Alexander Peer liest H.C. Artmanns med ana schoazzn dintn
Wer die Atmosphäre von Wien in den letzten Zügen der Nachkriegsära erfassen will, dem verhilft dieser 1958 erschienene Klassiker der Wiener Mundart zu einer poetischen Zeitreise. Im Otto Müller Verlag ist jetzt eine limitierte Sonderedition von med ana schwoazzn dintn, Untertitel: gedichta r aus bradnsee erschienen.

Diese präsentiert die Gedichte auch phonetisch und bewahrt anlässlich des 105. Geburtstags von H.C. Artmann am 12. Juni 2026 dieses Original der Dichtkunst auch akustisch vor dem Vergessen. Dank Artmanns Stimme ist man unmittelbar in eine Stadt versetzt, in welcher die Doppelbödigkeit zum verlässlichen Fundament seiner fragwürdigen Menschlichkeit zählt.
Cover © Otto Müller Verlag
Motive wie Vögel als Symbole von Vereinigung und Verlust, verschmähte Liebe, Morbidität und Gewalt verschmelzen zu einer zähflüssigen Form, aus welcher es kein Entkommen zu geben scheint, vor allem nicht bei diesem unverwechselbaren „Sound“ – es ist eine klassische Hommage an Wien, das man so sehr hasst, dass man sich nach ihm sehnt.
Verstärkt wird der beklemmend liebliche Ton durch die Verkleinerungsform. Es reicht nicht die Taube allein, es muss ein Tauberl sein. In der Wiener Mundart made by Artmann, die sich durch viele weiche Konsonanten auszeichnet und dadurch die vermeintliche Harmlosigkeit steigert, ist es dann ein „Dauwal“. Das betont Kindliche schafft eine süße Stimmung, die oft jäh gebrochen ist. Im wiederkehrenden „ringlgschbüübsizza“ amalgamieren Kindlichkeit und Unheimlichkeit – startet der Band doch mit einem „blaubaod“-Gedicht, welches das ursprünglich aus Frankreich stammende Märchen des Frauenmörders in die Wiener Seligkeit des Praters verpflanzt.
Wehe, du liebst mich nicht!
Im Gedicht „med an briaf fon mia zu dia“, welches das titelgebende Motiv enthält, zeigt sich ein klassischer Verlauf mancher Gedichte, wenn die Erzählstimme erst eine beklagende, aber zunehmend drohende Botschaft verkündet:
a dauwal miassad med an briaf fon mia zu dia fliang a schwäuwal miassed med an briaf fon mia zu dia fliang a r aumschl miassad med an briaf fo mia zu dia fliang a gaunze lufft fola fegl miassed kuma und med mein briaf fon mia zu dia fliang i mechat da r an briaf schreim an den wos a da r a drokane rosn zwischn zwa blaln babia legad ich mechat da r an briaf schreim en den wos a da fua n zuabikn mei ausdroknz heazz einelegad zwischn de blaln med ana rodn dintn how a da gschrim das a de gean hob med ana grinan dintn how a da gschrim wia r e no quoat hob auf dii - med ana schwoazzn dintn owa mecht e da jezt auf s weisse babia schreim dos ma r es heazz ausdroknt is fua lauta woatn … (…) a schwoazze lufft fola fegl wiad med mein briaf augflong kuma und auf d nocht duach s fenzta fua dei bet zuwe fliang!
Aus dem anfänglichen Vögel-Chor, welcher die Liebesbotschaft an die Frau bringen möchte, wird am Ende ein tödliches Geschwader, das dem Schwerenöter Abhilfe schaffen soll. Denn wenn die Liebe nicht angenommen wird, dann muss eben die gerechte Strafe folgen. „med ana schwoazzn dintn“ sind praktisch alle diese Gedichte verfasst. Im Gedicht „dei lug“ kumuliert das unausgesprochene Versprechen, jemandem zu gehören, wenn festgestellt wird, dass man doch die ganze Nacht im Stadtpark beisammen war, aber eben in der Folge versetzt wurde:
es wiad scho (wasii??) seine grind kobt haum das d ma r a linke gem hosd – owa dengt hed a ma s nii das d so sei kenzt wo ma do a gaunze nocht en schdotbak auf an bangl beianaund qesn san …
Wien vor der Gentrifizierung
Manche Gedichte sind Grätzel-Porträts, die letztlich Brachen feiern. Sie lassen ein Wien-Bild wiederauferstehen, das mit der Modernisierung etwa des öffentlichen Verkehrs, insbesondere durch die Inbetriebnahme der U-Bahnen (die U4 als erste Linie wurde 1976 eröffnet), verschwunden ist. Im Gedicht „i won zimlech weit draust“ offenbart sich diese weit auslaufende Stadt deutlich:
i won zimlech weit draust geng schdaahof zua – anahoeb schdund fost fon schdeffansbloz wek … waun e en suma z laung aufbleib so bis zwoa oda drei in da frua do lost me da hau fon wisawii nima r eischloffm - so schreid a r und singd a aus seina holaschdaun ausse … (wisawii is en hean dwoaschak sei logabloz …) hinta da blaunkn fon den logabloz woxn grodnbledschn und brenesln woxn d hendln und da hau woxn d uanschliaffa und d ostln woxn d ziagln und s mäuta woxt da gruch fon deea und frischn hoez (…)
Heute, wo jede Baulücke sofort die Phantasie von Investoren und die Sehnsucht wohnungsarmer Stadtplaner stimuliert, sucht man diese Nicht-Orte immer mühsamer. Diese Lagerplätze sind auch Freizonen und verhelfen – wie im Gedicht unverkennbar gezeigt – der Natur zu einem Spielraum. Sie zeigen eine Stadt des Unvollständigen, die gerade dadurch die Durchlässigkeit von Urbanität und Natur, von individuellem Freiraum und utilitaristischer Widmung stärkt.
Instinktiv feiern viele Gedichte diese Stadt des Unvollkommenen, denn schon als Artmann in den 1950er Jahren am Band arbeitete, wuchs die Stadt nicht nur, um die Kriegswunden vergessen zu machen, sondern es entstanden nach US-amerikanischem Vorbild mehrere Hochhäuser (nach dem Hochhaus Herrengasse 1932) wie 1955 der Ringturm oder das Hochhaus am Matzleinsdorfer Platz. Diesem Verlust des Ursprünglichen wird beim Gedicht „windradal“ fortschrittskritisch gegenübergestellt: „a r engal fola gadsch – / oda r a deifö foi assfalt“.
Die Verdrängung der Brache durch die Immobilienwirtschaft führt gar zu einer Heiligenanbetung:
bit aunan häulechn loarenz (…) schdeig owa auf unsa bradnsee und fajauk des xindl des wos jezt de leztn eemeatechn heisaln en oedn uat draust ooreissn lossn wüü … farjauk s mezzaumt eanara graumpna r und schaufön mezzaumt eanare brechschdaungan und baggamaschinan! an brennhassn grodsmechtegn gliatadn eisnbrodrost du häulechar loarenz nim met deine schenan leichtadn hend und jauk s damid aus unsan guadn oadn bradnsee zun deifö!
Der Heilige Lorenz ist der Bitte nicht wirklich nachgekommen. Doch Breitensee ist ein Teil des 14ten Wiener Gemeindebezirks – Penzing, auch als Hütteldorf bekannt – und dank der geschützten Grünflächen noch immer etwas weniger städtisch als andere Randzonen der Stadt. Im Lorenz-Gedicht lassen sich auch surrealistische Motive entdecken: „nim met deine schenan / leichtadn hend“. Die glühende Vision ist nicht unbedingt einer religiösen Eingabe geschuldet, sondern dem Bedürfnis, dass unsere Wirklichkeit so leuchten soll.
Mundart, die Weltliteratur aufnimmt
Diese Gedichte rehabilitieren auch die vom Nationalsozialismus verunglimpfte Sprache des Dialekts. Die zitierten Beispiele demonstrieren, dass das Spielerische hinzukommt und der Dialekt seine eigene Musikalität entwickeln kann, die die ideologische Enge sprengt. Streng genommen ist dies auch nicht Wiener Dialekt, sondern eine spezifische Variation von Artmann, der die Sprache vereinfacht und mit weniger Vokalen auskommt als dies im klassischen Dialekt der Fall wäre. Bei manchen Wörtern oder auch Verszeilen muss man schon lauter lesen, um den Sinn zu erfassen.
In den Aufnahmen von Artmann erklingt dieser poetische Gesang einprägsam und die Gedichte sind gleich einnehmend. Eine Fügung wie „brechschdaungan und baggamaschinan“ sind kleine Vokalmaschinen, die das Musikalische steigern, die Alliteration ist da gar nicht das Vorherrschende. Dass Artmann nicht nur physisch, sondern auch lesend das kleine Breitensee verlassen hat, ist offenbar: Vor allem ab Mitte der 1950er bis in die 1970er Jahre hat er an vielen Orten Europas gelebt und noch mehr internationale Einflüsse in seine Literatur aufgenommen.
Es sind Balladen mittelalterlichen Zuschnitts, die für das Entstehen dieser auch als Strizzi-Gedichte zu wertenden Texte nötig waren. Es ist bemerkenswert, wie viele Vögel in diesem Band flattern. Auch ein Rabe ist darunter, aber statt getragen „nimmermehr“ zu krächzen, krächzt er bei Artmann butterweich larmoyant:
en an schbedn heabst (fia d eani) fua da dia rengd s un an mia rengd s jo da heabst is en mia grod wia draust jetzt singd scho da rob iwan suma sein grob und da himö is driab das s am graust .. und da wind dea riad um ea r alaa is ned schdum ea schraufd se duach moak und uach boa – owa d fegl san schdad d blia r und d blaln fawad und mii drugt mei heazz wia r a schdaa …
Schwer wie ein Stein und leicht wie eine Rabenfeder kann einem ums Herz beim Lesen dieser Gedichte werden. Bekannt ist Artmanns Zugehörigkeit zur Wiener Gruppe, die jedoch aus lauter Individualisten bestand. Es ist das Schicksal einer retrospektiven Namensgebung, dass sie stets etwas anderes macht aus dem, was war, und eine Schublade markiert. Das gilt auch für die Dadaisten, die schon mit der (bürgerlichen?) Benennung etwas von jenem anarchischen Übermut einbüßten, den sie in ihren Schreib- und sonstigen -Haltungen suchten. Was die Wiener Gruppe gewiss eint, ist die Arbeit an den Sprachgrenzen, am stilistischen Wundreiben. So öffnen sich auch Blüten neu, die vordem verwelkte Stillleben darstellten: Das Herz wird so auch für die Poesie wieder schlagend gemacht.
Mundkunst aus Wean
„hot den heit olas de bodschn ausgschdregt?!“ Schwer ist dieses Artmann-Bild in Hochsprache wiederzugeben, weil es erst in der Mundart seine wienerische Trägheit entwickelt. Man vergleiche die Wörter Schlorren und Bodschn – hier die preußische Strenge, da das wienerische „Des geht si scho aus“. Damit erzielt die Mundart jene Charakteristik, die in der Hochsprache nur umkreist wird, ohne ihrer habhaft werden zu können. Innerhalb der Wiener Gruppe hat keiner einen solchen Stil entwickelt. Artmann selbst hat ihn in seiner mehr als fünf Jahrzehnte währenden Schreiblust, die auch durch die rege Übersetzungstätigkeit vielsprachlich genährt wurde, mehrfach variiert.
„noch ana sindflud / san olawäu / de fenztabreln fafäud“ – Mythos und Wiener Seele finden in solchen Sätzen ihren manchmal überraschend einfachen und doch so aussagekräftigen Ausdruck. Die Gedichtsammlung ist wohlweislich um Worterklärungen ergänzt. Man mutmaßt bestimmt goldrichtig, wenn deren Existenz so gerechtfertigt wird: „Nachstehendes Wörterbuch ist vornehmlich jenen Wienern gewidmet, die, durch ein widriges Geschick ihrer Muttersprache entfremdet, anders des nötigen Verständnisses entbehren müssen.“
Aber selbst für jene, die meinen, auf Du und Du mit Mundart oder Dialekt zu sein, wird sich ein Aha-Erlebnis einstellen. Während sich etwa Zuschreibungen wie „bisguan“ für eine zänkische Frauenperson bis heute ihren Platz in manchem Gespräch erhalten haben, so sind Ausdrücke wie „bompfinewara“ vermutlich völlig vergessen. Das aus dem französischen „pompe funèbre“ abgeleitete Dialektwort (geläufiger war noch Pompfüneberer) bezeichnet einen zweispitzierten Leichenträger und Bakschischant. Das Attribut „zweispitziert“ betont den Prunk des Sargträgers und der Bakschisch ist eine Sprachreliquie, die durch den seinerzeitigen osmanischen Einfluss bis heute als Synonym für Trinkgeld gilt. Jedenfalls in Wien.
Der Band zeigt auch eine spezifische Sprachgrenze innerhalb des süddeutschen Sprachraums – für Salzburg oder Tirol oder gar erst Vorarlberg würden Worterklärungen vermutlich nicht ausreichen, da braucht es eine Übersetzung. Doch die Einführung von Friedrich Polakovics, einem Artmann-Intimus, nimmt einen an der Hand, um die Bilder zu entschlüsseln und Verbindungen zu erkennen. Der Band ist sehr schön gestaltet, etwas schade ist, dass das alte Cover mit der Darstellung der Vergnügungspark-Figur nicht verwendet oder auch nur adäquat ersetzt wurde: Denn dieser seinerzeit abgebildete „ringlgschbüübsizza“ illustriert das Artmann-Wien von gestern perfekt.
H.C. Artmann: med ana schwoazzn dintn. Otto Müller Verlag, Salzburg, 2026. 96 Seiten. Euro 38,–

