Eva Schörkhuber
Woran die Sprache sich rächt Woran rächt sich die Sprache wenn sie sich zum Gedicht verflüchtigt und die großen Sätze eindampft zu Worten, die an den Scheiben kondensieren, an den Trennscheiben, den Windschutzscheiben, den Panzerglasscheiben, an denen alles abprallt, das sich dem Lichtzwang, dem Sachzwang, dem Gehorsam entzieht. Woran rächt sich die Sprache wenn sie sich zum Gedicht verschnürt und ihrer Zeit den Puls fühlt, der um sich schlägt, der mit Sätzen drischt, mit Hass vergärt und Nachsicht erntet. Woran rächt sich die Sprache wenn sie sich zum Gedicht versteigt wenn sie unsicher wird, tastend und abwegig wenn sie sich weigert, auf Zungen zergehen zu lassen, was anderen den Hals umdreht. Woran rächt sich die Sprache wenn sie es ablehnt, Komplizin zu sein Komplizin des Verschweigens Komplizin der Verhöhnung Komplizin der Schwarzweißmalerei, die alle Zwischentöne raubt, die alles sang- und klanglos vom Tisch fegt und alle über Bord wirft. Woran rächt sich die Sprache wenn sie die Kreuzfeuer löscht, die überall geschürt werden wenn sie den Kreidefressern ins Gesicht spuckt und das, was sie sagen, bloßstellt im ganzen Irrsinn, der kursiert, der von Blatt zu Blatt hüpft und sich in die Gehörgänge krallt. Woran rächt sich die Sprache wenn sie die Angst in die Luft wirft und die Scham aus den Köpfen, wenn sie Neugier in die Ohren pflanzt und Nichts einfach auf sich beruhen lässt. Woran rächt sich die Sprache wenn sie an den tausend Stäben rüttelt und ausbricht aus dem Haus des So-Seins, wenn sie Trennscheiben einschlägt, Behauptungen enthauptet und immer und immer und immer wieder die Aussage verweigert.

Zuletzt erschienen Gedichte von Eva Schörkhuber,: Mich wundert, dass ich fröhlich bin. + 5 Zeichnungen von Fritz Widhalm. Das fröhliche Wohnzimmer. Wien 2023