mir das Kraken-Kapitel besonders gelungen, insofern es die Form- und Traditionsbewusstheit der vorangehenden Kapitel hält und dabei deutlich macht, dass die Sprecherin (wie der Wiener sagt), sich nix scheißt

Das vergrößert die Fallhöhe der Registerwechsel, mit denen das lyrische Ich den Unterschied zwischen einerseits gefühltem Innenleben und andererseits der Reflexion zugänglichem, sozialem Dasein markiert, und macht „Kraken“paradoxerweise genau in dem Ausmaß größer, tiefer (wie die See tief ist), in dem der Text insistenter das Alltägliche bedient.

Das Nachwort besteht dann noch aus drei in Figurenrede gehaltenen, ganz trockenen Gedichten (trocken im Sinn lakonischer Sprache, aber auch in dem Sinne, dass das sonst in Meersage prävalente Feuchte, Tiefseeische hier verbannt scheint. Wir sind, mit anderen Worten, zuletzt ganz an der Oberfläche angekommen). Sie stecken ungefähr ab, wie dann einmal die Welt geartet sein werde, die z. B. das lyrische Ich vermittels der im restlichen Band geschilderten familiären Reproduktionszusammenhänge an ihre Kinder weitergibt: droben im Himmel die hegemonialen Satelliten, herunten der Alltag in den Familien – und drüben, just out of reach, das diesseitige Glücksversprechen, wie folgt benamst: „Wieviel müssen wir sparen, bevor wir nach Griechenland ziehen?“

Insgesamt: Meersage umfasst vier plausible poetische Entwürfe, die auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden von diesem einen, klar begrenzten Metaphernregister, das damit benannt ist, dass es sich bei dem Ganzen eben um eine Meersage handelt. Wenn dem Rezensenten von den vieren die zwei Verserzählungen besser gefallen, dann ist das nur persönlicher Geschmack; stringent, von einem kritischen Grundimpuls getragen und vor allem unterhaltsam sind sie alle.


Valerie Melichar: Meersage. Gedichte. edition fabrik.transit, Wien,  2025. 100 Seiten. Euro 15,–

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