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Vom Dickicht der RAENDER

Vom Dickicht der RAENDER

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Helmuth Neundlinger liest Christoph Szalays Gedicht „und irgendwann wieder“ aus dem neuen Band RAENDERN

und irgendwann wieder durch diese Landschaft ziehen 
können, denkst du. irgendwann wieder etwas sagen
können, über all jene Orte, an denen du vorüberkommst — den
Marktplatz, den Speicher, die Staumauer 2000 m überm Meer,
die Höfe hinten im Tal, das Wäldchen nicht weit der Heime,
die Metallwerke, Textilfabriken, die Gruben nahe der Brücke
überm Fluss. irgendwann also wieder Wörter dafür haben. eine
Sprache vielleicht, für eine Zugfahrt mit leichtem Gepäck. für
die Schürfwunden, den Staub unter den Zähnen, der Zunge, den
abgekratzten Fingernägeln, irgendwann also vielleicht einen
Schacht freilegen, Fundamente ausheben, den Schutt in der Mitte
des Ortes zusammentragen. irgendwann also um die Erzählungen
wissen, sagen, es fehlte an schwerem Gerät, wir mussten
Verbindungen schlagen zwischen den Dörfern, den umliegenden
Tälern, den nächstgelegenen Städten, wir mussten Material
ranschaffen für ein ganzes Land, eine Idee von Welt unter
konstanten Bedingungen des Himmels, die Namen jener, die uns
den Rücken zukehrten, durften wir vergessen, so hieß es sohießes
so hieß es, dienamenalljener dieunsdenrueckenzukehrten durften 
wir vergessen, sohießes sohießessohießes, diese Idee von Welt
also von Landschaft, von Himmel, oder was weißt du übers
Dickicht oberhalb der Baumgrenze

Christoph Szalays Gedicht nimmt seinen Ausgang bei der Möglichkeit einer Wiedergewinnung, die allerdings in ein unbestimmtes „irgendwann“ verschoben wird. Im Anfang war also nicht das Wort, sondern der Verlust desselben, eine Sprachlosigkeit, die sich über die scheinbaren Selbstverständlichkeiten und Vertrautheiten legt. Das Verlorengegangene kommt als einfache Aufzählung oder vielmehr als Aufrufen (aus dem Gedächtnis?) ins Bild. Es zeigen sich Formen an einer Grenze, in der Archaisches auf Industrielles trifft, und zwar in der Zufälligkeit des Wachsens und Wucherns, der man unter anderem in jener Region begegnet, aus der auch der Autor stammt: der Obersteiermark, dieser menschengezogenen Furche am Alpensaum. Dem Gedicht geht es aber nicht um eine konkrete Verortung, sondern um eine Verortung im Sprachlich-Konkreten, um die Selbstermächtigung des „etwas sagen(s)“, die zunächst nicht mehr leistet, als die Gegenstände an ihren Ort zu rücken, sie entlang des inneren Horizontes aufzufädeln und auszurichten. 

Die Anrufung der kontaminierten Landschaft verwandelt sich wie von selbst in eine Sprache des gleichfalls kontaminierten Körpers: Schürfwunden zeigen sich an ihm, Staub dringt in ihn ein. Die Arbeit an der Landschaft hinterlässt Spuren, auch am Körper dessen, der sich in sie hineinbohrt und über diese Anstrengung die Sprache verliert. 

Der dritte Kipppunkt des Textes schafft eine weitere Differenz: Nicht der Körper selbst spricht, sondern die Erzählungen, die sich über ihn und seine heroische Landschaftsgestaltung gebildet haben. Was nun folgt, ist die Erschließung um jeden Preis, die Stunde des Müssens, die kein Zurück mehr kennt, und schon gar keine Rücksicht auf solche, die sich von diesem Gewaltakt abwenden. Die Sprache, die hier spricht, ist keine wiedergewonnene, sondern eine, die von anderswo herkommt, von oben vielleicht, von unten? Jedenfalls manifestiert sie sich in einem bohrenden Echo, „sohießes“, subjektlos und zugleich alle Subjekte umfassend, und vor allem: alles und jeden einer Idee von Welt unterordnend, die offenbar immer schon da war und nur darauf wartete, geborgen zu werden in den Erzählungen. 

Es sind Diskurse der Eroberung, der Urbarmachung und Unterwerfung, die Christoph Szalay in diesem Gedicht aufruft. Die Landschaft fungiert hier in mehrerlei Hinsicht als Projektion: als Widerstand, als das sich einer einfachen Kohabitation Entziehende, als buchstäbliche Unwirtlichkeit, aber auch als Schauplatz, an dem sich jene Idee von Welt erst vergegenständlichen kann. 

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Mit einer gewissen paradoxen Konsequenz stellt die letzte Formulierung die Bewegung des Textes gleichsam auf den Kopf. In ihr wird ein „du“ angesprochen, das im System des Gedichts einen neuen Raum eröffnet, und noch dazu in Form einer Frage: „oder was weißt du übers Dickicht oberhalb der Baumgrenze“. Es ist, als würde Szalay mit dieser Frage dem erdenschweren Heroismus des Fundamentierens eine imaginäre Zone jenseits des Horizonts gegenüberstellen wollen, die sich jeglicher Unterwerfung entzieht. Oder was lässt sich schon wissen über das Unbekannte? 

Christoph Szalay: „und irgendwann wieder“, aus: derselbe: RAENDERN. Ritter, Klagenfurt, 2020. S.47

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