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Bučanje heißt Meeresrauschen

Bučanje heißt Meeresrauschen

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Brigitta Höpler liest Tamara Štajners Schlupflöcher


In diesen brennenden, beunruhigenden Sommertagen die Hand auf die Insel legen und „Leo“ rufen, dort wo sich unzählige Sommer zu einem einzigen, endlosen auf der braunen, bauchigen Teekanne spiegeln, zwischen Osoršćica und dem Meer, Tamara Štajner lesen.

© Brigitta Höpler

Wir sind einander in Klagenfurt, beim Carinthischen Sommer begegnet, als Mitwirkende bei Klang.Raum.Museum im Kärnten.Museum Klagenfurt. Ich mit Poesienahversorgung, sie, gemeinsam mit Anna Anderluh mit dem musikalisch-perfomativen Langgedicht Slovalia – Eine Verkuppelung. Die Tiefenschichten der Landschaft rund um Gorizia, Gorica, Görz mit Worten durchpflügen, etwas Neues säen.

Ich wollte in diesen Wortlandschaften bleiben, habe ihren neuen Roman „Luft nach unten“, und den Gedichtband „Schlupflöcher“ von 2022 auf die Insel Lošinj mitgenommen.

Ein Titel, der mich sofort angezogen hat, arbeite ich doch schon länger an einem transmedialen Projekt „Es leben die Lücken_das Leben der Lücken“. Schlupflöcher, Refugien – davon kann es gar nicht genug geben, wenn das Welt- und Erdgeschehen aus den Fugen gerät. Worte oft ein Dach über dem Kopf, Boden unter den Füßen, eine Zuflucht.

Auf der Fahrt durch Slowenien habe ich Orte wahrgenommen, die mit der Dichterin zu tun haben, Novo Mesto (dort ist sie geboren), Krško („mein wurzelland“).
Und dann Lošinj, eine Ortsverbundenheit, die wir teilen.

Ich lese das Gedicht Mangrovien,

„Ich lese Küstenkindsich lebendgebärend ausbreiten an küsten + meeren + an immer neuen säumen durch die wellen keimen + überall kleine teilchen seiner selbst hinterlassen“.

Ich lese, das Bučanje auf Slowenisch Rauschen, insbesondere Meeresrauschen bedeutet. Und als Toponym eine touristische Ferienanlage auf Lošinj bezeichnet. Ja, die kenne ich. Das ist gleich unten in der Bucht von Studenac. Die Ferienanlage hat Tamara Štajners Großvater begründet, als die Insel noch jugoslawisch und nicht kroatisch war.

„wo der großvater in den 70ern rauschen brachte dem schläfrigen fischerdorf
rauschen heißt die urlaubsinsel im inselreich rauschen heißt steinküste vor azurblauem
bleichblauem meer weißgraue gischt + rauschen stets rauschen zwischen vater + großvater“.

Der Großvater, der bei den Partisanen war und später auf Goli Otok, Titos Inhaftierungslager, gefangen war. Darüber hat sie auch ein Gedicht geschrieben, veröffentlicht in der Poesiegalerie.

Ich lese Küstenkind

„ein mädchenkörper vom meer

durchspült + das kinn aufs knie auflehnen manchmal 

aufs linke + dann aufs rechte im sand zeichnen träumen

See Also

und denke an meine Freundin, die mich vor 27 Jahren auf die Insel gebracht und wie Tamara Štajner ihre Kindheits- und Jugendsommer auf Lošinj gelebt hat.  

Ich lese die Gedichte, ich schaue die Gedichte, ich höre die Gedichte. Votiv Kino, Von Infusionsbäume und Lošinj sind auf Notenlinien gedruckt, versehen mit handschriftlichen musikalischen Vortragsanweisungen, die im Glossar erklärt sind. Langsam, ruhig, gelassen, wild, stürmisch, ungestüm, bis zur Lautlosigkeit, mit Schwung, nachdenklich …

Das Dichterinnensein verbindet sich mit dem Musikerinnensein in vielen Texten von Tamara Štajner die Gedichte aus Schlupflöcher ganz konkret in audiovisuellen Poetry-Video-Clips, auf YouTube zu hören und zu sehen.

Keine Satzzeichen in den Gedichten, nur immer wieder ein +.
Das Pluszeichen gibt mehr Raum als ein „und“. Geht darüber hinaus. Verbindet und lässt Luft. Ist Bild, Zeichen und Wort zugleich.

Wenn Gedichte zarten, wüten, trauern, trösten, inspirieren, verstören, klingen, duften, lächeln, tosen, nachdenken, erinnern, feiern, schreien, benennen, verbinden, verorten, erkunden.

Von Wien nach Lošinj und zurück, entlang der Save, entlang der Mutter-, der Vater-, der Küstenlinie, entlang eigener Lebensläufe.

Wenn Gedichte begleiten, beglücken, bereichern.


Tamara Štajner, Schlupflöcher, Gedichte, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2022

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