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Träumen mit Bolaño

Träumen mit Bolaño

Isabella Feimer liest Roberto Bolaños Die romantischen Hunde als Sommerlektüre


Fast schon um sind die Sommermonate, die quälende Hitze, wie es scheint, für dieses Jahr vorüber, ein Aufatmen auch für mich! Ein Aufatmen, wäre da nicht der Wunsch, weg zu sein, woanders in der Welt, als in den eigenen vier Wänden, weg in einem Woanders, das vertraut und es doch nicht ist, bereits bereist und doch ein neues Abenteuer.

Verzeihen Sie, wie jeden Sommer, in dem der Alltag nicht wegfahren lässt, sitzt Sehnsucht in mir, ein Verlangen, das nicht gestillt werden kann, nur besänftigt. Literatur besänftigt es; Poesie, um genauer zu sein, die mich an meine Sehnsuchtsorte führt. Poesie, wie sie der große, viel zu früh verstorbene chilenische Schriftsteller Roberto Bolaño (1953 – 2003) geschrieben hat und wie sie in dem Gedichtband „Die romantischen Hunde“ (Carl Hanser Verlag, 2017) gesammelt wurde. Es sind Zeilen, in denen ich reisen kann, aber auch träumen. Träumen mit Bolaño, dessen Werke ich verehre und manche von ihnen öfter als einmal gelesen habe.

Seit jeher ziehen mich die Länder Latein- und Südamerikas magisch an, mit ihnen auch die Geschichten, sei es in der Prosa oder in der Lyrik, die in ihnen wurzeln und aus ihnen keimen dürfen. Mexiko im Besonderen ist eines meiner Sehnsuchtsländer, das ich zum Glück schon bereist habe, konnte unter anderem in der Wüste auf der Baja California sein, im dichten Dschungelgeflecht Campeches und in den überwältigenden Dimensionen von Mexiko City.

Cover © Isabella Feimer

Mexiko, vor allem dessen Hauptstadt, ist neben anderen Orten von zentraler Bedeutung in den Gedichten Bolaños. In seiner Lyrik, die einen ganz speziellen Platz im Gesamtwerk einnimmt, nämlich, dass sie Elemente, Szenarien und Motive von eben diesem verdichtet, setzt der Autor dieser Stadt ein dunkles und doch wunderschönes Denkmal zwischen Traum und Alptraum. Dem Prinzip des Träumens gleich, schreibt er ihr in einer Vielzahl seiner Zeilen eine schmutzige Liebeserklärung, in der sich lieben, leben und streuen lässt.

1968 kommt Bolaño mit seinen Eltern nach Mexiko City, ein Jahr später geht der junge Roberto bereits von der Schule ab, treibt sich in den Kinos der Stadt herum und beginnt zu arbeiten. In einem Brief, der ausschließlich Autobiografisches enthält, abgedruckt 2011 im „Du“-Magazin, schreibt er: „In den elendsten Bezirken des riesigen Zentrums von Mexiko-Stadt ging ich von Tür zu Tür und verkaufte Heiligenbildchen der Jungfrau von Guadalupe und des heiligen Martin von Porres.“ Diese elenden Bezirke sind es, die das Mexiko City in seinen Gedichten prägen. Provokant und lebensnah hebt er die Lebensrealität der Straße in die Poeme, zur Schau gestellte Gewalt, Sexualität, die sich in Bordellen und dunklen Gassen ereignet. Unter dem „Äther über Mexikos Hauptstadt“ (S. 19) begegnen wir einem Kaleidoskop von in Dunkelheit gefangenen Gestalten; von Nutten, Sexsklaven und Sadomasochisten ist die Rede, von Gangstern und Cowboys, von Anarchisten und Literaten.

Wild treiben es die Außenseiter*innen der Gesellschaft im poetischen Setting, im Sein zwischen Straße, Kino und Literatur, dieser Substanz leichter noch als Träume. Der Autor ist mittendrin und wir glücklicherweise an seiner Seite. Gehetzt und verweilend, atemlos und in uns ruhend: In seinem Erlebten, das sowohl erlebt als auch erfunden ist – in Bolanos Texten überschneiden sich Realität und Fiktion, die Trennung ist aufgehoben – streunen wir entlang dieser „Tatorte“ des Lebens. Bolaño, der selbsternannte Vagabund, träumt sie, wir mit ihm sind in diesen Fiebertraum an Orten, Begegnungen und Menschen beobachtend und mit eingeflochten zugleich. „Schönheit und Schrecken, der gläserne Moment, in dem der Arm stockt“, schreibt er in dem Gedicht „Affe im Freien“ (S. 26), „du aber bist nicht stehengeblieben im Dämmerlicht unter dieser Kuppel, erleuchtet von den grellen Strahlen der Harmonie.“

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Auch ich bin im Dämmerlicht, stets im Inneren in ein solches gehüllt, wenn ich diese Gedichte lese; es sind Gedichte für die Stunden der Dämmerung und der Nacht, für das Zwielicht, das sich in Träume schleicht und ihnen Schatten gibt. Es sind Gedichte wie „Angst und Schrecken aufgetürmt bis zu den Sternen“ (S. 27), Visionen aus „Liebe und Gedächtnis“ (S. 27), wie Bolaño schreibt. Sprache, die sich aus den Zeilen und Zeiten in die Ewigkeit erhebt. Mancherorts verlässt die Sprache Bolaños den Boden der Wirklichkeit und bedient sich Elementen des magischen Realismus, der prägend für die lateinamerikanische Literatur und für das Schreiben des Autors selbst ist. Geisterhaft scheinen manche Zeilen zu schweben, gespenstisch tun sich in ihnen Wunden (der Geschichte und eines Lebens), aber auch profunde, beinahe unwirkliche Schönheit auf. „Ihre Augen wie ein Buch der idealen Geografie: Landkarten eines reinen Alptraums“ lesen wir in dem Gedicht „Edna Liebermans Gespenst“ (S. 33), Lyrik mit Dämmerlicht geschmückt, im Dazwischen einer Gespensterwelt und einer für immer verlorenen Sehnsucht. Es ist ein Gedicht, das Erinnerungen in das Jetzt holt und für uns, die wir im Jetzt sind, zugänglich, gleichsam verloren macht.

Ganz und gar geheimnisvoll, dabei ganz und gar nah der Realität und des Wünschens des jungen Bolaño, sind die Gedichte unverkennbar Teil eines Gesamtwerks, das ineinander verstrickt ist und sich fortwährend auf sich bezieht. In ihnen, diesen Polaroids aus dem Prosawerk aufgenommen, begegnen wir aus eben diesem vertrauten Gestalten, manch Schurken oder den wilden Detektiven, zum Beispiel; traumgeworden verlieren sie sich in den ungeheuerlichen Bildern der dunklen Stadt. „Ich träumte von vereisten Detektiven im großen Kühlschrank von Los Angeles. Im großen Kühlschrank von Mexiko DF.“ (S. 28) Einer dieser Detektive ist Bolaño selbst, ein Streuner, Vagabund, einer, der sich nicht festhalten lässt und immer weiterzieht. Vorwärts und zurück in der Zeit und im „geometrischen Glanz“ (S. 65) seines (und auch meines) Lieblingsortes, seiner wundervollen, dunklen, brutalen und geliebten Stadt.

Verzeihen Sie, Sehnsucht lässt mich seufzen. Auch Bedauern. Es ist Zeit, aus den Träumen Bolaños aufzuwachen und in den „hohlen Raum der Wirklichkeit“ (S. 24) zurückzukehren, die Orte, die Bolaño in seine Zeilen schrieb, zu verlassen und die eigenen Erfahrungen und Erinnerungen in diesen und an diese Orte wieder in mich zu nehmen. Das Schöne und das Dunkle, die Kopfschmerzen pochend vom Smog der riesigen Stadt, die korrupten Polizisten, die dir deine Pesos und die letzten Dollars aus der ohnehin schon löchrigen Tasche ziehen und das Wissen um die Wirkung der Blätter einer Chaya-Pflanze und wie man richtig, wirklich richtig Tequila trinkt. Erinnerungen im „Vagabunden-Geist“ (S. 19), „sichtbar nur für die, die lieben“ (S. 25).


Roberto Bolaño: „Die romantischen Hunde“ Carl Hanser Verlag, 2017, 176 Seiten, Euro 20,-

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