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halbwach im schlafkarussell nachts

halbwach im schlafkarussell nachts

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Monika Vasik liest Mitteilungen gegen den Schlaf von Augusta Laar


Besucht man die Webseite der Edition Melos, sieht man das kleine Foto einer Landschaft im azurblauen Meer, vielleicht die griechische Insel Milos (altgriechisch Melos). Darunter ist ein Ausschnitt aus einem griechisch-deutschen Wörterbuch platziert. μέλος, so heißt es in dem dunkel unterlegten Text, bedeute „lyrisches Gedicht, welches man zur Begleitung eines Instrumentes sang, Lied, Ode, Gesang (auch Singweise), … auch Ton des Redners.“ Denn Gedichte wurden früher gesungen, Lied und Gedicht waren eins. Es ist stimmig, dass die Dichterin und Musikerin Augusta Laar ihr neuestes Buch in diesem Wiener Verlag vorlegt. Denn die Künstlerin, die auch als DJ sampelt und mixt, arbeitet gern interdisziplinär. Ihre Dichtkunst und ihre Musik sind innig verwandt und stehen in vielfachem Austausch miteinander sowie mit anderen Genres, etwa dem Film. Laar verweigert die Beschränkung, will lustvoll Grenzen überschreiten. So war im Vorgängerband „Avec Beat“ (Black Ink Verlag 2020) die Musik bereits im Titel präsent, der Untertitel präzisierte „Kurzformen Mischungen Loops“, drei Worte, die ohne Beistrichtrennung gleichwertig nebeneinander standen. Auch im aktuellen Buch meidet sie das Wort Gedicht und wählt für ihre Verquickung von Text, Rhythmus und Musik die Gattungsbezeichnung „Träume Lieder Skizzen“.

© Copyright Edition Melos

„Mitteilungen gegen den Schlaf“ ist ein großzügig gestaltetes Buch: Hardcover, Fadenheftung, Lesebändchen und Papier, das haptischen Genuss bereitet. Großzügig ist das Buch auch, weil es den Texten viel Raum gibt, die eine oder andere Seite und am Anfang und Ende sogar drei Seiten leer bleiben, die man für Notizen nutzen kann.

Die Texte kreisen geradezu obsessiv um Schlaf und dessen Abwesenheit. Schlaf ist lebensnotwendig, um Körper und Geist zu regenerieren. Wie viele Stunden als genug erfahren werden, ist individuell unterschiedlich. Meist verschlafen wir knapp ein Drittel des Tages. Was aber, wenn dies nicht geschieht, man nur selten oder nie in den Genuss eines erholsamen Schlafs kommt?

Bei einer Lesung im Herbst letzten Jahres erzählte Augusta Laar, dass sie seit vielen Jahren unter Schlaflosigkeit leide, weshalb sie sich nun in einem Konzeptband diesem Thema eingehender widmete. Sie gliederte ihr Buch in drei Teile und noch mehr Stimmen, die nicht isoliert neben- oder nacheinander stehen, sondern sich gegenseitig durchdringen, ineinander fließen, mäandernd sich umspielen und assoziativ bereichern, gelegentlich ergänzt durch lautmalerische Elemente wie „shabby shabby“, „ratta tatta tatta“ und „shanana nana na“.

Einen der Teile bilden sogenannte „Nachtskizzen“, wenige Verse kurze Notate, die fortlaufend nummeriert sind und manchmal wie in NACHTSKIZZE #I haikuartig anmuten:

das blaue verrückte zeug
von der zunge fischen blühend
ein leckes fliedertier

gelegentlich philosophische Sentenzen anspielen, etwa Paul Watzlawicks bekanntes Axiom „Man kann nicht nicht kommunizieren“:

selbst im traum
ist es möglich
zu kommunizieren

gelegentlich unfertig blieben, bruchstück- und rätselhaft, etwa in NACHTSKIZZE#7:

besonders nachts wie es sich zu innen
und außen was dann geschält gerieben
so gegen den schmerz gegen alles die

Man stellt sich die Dichterin vor, die sich schlaflos im Bett wälzt und immer dann, wenn „vom nachtufer silbenäste“ winken, ein Gedanke, ein Traum, eine Impression aufwallt, zu Papier und Stift greift und schnell ihre Notizen macht. Auf ähnliche Weise entwickelte sie den zweiten Part, schwarz-weiße Strichzeichnungen, die die Künstlerin nachts im Dunkeln mit ihrer nicht dominanten Hand aufs Papier kritzelte, intuitive Skizzen mit meditativem Charakter, die sich einer Interpretation entziehen.

Und da sind als dritter Teil Gedichte in konsequenter Kleinschreibung, die in enger Verbindung zur Musik, gelegentlich zur Dichtung anderer, das Thema Schlaf bzw. Schlaflosigkeit sowie Bewusstseinszustände zwischen Wachen und Träumen verdichten. „die nacht schmeckt nach wartezimmer“, schreibt Laar und sie wartet, wartet lang und vergeblich, durchwacht die Nacht. Was macht sie dann? Hilft Lesen? Musikhören? Fernsehen? Helfen Schlaftabletten, hypnotische Substanzen, wenn man glaubt, nicht mehr liegen zu können? Zenübungen? „umhergehen nachts“? Verzweifelt man? Lernt man, sich irgendwann mit durchwachten Nächten abzufinden, oder muss man „hellwach“ im Bett, völlig erschöpft und zitternd vor Müdigkeit bloß wiederholt registrieren „und du schläfst immer noch nicht“? Laar beharrt:

die grunddynamik ist
halbaktiv auf ein ziel hin

Dieses Ziel heißt Schlaf, bedeutet Entspannung, Erholung, Müßiggang, und ist für sie kaum zu erreichen. Schon in den Titeln der Gedichte klingen Tipps und wenig hilfreiche Bewältigungsstrategien an, nüchtern rationale wie „anweisung zur schlafhygiene“, „probier mal das“ oder „wenn du nicht schläfst“, meditative wie „einatmen“ und solche, die Verschiebungen von Bewusstseinszuständen, das allmähliche Abgleiten in Phantasien, oberflächliche Träume sowie (substanzinduzierte) Halluzinationen anklingen lassen, etwa „hypnagogie“, „dysnomia“ und „angel dust“. Und es gibt märchenhafte Titel wie „verliebte autos im wald“. Der zugehörige Text spielt mit einer Traumfantasie:

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Cover Mujila Mwanza Fiston Kasala für meinen Kaku (klein)

wie sie pirouetten drehen wie sie
girlanden aus ihren rücksitzen stülpen
wie sie herzen aus ihren auspuffen blasen

Oder wir blättern in einem „Traumtagebuch“, das Traumfragmente mit der Musik entlehnten Begriffen wie „Cantabile“, „Con brio“ oder „Andantino“ gliedert und emotional unterlegt. Auch die Nähe von Schlaf und Tod taucht mehrfach auf. Schon die griechische Mythologie kannte Hýpnos, der alle Lebewesen in Tiefschlaf zu versetzen vermag, und seinen Bruder Thánatos, den Tod, beide Söhne der Nacht. Laar spielt wiederholt auf diese Nähe an, etwa wenn sie mit „Santa Muerte“ die in Lateinamerika verehrte Heilige Tödin ins Gedicht holt oder mit „Lux aeterna“ nicht nur die in Totenmessen übliche Bitte um ewiges Licht für Verstorbene anklingen lässt, sondern auch das gleichnamige Stück im Album „Requiem for a Dream“ des Filmkomponisten Clint Mansell, und im Gedicht selbst ein dystopisches Szenario mit leiser Religionskritik verbindet.

Nein, Laar kennt kein Wundermittel, das sie verlässlich in den Tiefschlaf treibt. Aber die Schlaflose kennt Ablenkungen, um körperliche Schmerzen, Verzweiflung und Langeweile zu vertreiben und dem nutzlosen Vergang der Zeit etwas entgegenzusetzen. In einem Gastbeitrag auf sz.de erzählte sie vor einem Jahr, dass sie zum Beispiel lese, „atemlos, ganze Gedichtbände, nachts, wenn ich nicht schlafe, Gedichte sind mein Trost, meine Seelennahrung, meine Inspiration“. Oder sie sieht Filme, wie ihre eigenen Gedichte erzählen, öfter noch hört sie Musik. Doch

davon bleibst du hellwach genau davon

weil sich wieder einmal eine Songzeile oder ein Rhythmus tief in sie eingegraben hat. Und so werden Referenzen an jene Filme, Bücher und immer wieder an die Musik integraler Bestandteil ihrer Gedichte, nicht nur in und zwischen den Versen. Häufig fügt Laar am unteren Seitenrand Zitate aus Songtexten hinzu, meist aus den Genres Rock und Pop, gelegentlich von Dichter*innen, etwa einen Vers John Miltons (1608-1674): „What hath night to do with sleep“. Eindringlich zudem, dass Laar schon mit den Urheber*innen der ersten drei Zitate den Bogen zu Schlafes Bruder spannt, denn Syd Barrett, Kathy Acker und Frank Zappa wurden durch ihre Krebserkrankungen früh aus dem Leben gerissen. Was dem Buch jedoch fehlt, ist ein Glossar, in dem Nichtkundigen die vielen Bands und ihre Alben aufgelistet und erläutert werden. Es würde helfen, die Verbindungen zu den Texten leichter zu entschlüsseln.

Augusta Laar: Mitteilungen gegen den Schlaf. Träume, Lieder, Skizzen. Edition Melos, Wien 2021. 116 Seiten. Euro 22,-

Augusta Laar ist eine deutsche Künstlerin, Lyrikerin und Musikerin. Sie lebt und arbeitet abwechselnd in Krailling bei München und in Wien.

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