E.A. RICHTER
Die Poesiegalerie gratuliert E.A. Richter herzlich zu seinem 85. Geburtstag heute!
NOCH EINS IST ABER noch eins ist aber – ich stand beim Bett, warf mich hinein, wickelte mich in den Geruch, den ich nicht roch, denn es wäre mir plötzlich – ich mit meiner Anosmie – aber im Moment spürte ich mein Herz, ich hörte es reden, schlug sich einen Weg durch mein Ohr, wofür ein Wort, Wörter, Worttaschen – und das Ohr inmitten der Gepölsters, ich hatte den Titanenfürsten verlassen, mit schweifenden Augen, auch Wimpernbrut, und dieses Lebenslicht – einen Moment dieses Glück, dass sich mein Atem rückfällig – und die Nase in dieser Stoffausstülpung – ich hätte das Glück des Tages behalten können, auch um 9 Uhr, seit 27 Stunden schlafbereit – aufgesprungene vibrierende Lippen, dieses Geschwülst in der Hülle, auf der ich lag, und Sandra Hüller oder nur anna_bri, die nicht aufhören konnte mit ihrem Baucheinziehn, zugleich Herzernährung. Erst einmal eingerollt, auch der kalte Arsch, die weiche Windel zwischen den Schenkeln, und hinten nur aufsteigende Kälte beim Gedanken an die Eisschwimmer – Dichter, die ganz von selbst funktionieren –, jetzt die Wand, die noch immer blutet von der Hand des 14jährigen Sohns – Kakteen als mexikanische Anmutung – wie sich aus diesem Widerstand, dieser Verzückung dieses Gedicht entwickelt, Hölderlin und Bloodlands, seine Partisaninnen – ihr Gesang von den Lippen geronnen, als wär der Schlaf schon vorbei, tief und noch tiefer eingedrungen in den vollendeten Tag – schon Zeitkult, Tagesverkündigungen – aus den Büchern gepresste Zeit. Ja, und die Gaben der Mutter, ihre Hausschürze, Ofenhitze – warum auch immer, aber da bin ich schon aus dem Bett gehüpft in die Arme der zitternd Glänzenden, in ihre Aura, ihre Mär, wenn der Morgentau – noch eins ist aber – wenn ich, an meinen Schatten gewandt, dieser Kult, Kreisel, auf dem Parkett der Grünpflanzenaufmarsch, die selbst hergestellten Fahnen anstelle der traurigen Jalousien – jeden Abend lass ich die Jalousien fallen, ich liebe diesen Krach, jeden Morgen zieh ich sie rauf, ihre schmählichen Reste – Projektionen verderben mich, Propheten verdrehen mich in meine alltägliche Gestalt, die scheint rückwärts zu gehen, ostwärts, teilt sich auf in eine fünffingrige Sonne – ich als Versöhnender, zugleich im Vorder- und Hintergarten, zugleich Invasion und in Memoriam. Noch eins ist aber – und schon schwappt die Nähe heran, das nahe Bett, Bettgeruch, nackter Unterleib, Leibesgeruch – alles von gestern verfängt sich, ich höre die Reden noch einmal, Iphonefotos en masse, alle Beschützer direkt über mir, schon wird ein Traum ausgeheckt von in Bari befindlichen Frauen, jetzt in dieses pure Atemgedicht, das ich direkt in den Schlaf hinein verlasse, es fixiert mich als Schlafenden, da war ich schon schwebend, in Schlafzahlen verloren – noch eins ist aber
Zum Schreibverfahren:
Das Gedicht ist als erstes vom Zyklus EINDICHTUNG entstanden. Es überschreibt, Wendung für Wendung, eine Passage aus Hölderlins Elegie „Der Gang aufs Land“ – aber das Palimpsestartige ist nur eine seiner Schichten. Die zweite ist der Körper, der durch das ganze Gedicht hindurch nicht aufhört, sich zu melden: Anosmie, kalter Arsch, vibrierende Lippen, rückfälliger Atem. Er ist nicht Thema, über das geschrieben wird, sondern die Instanz, die schreibt. Die dritte Schicht ist die Gegenwart, die in Gestalt medialer Fundstücke ins Gedicht einbricht – Sandra Hüller neben Hölderlin, Iphonefotos neben der Kindheitserinnerung an die Mutter –, gleichberechtigt, unkommentiert, Gegenstände auf dem Nachttisch. Das Formprinzip, das alle drei Schichten verbindet, ist die hypnagogische Drift: der Schwellenzustand zwischen Wachen und Schlafen, in dem das Ich seine Regie abgibt und aufnimmt, was grad kommt.
Dieses dreifache Verfahren – Palimpsest eines fremden Textes, Körperprotokoll, Aufnahme medialer Gegenwart – ist das, was der Titel EINDICHTUNG meint: daß man sich in die Sprache so tief einschreibt, dass fremder Text, Körperreaktionen und zeitgenössisches Rauschen ununterscheidbar werden.

Zuletzt erschien von E. A. Richter: An Lois. Gedichte. Edition Korrespondenzen, Wien 2019. 112 Seiten. Euro 18,-
Cover © Edition Korrespondenzen