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Zwischen dem Weißraum

Zwischen dem Weißraum

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Lukas Meschik liest Hanne Römers LUFT


Der neue Band von Hanne Römer kann nur bedingt für sich genommen betrachtet und beurteilt werden. LUFT ist der Mittelteil einer Trilogie, ihm ging der Band DATUM PEAK voraus, der sich mit dem Komplex (antarktischer) Forschung befasste. Die hier fortgesetzte Trilogie ist eine der Expansion und Ausbreitung, sie antwortet damit der vorangegangenen „Trilogie der Kompression“ (IM GRÜNENGRATERAUTE). 

Cover © Ritter Literatur

Beim Lesen von LUFT betreten wir also einen Kosmos, und zwar jenen der von Römer konzipierten aufzeichnensysteme, die sie seit dem Jahr 2000 entwickelt und ausbaut. Ihre Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Literatur, visueller und radiophoner Kunst. Das klingt reichlich vertrackt, und es handelt sich um Kunst, die es nicht gerade zum Fetisch erhebt, sofort verstanden zu werden. Diese Aussage ist nicht wertend gemeint. Manches wirkt hier sehr hermetisch, und wie man das findet, bleibt der Leserschaft überlassen. Bei Handke gibt es die beim Theaterpublikum eingeforderte „Arbeit des Zuschauers“, und so ist es nicht verkehrt, auch eine „Arbeit des Lesers“ vorauszusetzen. Interessant ist all das allemal, eben weil es anders ist als so vieles, was bei einem so am Schreibtisch landet. Da sie einzeln erscheinen, ist es natürlich nur folgerichtig, die Bücher als in sich geschlossene Kunstwerke wahrzunehmen und sich ihnen zu nähern. So also jetzt beim Brückenband der Antwort-Trilogie LUFT. Das alles nur vorweg zur Einordnung.

aufschluss

im ganzen
trittsicher

führt noch einmal eindringlich vor
bevor es an die reserven geht

bestens verschanzt
bohrt einspitzigkeit

auge
ohr

Viel Weißraum

Der Band gliedert sich in fünf Textabschnitte: FLUT, FLUCH, FLUCHT, FURCHT und FURT. Es sind jeweils nur ganz wenige, präzise hingetupfte Wörter, die eine Seite bevölkern, selbst der Abstand zwischen ihnen ist bewusst gewählt, mal ist es nur eine Zeile, mal sind es zwei, drei, viele Zeilen. Was so entsteht, ist eine Hierarchie der Zäsuren, die sich einem manchmal klar erschließt, manchmal aber Bedeutung nur behauptet, sie nicht nachvollziehbar einlöst. Die karge Gestaltung umschreibt der Verlag sehr elegant: „Das mit viel Weißraum gestaltete Buch lädt zu einer Rezeptionsweise des Innehaltens und Loslassens ein, zum gedanklichen Luft-Holen in heutigen Umgebungen kurzatmiger Rastlosigkeit.“ Mit anderen Worten: Die Seiten sind sehr leer. Es kann vorkommen, dass drei kleine Wörter eine eigene bekommen.

auflösung
im freien

Ebenfalls eine ganze Seite:


inmitten von wiesen
kein sitzen

Man kann das streckenweise ulkig und prätentiös finden, sollte sich aber selbst dazu ermahnen, sich auf die reduzierte Gestaltung und den Rhythmus der kargen Texte einzulassen. Es eignet sich eben nicht für die häppchenweise Lektüre zwischendurch in der U-Bahn neben quasselnden Passagieren und ihren plärrenden Smartphones. LUFT stiftet zu etwas an, das altmodisch klingt und aus der Zeit gefallen wirkt: zu Verlangsamung, Innehalten, Kontemplation. Es gibt kein richtiges Lesen im falschen – ein solches Buch sollte man unbedingt auf die richtige Art lesen. Dann wird der geruhsame Atem der Sprache ansteckend und lädt zum Mitatmen ein.

luftglimmer

starkwindfrei

übrigens

gerüchte

erzeugen

gerüchte

hemden

gestärkt

glanzlos

verengt

Vielsagende Auslassung

Es spricht für Hanne Römer, dass sie ihre zarte Lyrik von allem Ballast befreit. Keine ablenkende Interpunktion oder direkte Rede, die Sprache wird keiner Person zugeordnet, sondern erreicht uns als unverortete, allmächtige Stimme. Die Autorin nimmt damit die Leserschaft ernst und traut ihr zu, die Interpretation und das Bilden von Zusammenhängen selbst vorzunehmen. Regelmäßig finden sich luzide, beinah aphoristische Stellen, für die man Aufmerksamkeit und Konzentration braucht, um dafür empfänglich zu sein. „gerüchte / erzeugen / gerüchte“ ist ein schönes Beispiel. Andere hätten für diese schmerzhafte Wahrheit mehrere Zeilen oder gleich ein ganzes Gedicht gebraucht, bei Römer reichen drei Wörter – die damit noch viel mehr aussagen, weil so eben auch das gesagt wird, was „nicht“ gesagt wird. LUFT ist ein famoses Beispiel für die Kunst der vielsagenden Auslassung.

Gern bedient es sich eines wissenschaftlichen Vokabulars, sucht die Poesie in kühl daherkommenden Begriffen aus Natur und Technik, erschöpft sich darin aber keineswegs. Überhaupt versucht sich der Band an einer distanzierten Klassifizierung und Archivierung nicht nur von Sprachkapseln, sondern auch von Alltagsbildern und Gefühlen. Das ist weniger abstrakt, als es vielleicht klingt, und je nach Gemütsverfassung wird der Leser oder die Leserin einen anderen Zugang dazu finden. Da und dort blitzen ganz handfeste Alltagsszenen auf, die den Band aus den schöngeistigen Sphären auf den Boden zurückholen und alles angenehm erden. Auch in der Lyrik ist Platz für eine „Vorschreibung“, was sofort an hohe Energiepreise und die prekäre Lebensrealität von Kunstschaffenden erinnert. Auch Sozialversicherungsbeiträge wollen beglichen werden.

See Also

gegen die vorschreibung
frei von anmut
zumutung
gemuhe

schorf im abguss
den jahreszeiten entsprechend
gebrechen

rauchzeichen
unbemerkt
verraucht

statt
auftrieb
aufrieb

Sympathisches Duo

Was den Band neben den Kapiteln zusätzlich strukturiert, sind eingestreute kurze Dialoge zwischen einer anonym bleibenden „Forscherin“ und einem ebenso anonym bleibenden „Forscher“. Auch diese sind sehr karg, operieren allerdings mit einem feinen Witz. Diese unbeholfenen Wortwechsel haben durchaus Beckett-Niveau und könnten einem Stück von ihm entnommen sein. Sie lockern angenehm auf, lassen einen schmunzeln. Es erinnert an skurrile Beziehungsdialoge, bei denen die Protagonisten hartnäckig aneinander vorbeireden, einander zwar Dinge ausrichten, leider aber nie wirklich zuhören und bloß im Reißverschluss-System zwei Monologe zusammenschnurren.

Forscherin: „Du saugst die Luft so ein.“
Forscher: „Du stößt die Luft so aus.“
Forscherin: „Wie eine Dampfmaschine.“
Forscher: „Wie ein Presslufthammer.“
Forscherin: „Wie ein Staubsauger.“

Luftite

Im letzten Teil von LUFT erwarten uns fünfunddreißig mit Feder und Tusche gezeichnete Originalzeichnungen der Autorin. Es handelt sich um ein „Tableau der Luftite“, also mit filigranem Strich eingefangene Anordnungen von Luft, in denen man durchaus Wesen erkennt, jedenfalls herauswachsende Gliedmaßen. Auch hier beweist der Ritter Verlag Großzügigkeit, was die gestalterische Freiheit der Künstlerin angeht: Die Bilder erhalten ihren eigenen Raum, um Wirkung zu entfalten, dazwischen Leerseiten, was das einzelne Luftit – den einzelnen Luftit? – frei atmen lässt.

Eine Begegnung mit ihnen und Hanne Römers luftigen Texten wird den eigenen Blick in die Umgebung und ins Innere in jedem Fall schärfen. Überlassen wir das Schlusswort der im Buch lebenden Forscherin, die gegen Ende sagt: „Du brauchst gar nicht mehr zu atmen, die Luft ist gleich aus.“ Das ist so traurig, dass es schon wieder lustig ist. Römers Witz bleibt subtil, hat eine warme Melancholie, und darin erzeugt ihre geheimnisvolle Lyrik umso nachhaltigere Heiterkeit.


Hanne Römer: LUFT. Ritter Literatur 2026. Mit 35 Graphiken der Autorin. 240 Seiten. Euro 25,00,-

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