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wir sind kinder und frei

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Udo Kawasser liest Tobias Thomas Marchs Polymorpha


Als ein Plädoyer für die Vielgestaltigkeit des Lebens ohne Berührungsängste könnte man den Debütband des 2000 in Bregenz geborenen Tobias Thomas March lesen, der diese Botschaft konsequenterweise schon im Titel zum Ausdruck bringt: Polymorpha ist ein bemerkenswerter Erstling des Biologen und Schreibpädagogen, der damit die lange Tradition der Bestiarien aufgreift und dabei mit überraschender Sicherheit ganz eigene Wege geht.

Cover © fabrik transit

Die Tradition der Bestiarien

Obwohl die Wurzeln bis zur frühchristlichen Naturlehre des Physiologus aus dem 2. Jahrhundert zurückgehen, der im 12. und 13. Jahrhundert von französischen Klerikern wieder populär gemacht wurde, sind Bestiarien (von lat. bestiarius, die Tiere betreffend) ursprünglich mittelalterliche Tierdichtungen, die auf moralisierende Art die tatsächlichen oder auch nur angenommenen Eigenschaften von Tieren allegorisch mit der christlichen Heilslehre verbanden. Bekannt ist etwa der Pelikan, der, so die Lehre, wie Jesus seine Brust mit dem Schnabel aufreiße, um mit seinem eigenen Blut die Jungen zu füttern. Doch gehörten zu den Bestiarien nicht nur die Beschreibung und Deutung realer Tiere, sondern auch Fabelwesen wie Drachen, Einhörner, Greife oder Basilisken. Zu den auch optisch herausragenden Exemplaren zählen die bebilderten Bestiarien von Oxford und von Aberdeen vom Ende des 12. Jahrhunderts. 

Sieben Jahrhunderte später nimmt Apollinaire diese Tradition in seinem 1911 entstandenen Bestiarium oder das Gefolge des Orpheus wieder auf, wie Karl Krolow den französischen Titel in der deutschen Ausgabe von 1959 übersetzte, und lässt die gereimten Vier- und Fünfzeiler von Raoul Duffy mit Holzschnitten illustrieren, nachdem ein ursprüngliches Projekt mit Picasso nicht zustande kam. Inhaltlich stärker an die kontemplativ-christliche Tradition knüpft Paul Claudel mit seinem 1984 zweisprachig in der Schweiz erschienenen Le bestiaire spirituel. Das geistliche Tierbuch an, während Jorge Luis Borges’ Interesse in El libro de los seres imaginarios, was wörtlich „Das Buch der imaginären Wesen“ bedeutet, erwartbar der phantastischen Linie der Tradition gilt. Auf Deutsch erschien es 1993 allerdings unter dem griffigeren Titel Einhorn, Sphinx und Salamander. Borges geht darin von Plinius bis Poe den Fabelwesen nach, die der menschlichen Vorstellungskraft entsprungenen sind. Im deutschsprachigen Bereich hat Mikael Vogel 2018 einen bemerkenswerten poetischen Abgesang auf die ausgestorbenen und gerade aussterbenden Tierarten unter dem Titel Dodos auf der Flucht vorgelegt, der den bezeichnenden Untertitel Requiem für ein verlorenes Bestiarium trägt und vom amerikanischen Künstler Brian R. Williams einfallsreich illustriert wurde.

Wissenschaft und Poesie

Auf dieser historischen Folie können nun die Besonderheiten und Qualitäten von Marchs Gedichtband besser lesbar hervortreten. Denn neben den ausgewählten Tieren liegt der besondere Reiz von Bestiarien ja in dem, was der Autor oder die Autorin aus der traditionellen Form macht, also in der Herangehensweise und Akzentsetzung. Dass March gerade auf die Tradition des Bestiariums für sein erstes Werk verfällt, kommt wohl nicht von ungefähr und liegt zum einen in seiner fachlichen Kennerschaft als Student der Biologie begründet, zum anderen auch, wie er in einem Gespräch im Literarischen Quartier Alte Schmiede in Wien erklärte, im Frust über das scheinbar endlose Auswendiglernen für die Prüfungen, dem er auf diese Weise ein kreatives Ventil schuf. Und so gliedert sich Polymorpha in vier Zyklen: die Mamalia oder Säugetiere (10 Gedichte), die Reptilia oder Reptilien (10 Gedichte), die Mollusca oder Mollusken (20 Gedichte) und die Amphibia oder Amphibien (13 Gedichte). Jedes dieser Kapitel ist, wie es bei Bestiarien Tradition ist, illustriert: mit feinen Bleistiftzeichnungen von Luka Ajkovic, einem Autodidakten aus Montenegro, der auch das von Tierköpfen überbordende Umschlagbild schuf. 

Wie es sich für einen Biologen gehört, besteht der Titel jedes Gedichts aus dem deutschen Vulgärnamen und der lateinischen Bezeichnung des Tiers. Was den Leser und die Leserin dann erwartet, sind in der Ich-Form geschriebene, halb- oder ganzseitige Gedichte, die sich mit der Lebenswelt der Tiere befassen können, aber nicht müssen, und in unterschiedlichen Graden in menschliche Belange überschießen. „Reh“ oder „Feldhase“ sind Texte, die vielleicht noch am stärksten den Erwartungen an eine die Tierwelt erkundende Poesie erfüllen und in beiden Fällen die Selbstbestimmtheit und das eigene Schutzbedürfnis betonen, was sich selbstverständlich auch auf den menschlichen Bereich übertragen lässt. So heißt es in „Reh“:

ziehe mich an waldrandzonen
besiedle lichtungen alleine
breite mich aus
gewöhne mich ein
markier mine grenza

aufgeschreckt suche ich da mit wenigen
schnellen sprüngen schutz

Das Gedicht „Feldhase“, wie die beiden vorangegangenen in der Sektion „Säugetiere“ beheimatet, entwickelt das Bild einer bis zum Horizont reichenden Freiheit, die sich neben der Lust am „über [die] felder rennen“ in einem unbändigen, sich im Maisfeld austobendenden Hunger ausdrückt und in der Coda in eine Art poetische Menschen- und Tierrechtsdeklaration mündet: „wir sind kinder / und frei

Menschliche Problemlagen 

Wie Petra Ganglbauer, selbst Autorin und langjährige Leiterin des Lehrgangs Schreibpädagogik, in ihrem Nachwort schreibt, „oszillieren die Texte also zwischen menschlicher und tierischer Existenz“. Während die erwähnten Gedichte den natürlichen Lebensraum von Tieren nicht von vornherein sprengen, bringen andere Texte wie „Riemenschnecke“, in dem es um den Nutzen des Weinens geht, oder „Maulwurf“, in dem soziale Kontrolle und gesellschaftlich erwartetes Verhalten angesprochen werden, dezidiert menschliche Problemlagen zur Sprache:

MAULWURF

* Talpa europaea*

i blind
auf liebesaugen
familiengefrage nach 
der freundin
als ob 
beziehung
liebe
nicht komplex und arbeit
(…)

So unterschiedlich die Themen und Sprechhaltungen auch sein mögen, die Gedichte gehorchen allesamt drei strukturellen Vorgaben:

  1. Die Zeilen sind kurz, bestehen aus 1 bis 6 Wörtern.
  2. Es muss einmal eine Zeile in Vorarlberger Dialekt vorkommen, die meist emotional oder thematisch aufgeladen ist und kursiv gedruckt wird, wobei der Dialekt oft standardsprachlich entschärft wurde.
  3. Am Ende steht nach einer Leerzeile abgetrennt noch eine ebenfalls kursiv gedruckte ein- oder zweizeilig Coda, die dem vorangegangenen Vers syntaktisch oder semantisch klar verbunden sein kann oder auch nicht.

Diese formalen Vorgaben tragen wesentlich zum einheitlichen Charakter des Bandes bei. Typisch für Marchs Texte, und damit reiht er sich in das moderne lyrische Sprechen ein, ist eine sowohl situative als auch kausale und semantische Unterdeterminiertheit der Verse, was eine geschwollene Form dafür ist zu sagen, dass man beim Lesen Schwierigkeiten hat zu erkennen, wer eigentlich worüber spricht und wen dabei anspricht. Und das ist natürlich, dem Prinzip der Vielgestaltigkeit getreu, vom Autor auch so intendiert, auf dass die Grenze zwischen Tierwelt und Menschenwelt durchlässig bleibe und die alte Tradition der Bestiarien, im Tierischen das Menschliche zur Sprache zu bringen, fortgeführt werde. Allerdings nicht auf allegorische Weise und definitiv gegen überkommene moralische Zuschreibungen gerichtet wie in „Rotfuchs“, wo es heißt:

See Also
Cover "Haus ohne Türen" von Andreas Unterweger

ROTFUCHS

*Vulpes vulpes*

bin kein fuchs
bin koan jäger
bin kein überfrauenlacher
kein witzreißer&sexist
dieimmerwährendgleichenbilder
wende mich ab
(…)

So weit, so klar die Selbstaussage, überraschend ist nun, wie der Text endet, nämlich mit der Coda „heiße liebe“. Damit rückt eines der grundlegenden Motive des Buches in den Mittelpunkt, nämlich das vielgestaltige Begehren, auf das der Autor vor allem in dem umfangreichsten der vier Kapitel, nämlich in dem der Mollusken, immer wieder zu sprechen kommt. Dass das Begehren auch kulinarische Formen annehmen kann, ist mit „heißer liebe“ angedeutet, denn wer eine solche in einem Eissalon in Vorarlberg bestellt, wird Vanilleeis mit einer roten Soße aus verkochten Himbeeren serviert bekommen. Ein Klassiker!

Die Vielgestaltigkeit des Begehrens

Wie wir vorhin schon sahen, kam in „Maulwurf“ die Frage nach der eigenen Sexualität im Familienkontext zur Sprache („familiengefrage nach / der freundin“). Das Thema kehrt in „Glattnatter“ wieder, wo „wirklich alle blicke auf mein liebesleben“ konstatiert werden und in der Coda eine Absage an alle familiären Bindungen formuliert wird: „kappe den abstammungs- / baum“. Auf diese Weise spricht sich in den Gedichten ein polymorphes, also vielgestaltiges Ich aus, das von familiären und gesellschaftlichen Erwartungen eingeengt auf seinen Freiräumen beharrt und die seinen eigenen Vorstellungen und Anlagen entsprechende Realisierung der Existenz reklamiert. In diesem Kontext sei auch an Freuds Aussage aus den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie von der „polymorph perversen“ Anlage der Sexualität des Kleinkinds erinnert, an eine von Scham, Ekel und Moral noch freie Form des Begehrens. Was nun bei den Schneckengedichten auffällt, ist die biologisch zwar naheliegende Betonung des Zwittercharakters vieler Schnecken, doch auch die Art und Weise, wie ihre Erwähnung Manifestcharakter annimmt. Dazu sei „Wegschnecke“ in voller Länge zitiert:

WEGSCHNECKE

*Arionidae spp.*

begatten wir uns gegenseitig
spermatophoren
gefäße der spermien, werden übertragen
im männlichen teil unserer genitalapparate
ein stark reduzierter penis
oder er fehlt ganz
whatever
trotzdem werden wir keine nazis
rechtsradikale
anderehasser
wir neamand was mir kriagand
sind glücklich
mit uns selbst, miteinander
übereinander
untereinander
beim zwitter ist nicht wichtig

wer was in der hose hat

Hier wird eine angstfreie nonbinäre Sexualität zelebriert, wobei es wohl verfehlt wäre, hier den Aufruf zu einem unvoreingenommenen queeren Begehren im Gegensatz zum binären Begehren zu lesen. Denn lässt sich der Zwitterstatus nicht für alle Menschen reklamieren, sofern unser Aussehen und unser Verhalten in einem breiten Spektrum zwischen männlich und weiblich schwanken können? Auf diese Weise ließe sich jedenfalls der Anfang des Gedichts „Weinbergschnecke“ lesen, das so beginnt:

wir sind liebes
könige
zwitter
alle mitanand
(…)

Der heimatlichen Enge mit ihrer sozialen Kontrolle und ihren engstirnigen Vorstellungen vom richtigen und gelungenen Leben, wie es der Rezensent selbst in seiner Kindheit und Jugend in Vorarlberg erlebt hat, tritt March mit einer Tour de Force durchs Tierreich entgegen, in der er unterschiedliche Nischenexistenzen und alternative Formen des In-der-Welt-Seins zur Sprache bringt und dabei versucht, dem sozialen Druck und dem Muff der Vorurteile eine poetisch explorative Form des Existierens entgegenzusetzen, die zudem biologisch fundiert ist. Da das in den vorgegebenen regionalen Strukturen nicht immer möglich ist, gehört es zu den soziologisch und literarisch gut dokumentierten Tatsachen Österreichs, dass die Befreiung oft nur mit einer Flucht vom Land in die Stadt und insbesondere nach Wien möglich wird. Und so wird in dem empfehlenswerten Band Marchs die „Posthornschnecke“ zur Bannerträgerin, die am Ende des Mollusken-Kapitels die Posaune der Freiheit bläst:

POSTHORNSCHNECKE

*Planorbarius corneus*

blase den marsch
auf das glück
konservative brabbelpolitiker
hinterunslassen
wischiwaschi arbeitskolleg:innen
hinterunslassen
versumpfung in da gemeinde
im kleinsten
verstaubung verdreckung
hinterunslassen
auf das glück & in das glück stoßen
kreisrund wohlfühlen
essen
und glücklichkeit heraufbeschwören
bei tag und bei


warmwasserbadewannespiegelkerzenscheinmitternacht


Tobias Thomas March: Polymorpha. Gedichte. editon fabrik transit, Wien, 2025. 84 Seiten. Euro 18,-

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