Die Online- und Offline-Plattform für zeitgenössische Dichtkunst in Österreich

Die nächste POESIEGALERIE findet vom 5. bis 7.11.2026 statt.
Lesen Sie die LYRIKEMPFEHLUNG 2025/26

 

Kontrafaktur

Leopold Federmair

Gedicht von Tamiki Hara (1946)

Laß neues Grün gedeihen
an den Flüssen von Hiroshima
Im Gedenken an Tod und Feuersbrunst
laß gute Gebete sich erfüllen
 
Ewiges Grün soll herrschen
Unauslöschliches Grün
 
Im Delta von Hiroshima
laß neues Grün gedeihen
Kontrafaktur

Was soll ich dir zwischen die Zeilen zwitschern,
ewiges Gedicht vom 6. August 1945?
Die Bäume grünen, ganz wie du es wünschst,
die Blüten, ja, die sind verflogen,
und zweifellos wird eines fernen Tages
alles braun, gelb oder grau.
Das Wasser des Flusses oder Meeres
hat sich verzogen und duftenden Schlamm
hinterlassen. Mein Herz – willst du das wissen? –
liegt am Grund der Pfütze und pumpt noch.
Der alte Pont neuf wird jetzt erneuert,
Arbeiterhelme blinken auf den Gerüsten.
Die Stadt ist mal so, mal so. So la la.
Dein Autor hat sich längst verzogen,
heimgedreht, wie man in anderen Breiten sagt.
Nur du bleibst ewig starr, du Steingedicht,
während die Trauerweide nach den Wellen lechzt.

Kontrafaktur ist ein unveröffentlichtes Gedicht von Leopold Federmair, nach dem japanischen Gedicht von Tamiki Hara.

Lesen Sie dazu auch den Essay von Leopold Federmair über Die Weltfriedenskirche von Hiroshima, der die Hintergründe der beiden Gedichte beleuchtet.

Zuletzt erschien von Leopold Federmair: Ein Schrein auf dem Kaufhausdach, Shinto Gedichte, Edition Tandem, 140 Seiten, Euro 22,-

Cover © Edition Tandem

Scroll To Top