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Die Weltfriedenskirche von Hiroshima

Die Weltfriedenskirche von Hiroshima

Essay von Leopold Federmair

Die sogenannte Weltfriedenskirche habe ich eher zufällig entdeckt, vor 15 oder 16 Jahren, als meine Tochter noch in den Kindergarten ging und das Ziel unserer Ausflüge nicht selten das Planetarium war, und auch die mächtige schwarze Dampflokomotive, die dort neben dem kleinen Gebäude steht.Damals existierte die Bahnstation Shinhakushima noch nicht, wo Mayuko später täglich ausstieg, um in ihre Schule zu gehen. So konnten wir auch nicht am Motoyasu-Fluss entlangspazieren, wie ich das heute gern tue, wenn ich mit dem Zug ankomme und ins Zentrum von Hiroshima will. Das Stadtzentrum, das am 6. August das Epizentrum für die Atombombe war, heute der sogenannte Friedenspark mit dem Museum und dem Zenotaph für die zahllosen Toten.

Vielmehr gingen wir die breite Jonan-Straße entlang, bei jeder Gelegenheit haltmachend, wo es etwas Interessantes zu sehen gab, jedes Mal aber auf einem kleinen Spielplatz, der so gar nichts Besonderes an sich hatte. Ein Vater mit seinem Kleinkind am Spielplatz muß ein Auge auf dieses haben, doch mein zweites Auge schaute gern in die Luft, wo es Baumkronen und Hochhäuser zu sehen oder Gedanken zu spinnen gab. Und dort, nicht allzu weit entfernt, fiel mir auch ein dünnes Kreuz auf, es mußte zu einer Kirche gehören. Eines Tages schlug ich Mayuko vor, diesmal meiner Laune nachzugehen und nachzusehen, wie es um diese Kirche bestellt war. Auf dem Weg dorthin fiel ihr der Wetterhahn auf, der über dem Kirchenschiff thronte. Er erinnerte sie an eines ihrer deutschen Kinderbücher; auf japanischen Häusern findet man Fischdrachen, aber keine Hähne. Neben der Kirche wiederum ein Spielplatz, aber leider durfte Mayuko dort nicht spielen, denn er gehörte zum katholischen Kindergarten. Der Platz vor der Kirche, mit Bäumen und Blumen, alles im japanischen Stil gehalten, konnte uns beide erfreuen. Die Kirche selbst von mittlerer Größe, der Hauptturm niedriger als die meisten umgebenden Häuser, der Wetterhahn erwies sich als Phönix: passendes Symbol für die Stadt, die buchstäblich aus ihrer Asche zu erstehen hatte.

Weltfriedenskirche ©Wiii
© Wiii

Das Planetarium mit der hübschen Kuppel lockte, wir hielten uns nicht lange in der Kirche auf. Erst später informierte ich mich: Schon vor dem Krieg war hier in der Gegend, Nobori-cho, eine Kirche gestanden, sie wurde beim Atomangriff ausgelöscht. Der Deutsche Hugo Lasalle, Ordensoberer der Jesuiten in Japan, überlebte verletzt. Er engagierte sich für die Errichtung einer neuen Kirche, die zu einem der Mahnmale von Hiroshima werden sollte. Entworfen wurde sie vom Architekten Togo Murano, beim Wettbewerb kam neben ihm auch Kenzo Tange auf die Shortlist, der das Friedensmuseum und das Zenotaph ersann und in nüchternem Beton realisieren ließ. Vor allem im Inneren wirkt die Kirche eigenartig kühl – wie auch das Museum und zahlreiche Denkmäler der Nachkriegsjahre. Die Fenster in Bodennähe sind traditionell gestaltet, bunt, doch ohne viel Leuchtkraft, sie gehen in zwölf Stationen dem Leidensweg Christi nach. Die schmäleren Fenster hoch oben sind mir beim ersten und zweiten Besuch kaum aufgefallen. An grauen Tagen wie jenen verschwinden sie regelrecht. Die sonst kahle Wand über dem Hochaltar ziert eine riesige Christusfigur, durchschossen von einem breiten, goldenen, diagonalen Strahl, der die Verklärung des Erlösers darstellen soll.

Erst nach vielen Jahren bin ich in die Friedenskirche zurückgekehrt, nachdem ich in Österreich mit Leuten gesprochen hatte, die sich um das Vermächtnis Josef Mikls kümmern. Mikl, 1929 geboren, wurde in den Nachkriegsjahren der Kunstrichtung des Informel zugerechnet und malte abstrakt, in späteren Jahren oft mit expressiver Gestik (Mikl äußerte einmal, es gebe gar keine abstrakte Kunst). Er war es, der 1959 die oberen Fenster, insgesamt sechzehn, der Friedenskirche von Hiroshima entwarf. Hergestellt wurden sie in der Glasmanufaktur Stift Schlierbach in Oberösterreich. In der Kirche selbst und in den Schriften und Prospekten, die dort aufliegen, wird lediglich erwähnt, dass die oberen Fenster eine Gabe aus Österreich seien. Den Namen Josef Mikl kennt man dort nicht. Die meisten anderen Gaben, besser ausgewiesen, stammen aus Deutschland.

Die Gespräche über Mikl veranlassten mich, die Kirche neuerlich zu besuchen. Auf dem Vorplatz sprach mich ein Schwarzer an, der in mir einen Touristen vermutete. Er selbst ist Pfarrer der hiesigen Gemeinde, stammt aus dem Kongo und hat an derselben Universität studiert, an der ich zwanzig Jahre unterrichtet hatte. Ein freundlicher Mann, vielleicht sehen wir uns wieder einmal, obwohl ich kein eifriger Messgänger bin. Jetzt aber wende ich mich der Kirchenfassade zu, die eigenartig weich aussieht, anders als die unverputzten, ungeschliffenen Seitenmauern aus erdigen Backsteinen, zwischen denen man den Mörtel sieht. Als wäre er eben erst aus dem Schlamm gestiegen, dieser kleine, nicht sehr mächtige Vorbau, dieses einladende Portal mit Säulchen und biblischen Darstellungen, darunter die Arche Noah am Ende der Sintflut und ein bildlicher, rosenbestreuter Hinweis auf das Sakrament der Ehe, das man hier empfangen kann. Zeitgleich zur Errichtung der Friedenskirche entwickelte sich in Tokyo der Butoh-Tanz, der ebenfalls auf elementare Erfahrungen abzielt, sich als erdgebunden versteht und Zerstörung ebenso wie den Kampf um menschliche Erhebung zeigt, wobei die Tänzer mitunter in realem Schlamm agieren. Bei meinem ersten, flüchtigen Besuch war mir das nicht aufgefallen, doch meinem ruhigeren Blick jetzt vermittelt die Kirche ähnlich schlammige, durchaus wohlige Eindrücke wie das, was ich vom Butoh kenne. Ich fühle mich sogar an die Reisfelder im Hochsommer erinnert, wenn sich Wasser und Erde vermischt haben, sodass sie einen betörenden verströmen. Nachkriegsarchitektur und Butoh-Tanz sind beides Kunstformen, welche Erhebung aus einem Ground Zero – um das Wort das Bild der Militärsprache zu entreißen – anstreben. Oder, anders gesehen: Gewinnung von Licht aus dem Herzen der Finsternis anstreben.

Ich betrete die Kirche… Nein, betrete sie noch nicht, lieber verharre ich noch eine Weile draußen beim mitten im Winter blühenden Shidare-Pflaumenbäumchen und bei dem an die Kirchenmauer geschmiegten, zylinderförmigen Rundbau, der eine Kapelle beherbergt. Oder gar im Devotionalienladen an der Straße, der kitschige Marienstatuetten – die Kirche ist der Himmelfahrt der Muttergottes geweiht – und Heiligenbilder verkauft. Ein sichtlich erschöpfter Mann sitzt dort auf einer Steinbank, das Haupt fast zu den Schenkeln gesunken, die nackten Füße neben seinen abgetretenen Halbschuhen. Ein Obdachloser? Ja, es gibt hier welche, wenn auch nicht so verwahrlost, wie ich es aus Europa kenne. Einige schlafen nachts im Friedenspark, und auch die Kirche leiht ihnen ihrem Auftrag gemäß, was sie nicht haben: ein Obdach.

Der bestimmende Eindruck im kaum unterteilten, kastenförmigen Kirchenraum geht vom verklärten Christus an der Altarwand aus. Die Wärme, die ich auf dem Vorplatz nicht nur wegen des milden Wetters verspürt habe, ist verschwunden, die Kreuzweggeschichte der bunten Glasfenster wirkt nahe und düster. Um die beiden oberen Fensterreihen zu betrachten, muß man zur gegenüberliegenden Wand gehen, sich dort anlehnen und den Blick nach oben richten. Es ist kurz nach Mittag, die Sonne trifft auf eines der roten Rechtecke, das aufflammt und eine Zeitlang, bis die Sonne weitergewandert ist, zu brennen scheint. Der Betrachter kann mit der Sonne gehen, den roten und gelben, in der Reflexion viel schwächeren Flecken nach, die nicht weglaufen, sondern ihren ruhigen Weg nehmen. Es könnte ein Fangenspiel sein, und tatsächlich spiele ich es jetzt, dieses Zeitlupenspiel, langsam und konzentriert wie ein Butoh-Tänzer. Niemand außer mir ist in der Kirche; gäbe es Zuseher, es wäre mir peinlich und nützte nichts, daß ich mich an die Aufforderung erinnere: Lasst die Kinder zu mir kommen, und wenn Erwachsene kommen, sollen sie kindlich sein, kindlich geblieben sein.

Ich habe nie eine Messe unter Schwarzen in den USA erlebt, aber meine Vorstellung ist, daß dort nicht nur die Musik swingt, sondern auch getanzt und gespielt wird. Kein Mensch tut das in Japan, wo immerhin fast zwei Millionen Christen leben, darunter meine Schwiegermutter, die in der Provinz Hiroshima aufgewachsen ist und um das Jahr 1960 herum auch einige Zeit in der Stadt verbracht hat. Von der Friedenskirche wusste sie nichts; sie war, wie es ihre Art ist, kindlich erstaunt, als ich sie neulich hierherführte. Wann genau sie zur Christin geworden ist, kann sie selbst nicht sagen. Für Japaner bedeutet so ein Schritt in der Regel nicht, zu „konvertieren“, man legt die früheren Religionen nicht ab, vielmehr vereinigen sie sich in einer Person, einem Gläubigen: Shintoismus, Buddhismus, Christentum. Ob sie einst wiedergeboren wird oder in den Himmel kommt, frage ich sie im Scherz. Ihre Antwort: Beides. Aber zuerst wird sie sich mit der Natur versöhnen. Religionskämpfe sind Japanern in der Regel fremd. Pater Lasalle, der Mitbegründer der Weltfriedenskirche, der die meiste Zeit seines Lebens in Japan verbrachte, lernte hier in einem buddhistischen Kloster die Grundlagen des Zen und schrieb Bücher darüber, etwa die Zen-Meditation für Christen.

Meine Lichtspiele mit der Sonne im Kirchenraum finden an der nördlichen Längsseite statt, denn die Sonne steht um diese Zeit hoch, aber schon westlich, sie bescheint die Mikl-Fenster der Südseite, ihre gelben und roten Flächen und Streifen, wo sich die Farben nicht vermischen und daher kräftig leuchten. Die gegenüberliegenden acht Fenster kann ich natürlich ebenfalls betrachten, wenn ich den Raum durchquere und nahe der Südwand stehe. Von hier aus sehe ich blaue, meist blassblaue, schwarz umrissene, aber auch wieder verwischte Flächen, dazu Spuren von Aschgrau, die den Eindruck erwecken, die abstrakten Formen könnten sich in Luft auflösen. Es sind Himmelsfenster, keine Erdfenster; Aschfenster, keine Feuerfenster. Das alles nebeneinander und überkreuz, quer durch den Kirchenraum. Die Fenster der beiden Seiten stehen für sich und korrespondieren.

Wahrscheinlich macht es wenig „Sinn“, hier Farbsymbolik zu vermuten und entsprechende Interpretationen zu versuchen. Der große Redoutensaal in der Wiener Hofburg, Jahre nach dem Brand (1992) bei der Wiedererrichtung von Mikl wesentlich mitgestaltet, hat dieselben kräftigen Farben, und er verströmt, würde ich doch sagen, Lebensfreude, was sicher auch der Tatsache geschuldet ist, daß der Maler hier viel, viel größere Flächen als für Hiroshima zur Verfügung hatte. In der Friedenskirche kann ich nicht anders, als die südseitigen, vorwiegend roten und gelben Glasfenster mit den Buntstiftzeichnungen zu assoziieren, die von Laien, oft auch Kindern, nach der Atomkatastrophe, die sie durchlebt hatten, angefertigt wurden (viele kann man im Friedensmuseum sehen). Sicherlich naiv, und doch: Das Rot und Gelb der Flammen drückt das Überwältigende der Katastrophenerfahrung aus und mahnt per se, ohne jeden Kommentar, dazu, diese nicht zu wiederholen.

Auch das wehende Grau und Blassblau an den Fenstern der Nordseite kann man mit dem Krieg und seinem Schreckensende assoziieren, mit der Asche und dem Rauch über den Trümmern von Ground Zero. Und doch ist in alldem zugleich die Auferstehung trotz aller Schwere, welche die Butoh-Tänzer darstellen, gegen die scheinbare Unmöglichkeit. Es ist darin die Erhebung, die Christus zu verkörpern gekommen ist und die er hoffentlich den Sterblichen mitteilen kann. Mit diesen vielen, aber klaren Widersprüchen strahlt die kühle Nachkriegskirche von Hiroshima, Nobori-cho, letztlich jene Wärme aus, an welcher Bewohner und Besucher nicht vorbeigehen sollten.

Bei meinem letzten Besuch bin ich nicht auf der breiten Jonan-Straße zum Bahnhof zurückgegangen, sondern zwischen den Wohnhäusern in einer engen Gasse, die direkt auf den Kyobashi-Fluß führt. Dort steht ein anderes Shidare-Gewächs, eine Trauerweide, die jetzt nicht grün ist, doch ich erinnere mich gern an diesen Anblick – oft nehme ich einen Umweg, um an ihr vorbeizugehen und mich zu verneigen oder ihr unauffällig zuzunicken. Eine Tafel ist hier angebracht, die besagt, daß dies der einzige Baum ist (oder jedenfalls einer der wenigen), der den Atomangriff überlebt hat und nicht augenblicklich zerstört wurde oder in Flammen aufgegangen ist. Ein Dichter aus Hiroshima, Tamiki Hara, hat ihm, diesem kleinen, aber widerstandskräftigen Gewächs, ein Gedicht geschrieben, das auf der Tafel wiedergegeben ist. Es hat die Form eines Gebets; eines Gebets an jeden denkbaren Gott:

Laß neues Grün gedeihen
an den Flüssen von Hiroshima
Im Gedenken an Tod und Feuersbrunst
laß gute Gebete sich erfüllen

Ewiges Grün soll herrschen
Unauslöschliches Grün

Im Delta von Hiroshima
laß neues Grün gedeihen

Lesen Sie auch das Gedicht von heute von Leopold Federmair zu diesem Essay: Kontrafaktur

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