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Weitermachen, wo der Strom abriss

Weitermachen, wo der Strom abriss

In einer neuen Serie möchte die POESIEGALERIE beginnen, das Lyrikfeld in Österreich auszuleuchten und die wichtigsten Player vorzustellen. Heute zu Gast: Erwin Uhrmann, Autor und Herausgeber der bedeutenden Reihe Limbus Lyrik. Das Gespräch führte Udo Kawasser.


Seit 2008 hast du acht Bücher mit Prosa und Lyrik veröffentlicht und die meisten davon im Innsbrucker Limbus Verlag. Wie ist es dazu gekommen, dass du als Autor plötzlich zum Herausgeber einer Lyrikreihe in einem Verlag wurdest, der bis dahin, soviel ich weiß, fast gar keine Lyrik veröffentlicht hatte?

Im Grunde begann es mit einer witzigen Situation. Ich war 2014 mit meinem Verleger, Bernd Schuchter, auf der Frankfurter Buchmesse und wurde dort für ein Magazin interviewt. Die Journalistin fragte mich nach meinem nächsten Buchprojekt und ich meinte, es sei ein Lyrikband. Daraufhin fragte sie mich, ob der auch im Limbus Verlag erscheine und ich meinte, das müsse wohl der Verlag entscheiden. Sie fragte dann Bernd Schuchter, was er davon halte, jetzt auch Lyrik herauszubringen, und er meinte, warum nicht. Tatsächlich hatte er schon eine ganze Weile Interesse, Lyrik zu machen. Nachdem zwei, drei Lyrikbände gut gelaufen waren, haben mich Bernd Schuchter und Merle Rüdisser gefragt, ob ich eine Lyrikreihe als Herausgeber betreuen würde.

Nach welchen Kriterien habt ihr die Lyrikreihe konzipiert und was genau ist deine Aufgabe?

Die Lyrikreihe soll sukzessive ein Bild des aktuellen Lyrikschaffens in und um Österreich ergeben. Da es in Österreich eine hohe Diversität, viele unterschiedlicher Ansätze und sehr viele solitäre lyrische Positionen gibt sind die Auswahlkriterien bewusst sehr offen. Es geht einerseits darum, Vielfalt abzubilden und auch einen Überblick zu geben, andererseits, auf einer längeren zeitlichen Achse Entwicklungen zu erforschen und offenzulegen. Meine Aufgabe ist es, diese Reihe zu kuratieren, also die Autor*innen und Projekte auszuwählen und innerhalb des Verlags zur Diskussion zu stellen.  Nicht nur das große Ganze, sondern jedes einzelne Programm, jede Saison soll in sich auch stimmig sein.

Wie viele Bände erscheinen pro Jahr und wie viele sind bis jetzt erschienen?

Bis jetzt sind 26 Bände in der Reihe erschienen. Wir haben im Herbst 2016 mit unter einem himmel von Stephan Eibel Erzberg begonnen. Ab dem Frühjahr 2017 sind zwei Bände pro Saison erschienen und seit Herbst 2018 drei. In manchen Saisonen gibt es auch Sonderprojekte, da erscheinen dann noch weitere Lyrikbücher, die formal anders gestaltet sind. Die Lyrikreihe hat natürlich auch schon Kontexte und ein Umfeld geschaffen. So erschien im Jahr 2019 die von Robert Prosser und Christoph Szalay als Herausgeber betreute Anthologie wo warn wir? ach ja:, eine sehr fundierte und weitreichende Zusammenstellung junger österreichischer Gegenwartslyrik.

Diesen Bogen von einem etablierten Autor wie Eibel zu einer Anthologie ganz junger Gegenwartslyrik aus Österreich ist interessant. Würde man beim Launch einer neuen zeitgenössischen Lyrikreihe nicht eher den umgekehrten Weg erwarten, also einem Beginn mit ganz frischen Positionen?

© Copyright aller Fotos: Johanna Uhrmann

Es gibt viele junge Positionen in der Reihe wie etwa Katharina J. Ferner, Timo Brandt, Isabella Krainer oder Lukas Meschik. Stephan Eibel war der ideale Start. Einerseits bildet er eine Brücke zu einer anderen Generation, in der Lyrik noch einen anderen Stellenwert in der Öffentlichkeit hatte, andererseits ist seine Lyrik immer frisch und äußerst zeitkritisch. Gerade erscheint sein dritter Band in der Reihe mit dem Titel Decke weg. Er hat den Erzberg jetzt hinter sich gelassen, aus seinem Namen gestrichen, ihn, wie er selbst sagt, „abgetragen“. Dieses „Abtragen“ lässt sich in der Lyrikreihe nun nachvollziehen. Das sind literarische Entwicklungen, die diese Reihe bereits nach fünf Jahren sichtbar machen kann. Im zweiten Programm folgte Cornelia Travniceks Parablüh. Monologe mit Sylvia, für das sie zu jedem Gedicht in Sylvia Plaths Der Koloss eine Entsprechung schrieb, sowie Lydia Steinbacher mit ihrem Lyrikband Im Grunde sind wir sehr verschieden, für den sie selbst Zeichnungen anfertigte. Ich denke, die Reihe zeigt mittlerweile ein großes Spektrum und Autor*innen aller lebenden Generationen. Vielleicht noch zum Wort „frisch“. Frisch sind alle ausgewählten Projekte. Ich denke da zum Beispiel an Barbara Pumhösel mit ihrem Langgedicht Die Distanz der Ufer. Als ich dieses Manuskript gelesen hab, war ich völlig hin und weg. 

Es ist zweifelsohne ein großes Verdienst der Reihe, die österreichische Gegenwartslyrik in einer breiten Palette zu präsentieren. Wie entscheidest du oder wie entscheidet ihr, welche Autor*innen bzw. welche Manuskripte publiziert werden?

Wir sondieren sehr sorgfältig und diskutieren die Manuskripte und Vorschläge, die uns erreichen. Dafür erstelle ich zunächst eine engere Auswahl, die aber noch immer recht groß ist. Diese Auswahl diskutieren wir dann, Merle Rüdisser, Bernd Schuchter und ich – und diese Diskussionen sind immer sehr spannend und dauern lange. Immer wieder spreche ich aber auch Lyriker*innen an und frage, ob sie an einer Zusammenarbeit interessiert wären. Im Grunde überlege ich natürlich, welche Facetten in der Reihe noch fehlen, welche Zugänge noch interessant wären, um dem Anspruch gerecht zu werden, den wir mit der Reihe verfolgen.

Das war nun eher die formale Seite. Aber nach welchen Kriterien kommst du zu einem Urteil über das eingereichte Manuskript? Wie beurteilst du die Qualität und ob es publikationswürdig ist? An Einsendungen wird es wohl nicht mangeln, oder?

Es kommen sehr viele Einsendungen. Mich interessiert dann, wie es sprachlich funktioniert, welche Themen es gibt, welche Herangehensweisen und auch wie relevant die Texte sind. Manche Lyrikprojekte sind sehr konzeptuell, das kann spannend sein.

Da möchte ich gleich einhaken. Wie zeigt sich für dich die Relevanz der Texte?

Das ist ein guter Punkt, Relevanz zeigt sich durch die Originalität der Sprache, auch durch die Genauigkeit. Formal gibt es ja wenige Kriterien bei zeitgenössischer Lyrik. Natürlich kann auch auf alte Formen zurückgegriffen werden, wenn der sprachliche Ansatz trotzdem nicht rückwärtsgewandt ist.

Relevanz stellt sich also nicht über den Inhalt her?

Ja und Nein. Es gibt Lyrikbände, die sich entlang klassischer Themen bewegen, die aber sprachlich sehr zeitgenössisch sind. Es gibt sehr erzählerische Lyrik und es gibt auch abstraktere Positionen.

Spielt Gender bei der Auswahl der Manuskripte und Autor*innen eine Rolle?

Ja, das spielt eine wichtige Rolle. Das Geschlechterverhältnis in der Lyrikreihe muss immer ausgewogen sein. Es gibt gefühlt einen Überhang an Einsendungen unverlangter Manuskripte von männlichen Autoren, das spielt aber keine Rolle, denn hier haben wir sehr klare Kriterien definiert.

Welche Nachricht möchtest du mit dieser Lyrikreihe in die literarische Öffentlichkeit hinaussenden?

Lyrik ist die freieste literarische Form, deshalb ist sie auch die interessanteste und relevanteste. 

Warum entsteht aus Freiheit besondere Relevanz?

Weil sie sich nicht nach den Kriterien des Marktes richten oder verbiegen und am wenigsten ein konsumierbares Produkt sein muss.

Ein auffallendes Merkmal der Reihe ist ihre schöne grafische und buchtechnische Ausstattung mit festem Umschlag und Lesebändchen. Wie kam es dazu und wer ist für die Ausstattung zuständig? 

Dem zugrunde liegt eine entscheidende Überlegung Bernd Schuchters. Die Lyrikbände sollen ihre Qualität auch in einer ästhetischen Ausstattung widerspiegeln, also eine besondere grafische Gestaltung, Lesebändchen, Hardcover. Und die Bände sollen gleichzeitig auch günstig zu erwerben sein. Ein Lyrikband kostet 15 Euro, das ist ein erschwinglicher Preis für ein derart wertiges Buch. Von der Gestaltung her hat die Reihe eine Grundkonzeption, die jedoch immer wieder durchbrochen wird. Johanna Rüdisser illustriert die Cover der Reihe. Gelegentlich, wenn es bei einem Projekt Sinn ergibt und die Möglichkeit besteht, werden Künstler*innen mit einbezogen. Das kann auf unterschiedlichste Weise geschehen, zum Beispiel in Form von Gegenüberstellungen von Texten und Bildern. Hier haben wir schon viele Spielarten ausprobiert. Mir ist hier wichtig, dass Lyrik und Kunst einander auf Augenhöhe begegnen. Soeben ist der Band Investitionsruinen von Jana Volkmann erschienen. Sie hat den Künstler Jörn Budesheim eingeladen, dessen Kunst sie lange und gut kennt. Für den Band haben Künstler und Autorin Werke ausgewählt, die den Gedichten begegnen – eines auch für das Cover. Projekte wie dieses gab es schon einige. Um nur ein paar von vielen zu nennen: eine Zusammenarbeit zwischen Alfred Goubran und der Künstlerin Kazaki Maruyama, für die der Philosoph Boris Manner die Kuratierung übernahm; eine Zusammenarbeit zwischen Alexander Peer und dem Künstler Moussa Kone; zwei Bücher, bei denen Isabella Manfred Poor Fotografien zu den Gedichten Isabella Feimers beisteuerte und viele mehr. 

Wie haben die Leser*innen und Rezensent*innen auf die Reihe Limbus Lyrik reagiert? 

Die Reihe wird mittlerweile sehr gut angenommen. Ich denke, anfangs gab es natürlich noch Zweifel, wie sich so eine Reihe entwickelt. Aber Kontinuität und Qualität wirken auch auf Rezensent*innen, Veranstalter*innen, Buchhändler*innen und Leser*innen vertrauenserweckend. Ein großer Moment der Reihe war, als Daniela Chana im Jahr 2019 mit ihrem Lyrikband Sagt die Dame unter die Lyrik-Empfehlungen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gewählt wurde.

© Johanna Uhrmann

Wie zufrieden bist du mit der Lyrikkritik in den österreichischen Medien? Die Poesiegalerie hat sich ja aus Unzufriedenheit mit der Kritik zur Aufgabe gemacht, einen erheblichen Teil der österreichischen Lyrikproduktion zu besprechen.

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Hier sehe ich ehrlich gesagt eine Lücke. Lyrik wird in Österreich auf manchen Ebenen einfach ignoriert und sicher auch zu wenig rezensiert. Dabei gäbe es einige Verlage, die Lyrik herausbringen. Ich frage mich dann immer, woran es liegt, denn mal ganz pragmatisch betrachtet: ein Lyrikband liest sich für eine/n Rezensent*in schneller als ein 500-Seiten-Roman. Sicher liegt es aber auch an dem wenigen Platz, der in Medien zur Verfügung steht. 

Ich habe sowohl von Literaturredakteur*innen als auch von Buchhändler*innen gehört, dass sie sich in der Lyrik nicht mehr auskennen und deswegen die Finger davon lassen. Zutreffend?

Klar, jede Rezension ist auch eine Art Bewertung – und wie etwas bewerten, bei dem man sich unsicher ist. Wenn Lyrik breiter in der Öffentlichkeit diskutiert wird, dann löst sich dieses Problem von selbst. Bedenkt man die Tatsache, dass wir im Land von Friederike Mayröcker, Christine Lavant, Ernst Jandl, H.C. Artmann etc. leben, dann frage ich mich: Wo war der Stromabriss, wann hat man aufgehört, sich mit Lyrik in einer größeren Öffentlichkeit zu beschäftigen?

Wobei sie in ihren Refugien wunderbar weiterblüht

Ja, ich sehe auf manchen Ebenen sehr viel Engagement für Lyrik, zum Beispiel in den Wiener Literaturinstitutionen. Literaturhaus Wien, Alte Schmiede, Österreichische Gesellschaft für Literatur räumen der Lyrik ihren Stellenwert ein und sind für Lyriker*innen und Lyrikinteressierte gleichermaßen bedeutende Orte. Auch einige Buchhändler*innen engagieren sich sehr stark. Und wichtig sind auch die Ö1 Nachtbilder und die regelmäßigen Abdrucke von Gedichten in einigen österreichischen Tageszeitungen. Das macht Lyrik sichtbar. Lyrik liest sich anders als Prosa, das ist auch ein großer Vorteil. Ich habe von mehreren Leser*innen schon gehört, dass die Lyrikbände wie Begleiter für sie funktionieren. Man trägt so ein Buch mit sich und liest die Texte, je nach wo und wann, immer anders. 

Im Übrigen zeigen Projekte wie die Poesiegalerie, dass es auch eine Selbstermächtigung von Lyriker*innen gibt. Das ist spürbar, auch der Wunsch, sich zu vernetzen. Natürlich muss so etwas auch von öffentlicher Seite mitgetragen werden. Gerade haben wir erlebt, wie fixpoetry aufhören musste, weil es dafür keine Förderung gab. Unglaublich eigentlich.

Welchen Einfluss hatte und hat die Pandemie auf die Reihe?

Die Pandemie wirkt sich in vielerlei Hinsicht aus. Einerseits für die Autor*innen. Vor einem Jahr war die Lage wirklich dramatisch. Mittlerweile aber können auch in der Pandemie an vielen Orten schon Lesungen stattfinden und Bücher präsentiert werden. Ich erinnere mich an eine seltsame Situation. Ich bin beim Spazierengehen während des ersten Lockdowns bei einer Buchhandlung vorbeigegangen. Da standen in der Auslage die drei aktuellen Limbus-Lyrikbände. Nur war die Buchhandlung geschlossen, bestellen war dann aber zum Glück bald möglich. Worüber ich sehr glücklich bin: in der Reihe Limbus Lyrik ist trotz Pandemie nichts eingeschränkt oder gekürzt worden, nach wie vor erscheinen drei Bände pro Saison. Dafür ist dem Verlag, also Bernd Schuchter und Merle Rüdisser, und ihrem enormen Engagement zu danken.

Welche Autor*innen werden dieses Jahr erscheinen? 

Im heurigen Frühjahr ist bereits American Apocalypse von Isabella Feimer, mit Fotografien von Manfred Poor erscheinen – eine atemberaubende lyrische Reportage durch die Amerikas; im März jetzt erscheinen jetzt die drei Bände Investitionsruinen von Jana Volkmann, Decke weg von Stephan Eibel und Echos von Markus Pöttler. Zudem wird der Lyrikband Das zweite Gesicht von Erika Wimmer-Mazohl erscheinen, in dem sie sich auf Dante-Miniaturen des Südtiroler Künstlers Markus Vallazza bezieht. Im Herbst gibt es dann wieder drei Lyrikbände in der Reihe. Spannend ist, dass manche Autor*innen bereits einen zweiten Band herausbringen, wie im Fall von Isabella Feimer, oder einen dritten, wie im Fall von Stephan Eibel. In den nächsten Jahren wird das Programm also dahingehend sehr durchmischt sein, dass neben neuen Autor*innen auch einige mit weiteren Bänden kommen.

Und wie sieht es mit eigenen Projekten aus? Färbt die Herausgeberschaft auf die eigene Arbeit ab?

Die Herausgeberschaft färbt mit Sicherheit auf meine Arbeit ab, allein schon deswegen, weil ich mich dauernd mit aktueller Lyrik beschäftige. Im Herbst werde ich, gemeinsam mit dem Komponisten Karlheinz Essl ein Buch herausbringen, für das ich lyrische Texte geschrieben habe. Unsere Arbeit folgt einem gemeinsamen Konzept, bei dem es um Soundscapes und Wahrnehmung geht. Also schon auch wieder Lyrik, aber in sehr konzeptueller Form und als Kooperationsprojekt. Wann ich selbst wieder einmal einen Lyrikband herausbringe, weiß ich noch nicht. Aber es mag sein, dass ich derzeit weniger Lyrik und mehr Prosa schreibe, weil ich mich auf anderer Ebene damit beschäftige. Nachdem ich bereits eine Dystopie geschrieben habe (Ich bin die Zukunft, 2014) arbeite ich derzeit an einem utopischen Roman, der mitten in Europa spielt. Für mich ein Wagnis, da ja Dystopien derzeit viel plausibler sind. Man kann sich eher eine kaputte Welt vorstellen, als Alternativen zu denken.

Die POESIEGALERIE dankt vielmals für das Gespräch!

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