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Es ist nicht mehr nötig

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Alexander Kluy liest Erich Wolfgang Skwaras Sprungbrett und Sarg


So gestalterisch unauffällig der neue Gedichtband Erich Wolfgang Skwaras daherkommt, er ist in mehr als einer Weise Aufsehen erregend. Zum einen fasst er Gedichte aus 27 Jahren zusammen, einsetzend mit dem Jahr 1998 (dass im Anhang zwei Gedichte mit dem Erstveröffentlichungsdatum „1994“ gelistet sind, dürfte ein Spezialtest für besonders penible Leserinnen und Leser sein), als Skwara gerade einmal 50 war – und kennzeichnet sie als „Späte Gedichte“. 

Cover © Keiper

Sie kommen auf gerade einmal 100 Seiten, eine „Ausbeute“, die verglichen mit anderen Poeten auf eine besonders ausgesuchte Produktivität verweist. 1998 hatte er ja in „Nach dem Norden“, erschienen im nicht wirklich buchmarktpräsenten Heiderhoff Verlag, Gedichte aus der damals zurückliegenden Dekade 1987 bis 1997 zusammengefasst, der Band zählte 196 Seiten. 

Zum anderen ist unübersehbar auffällig, dass dieser Band so international und weltläufig ist wie kaum ein anderer, der in den letzten Jahren im österreichischen Verlagswesen produziert wurde. Jedem Poem gibt Skwara den jeweiligen Entstehungsort mit. Ebendies sticht ins Auge. Denn die Namen der Städte lauten: Florenz, San Diego, Paris, Perugia, Hong Kong, Lucca. Dazu kommen noch Landschaftsangaben wie „Toskana“ oder „Bei München“ oder die südostenglische Grafschaft „Kent“.

Und das dritte, literarisch fast noch Eklatantere findet sich ab Seite 60. Denn hier wechselt Skwara die Sprache. Es folgen auf 40 Seiten Gedichte, die er ursprünglich auf Italienisch, Französisch und Englisch schrieb und selbst eindeutschte. Man nenne die lebende Poetin, den lebenden Poeten deutscher Zunge, der aktuell post Hans Magnus Enzensberger, dem multilingualen Hansdampf in allen Gassen und Großediteur des „Museums der modernen Poesie“, eine solche Weltbereisetätigkeit nachweisen kann und dazu und daneben mehr als eine Fremdsprache beherrscht, aus der sie oder er zu übersetzen in der Lage ist?!

Ein später Ton?

Beim 1948 geborenen Skwara ist all- und ebendies der Fall. Das zeigt bereits seine Biografie. Der gebürtige Salzburger studierte erst in Wien, dann in Paris Romanistik, Musikgeschichte, schließlich Vergleichende Literaturwissenschaft. Das Musikalische ist ihm lebenslang stets wichtig gewesen und geblieben. Als er in Paris Student war, befreundete er sich mit den Geigern Henryk Szerying und Ivry Gitlis, für die er als Privatsekretär-Adlatus wirkte; wenig später, während eines Studienaufenthalts in Italien, war er zeitgleich Redakteur eines Magazins für klassische Musik, das das damals noch höchstrenommierte Label Deutsche Grammophon edierte. 1975 ging er in die USA, lehrte bis 1984 an der Georgetown University in Washington, D.C., anschließend ab 1986 an der San Diego State University im südlichsten Teil Kaliforniens. Im Jahr 2010 ließ er sich emeritieren. Als anschließenden fast ständigen Wohnort wählte er sich Florenz. Dort war er bis 2022 ansässig, dann übersiedelte er in seine Geburtsstadt.

Diese geografische wie mentale Ferne mag auch erklären, wieso Skwara als fleißiger Autor, der 1971 debütierte und über die Jahre nicht wenige Bücher im Doppel-Haus Suhrkamp und Insel publizierte, in den Jahren nach 2002, 2003, spätestens 2008, mit seinem vorletzten Roman, der in einem Hamburger Verlag herauskam, dem Literaturbetrieb, vor allem dem deutschen, der immer Berlin- und Hamburg-zentrierter anmutet, wie auch jenem in Österreich mehr und mehr abhanden gekommen ist. Wohl auch ein Grund dafür, dass sein letzter Roman „Mare nostrum oder Ein Bahnhof für jene, die ankommen“ (2019), erschienen bei Edition Korrespondenzen, nicht wirklich wahrgenommen wurde.

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Dabei wäre es an der Zeit, ihn wiederzuentdecken, auch und erst recht als Lyriker. Sensibel kreisen seine Poeme um „späte Töne“, um Einsamkeit, Isolation, um Zu- und Abwendung, um Altern und Nachlassen der Kräfte. Dabei ist ihm der hohe Ton, der große Gestus merklich fremd, ja, er scheut davor regelrecht zurück. Durchgehend – was ja bereits die geografische Lokalisierung vor Augen führt – allerdings ist er weltneugierig:

„Du kommst mit dem Schauen nicht zurecht
schnappst gierig nach Bildern
ein an Land geworfener Fisch“

Es sind auch Gestus und Duktus des Innehaltens, der Rückschau, des Resümierens nicht zu überlesen, und dabei sind Skwaras Verse immer wieder von großer Melodik geprägt. So heißt es im Gedicht „Sommerende“:

„Du siehst: Lähmung
überall Trägheit versäumtes Licht“

Auch um Gefühle, Affekte, einmal auch um Musik, wobei originellerweise Glenn Goulds Bach-Spiel mit einer amourösen Begebenheit in einem Automobil kollidiert, geht es hier. Und: Es stellt sich Souveränität ein, zumindest eine gewisse Spielart davon:

„Was sie auch sagen die Bilder
geh nicht hinaus zu den Toten
vergiss ihre Gräber.
Sie kommen zu dir
und gern wie es scheint.“

Ein anderer Ton?

In den fremdsprachigen Gedichten hört man hingegen einen leicht anderen Ton. In den in englischer Sprache geschriebenen Poemen etwa treten das Verspielte und die spielerischen Tonmodulationen eher bis ziemlich stark zurück und tendieren zu lakonischer Aphoristik – wobei die deutschen Versionen dann durchweg mehr als ein Gran Poetisierung aufweisen: „Do not hand over / life to death / do not tie death / with life / How to proceed ? („Nicht das Leben / dem Tod überlassen / und nicht den Tod an das Leben knüpfen. / Aber wie nun weiter?“). In ihrer Reduktion, ihrem statuarischen, ja lakonischen Ausdruck und ihrer prägnant an die Welt gebundenen Unmittelbarkeit gemahnen sie an die späten Gedichte des US-Amerikaners Robert Creeley, dessen 100. Geburtstag unlängst allseits stupend unbeachtet blieb. Dabei findet man auch hier exakt austarierte Brillanz von Rhythmus, Abfolge und Betonung:

„Take in the sky
of gold and bronze and crimson
one heartbeat more”

Auch die italienischen Gedichte – etwa „Ritorno“ („Wiederkehr“), das mit sonorer Abgeklärtheit einsetzt: „È tornata la stella / che ti manchava e ti mancherà / ogni anno per tempi lunghi / senza promessa ma in certezza / del suo ritorno“ („Der Stern ist zurückgekommen / der dir gefehlt hat und dir fehlen wird / jedes Jahr lange Zeiträume / ohne Versprechen aber in Zuversicht / seiner Wiederkehr“) – verweisen auf recht prägende Lektüren, die im Nachwort angedeutet werden, Cesare Pavese zum Beispiel oder Giuseppe Ungaretti, wobei diese Namen zu erwähnen Erich Wolfgang Skwaras Eigenständigkeit, Intensität und sprachliche Sorgfalt, die die deutsche, italienische, französische und englische Sprache ihm erwidert, nur noch zu unterstreichen vermag.


Erich Wolfgang Skwara: Sprungbrett und Sarg. Keiper, Graz, 2026. 124 Seiten, Euro 16,05

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